Ausgabe 
28.12.1895
 
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Der heitere Himmel hatte sich mit grauweißen Schnee« wölken umzogen, al» Nachmittag» Curt von Plesssn auf flinkem Pferde in der Richtung nach Rodeck von Schloß Pleffen davonritt. Entgegen Curts Gewohnheit mäßiate er u?1 ?<mpo bt< Pferde« und ritt im bedächtigen Schritt weiter, denn er empfand einen sich von Minute au vergrößernden Widerwillen darüber, auf Schloß Rodeck die Rolle de» Freiers zu spielen.

Ohne eine innere Zuneigung eine Heirath zu schließen, widerstrebte ihm vollständig, und je mehr er sich in seinem Gedächtniß anstrengte, um sich die guten Eigenschaften de« Fräulein« von Rodeck in Erinnerung zu bringen, umsomehr litt er bei diesem