Ausgabe 
28.12.1895
 
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wollte. Die Erfahrungen und Ereigniffe von wenigen Stunden hatten ihn vor den Ernst des Lebens gestellt, er hatte ent­gegen der seichten Moral so manche« vornehmen Lebemannes vermocht, sich in goldene Ketten schlagen zu lasten, er wollte niemals ohne Liebe heirathen und in seinem Herzen ein ehrlicher, freier Mann bleiben. Da blieb ihm nun keine andere Wahl, stch ein bessere» Glück zu erkämpfen und sollte e» auch auf einem dornenvollen Wege geschehen.

Es war inzwischen Nacht geworden und in einiger Ent» fernung schimmerten Lichter in einem hohen Gebäude. Curt von Pleffen strengte sein Gedächtniß an, um zu errathen, vor welchem Dorfe oder Schlosse er stch eigentlich befinde, aber er marterte seinen Geist umsonst. Im Grunde genommen war e« ihm schließlich auch gleichgiltig, wo er vorsprechen mußte, um eine Unterkunft für sein krankes Pferd zu erhalten. Er schritt daher direkt auf das Gebäude los und stand in einer Viertelstunde vor einem stattlichen Herrenhause.

Er klopfte mit dem Säbel an das verschlossene Thor und bald öffnete ein alter Knecht.

Wo bin ich, lieber Mann?" frug Curt von Pleffen. Ich habe mich verirrt."

Hier ist der Herrenhof Linden und dort drüben ist da» Dorf Linken," antwortete der Alte.

Ich danke schön für die Auskunft- Das ist doch die Befitzung, welche dem Amtsrath Böhler gehört."

Der Herr Amtsrath wohnt aber nicht mehr hier, der hat Linden vor sechs Wochen verkauft."

Und wie heißt der jetzige Besitzer?"

Herr Major von Struberg."

Herr Major von Struberg hat stch hier angekauft, den kenne ich sehr gut. Hören Sie, Alterchen, ich bin mi meinem Pferde gestürzt und der arme Gaul geht entsetzlich lahm. Der Herr Major wird wohl gestatten, daß ich mein Pferd diese Nacht hier einstelle."

Da» glaube ich ganz bestimmt," sagte der Knecht, ich werde Ihr Pferd gleich in den Stall bringen, Herr Lieutenant."

Mit diesen Worten ergriff der Knecht da» lahme Pferd und führte er bei dem Scheine einer Laterne durch das Thor de» Herrenhose» in einen Stall-

Curt von Pleffen folgte ebenfalls dahin und ordnete an, daß das Pferd kalte Umschläge an den lahmen Fuß erhielt

Bald kam auch ein Diener aus dem Herrenhause her­bei und durch diesen ließ stch der junge Baron bei den Herr­schaften anmelden, denn er kannte dieselben, da vor zwei Jahren der Major von Struberg sein Vorgesetzter gewesen und ihm immer sehr freundlich gestnnt war. Curt von Pleffen konnte es jdaher schon wagen, in der Abendstunde stch dem Herrn Major vorzustellen und um Unterkunft für stch und sein Pferd für diese Nacht zu bitten.

Lieutenant von Pleffen erhielt auch bald günstige Antwort.

Die Herrschaften lassen den Herrn Lieutenant freundlich bitten," meldete der Diener zurück und der junge Baron folgte ihm in da» Herrenhaus, wo er stch im Hausflur erst seine Kleider und Stiefeln säubern ließ, denn dieselben sahen nach der seltsamen Affatre und nach dem Aufenthalte im Pferde­stalle gar nicht salonmäßig aus.

Bomben und Granaten, Sie stnd es wirklich, Herr Lieutenant von Pleffen," rief der Major von Struberg lachend in seiner jovialen Weise, als er den jungen Baron vor stch sah und ihm herzlich die Hand schüttelte.Wie kommen Sie zu dieser Stunde hierher? Haben Sie bei diesem Schneewetter einen Recognoscirungsritt von Schloß Pleffen bi» nach Linden gemacht."

Eine Art Recognoscirungsritt war es allerdings, Herr Major, aber ein verfehlter und verunglückter," entgegnete Lieutenant von Pleffen und versuchte über seine ganze üble Affaire zu scherzen,ich habe den Feind nicht getroffen, bin aber, al» ich mit meinem Pferde im Dämmerlicht über ei en

Straßengraben setzte, gestürzt und da» arme Thier hat stch dabei den Fuß verstaucht. Um e» sobald wie möglich in einen Stall zu bringen, lief ich, da» Pferd am Zügel führend, nach der nächsten menschlichen Niederlaflung und kam vor Ihre Besitzung. Ein alter Knecht gewährte mir gutmüthig Einlaß und ich bitte höflichst für mich und mein Roß Obdach für diese Nacht, Herr Major!"

Mit größtem Vergnügen wird Ihnen Beide« gewährt, lieber Pleffen," entgegnete der Major freudig.Sie sind mir doch ein lieber Kamerad, können Ihrem penstonirten Major etwa« vom Regiment erzählen und mir für diesen Abend die Langeweile vertreiben, denn wahrhaftig, ich muß e» gestehen, ich sehne mich oft nach dem Regiment zurück- E» war wirk­lich ein übereilter Schritt, als ich seiner Zeit um meinen Ab­schied bat."

Wir haben es auch Alle sehr bedauert, als Sie ab» gingen, Herr Major," erklärte Curt.

Ach, laffen wir die« Thema fallen, lieber Pleffen, es könnte mich sonst melancholisch stimmen und ich will doch einen heiteren Abend mit Ihnen verleben. Meine Frau und meine Töchter sind schon von Ihrer Ankunft unterrichtet. Bitte, folgen Sie mir in'« Speisezimmer, denn Sie hoben nach dem scharfen Ritte gewiß Hunger und Durst."

Gern folgte Pleffen dieser freundlichen Aufforderung de« Majors und trat an dessen Seite in da» Speisezimmer, wo er von den Damen freudig begrübt wurde.

Alle Wetter, sind die Fräulein von Struberg hübsche Mädchen geworden," dachte Curt, al» er bewundernd vor den jungen Damen stand.Vor drei Jahren waren e» noch so unbedeutende, in der Entwickelung begriffene Mädchen und jetzt strahle« sie wie Juno und Venu»-"

Natürlich saß Curt bei Tische zwischen den reizenden Töchtern de» Hause» ,und dar gegenüber sitzende Elternpaar sah mit Vergnügen, wie die jungen Leute ihre Erinnerungen von dem letzten, gemeinsam verlebten Regiment»feste au»- tauschten.

Sie haben uns damals sehr, sehr vernachlässigt, Herr Lieutenant," erklärte schelmisch die jetzt zwanzigjährige Edith von Struberg dem Baron von Pleffen rundweg.Sie hatten einfach keine Augen für uns und wir sollten uns heute eigent­lich an Ihnen rächen. Wenigstens sollten Sie nicht satt zu effen bekommen, denn wir haben damals wesentlich mit durch Ihre Schuld auch nicht genug auf dem Feste getanzt."

Aber Kinder, so dürft Ihr doch nicht Rache nehmen," rief der Major lachend und schenkte Pleffen ein neue» Gla« Wein ein.Der Herr Lieutenant ist heute unser Gast und da darf er, so schwer er auch sonst gesündigt haben mag, weder Hunger noch Durst leiden."

Ihr wart ja auch damals noch kaum den Kinderschuhen entwachsene Backfische," bemerkte auch Frau Major von Stru­berg lächelnd.

Bitte, Mama, ich war damals siebzehn Jahre gewesen," rief Edith,und da darf man doch wohl einigen Anspruch auf Beachtung machen. Ich werde Ihnen übrigen« verzeihen, Herr Lieutenant, und als Beweis dafür dürfen Sie sich hier von der Rehkeule das größte Stück nehmen."

O, welches Glück, daß sich nicht alle Schuld auf Erde« rächt," erwiderte Pleffen schelmisch,ich danke Ihnen sehr verbindlich für den gewährten Pardon, gnädiges Fräulein. Ich würde mich wahrhaftig dieser Sünde nicht wieder schuldig machen, wenn ich das Vergnügen haben sollte, Sie wieder auf einem Ballsaale zu sehen- Ich bitte also nochmals um Ver­zeihung, meine Damen."

Ich habe Ihnen nichts zu vergeben, Herr Lieutenant," entgegnete jetzt die jüngere Tochter de» Major», Leonie von Struberg,denn ich konnte damals noch nicht ordentlich tanzen und Sie hätten höchsten« einen Polka mit mir riskiren können."

(Schluß folgt.)

SRebortion: A. Rchetzda. Druck und Revlag der Brühl'schen UniverstMs-Buch. und Sleindriickerei (Pietsch & Gcheyda) in Wietzen.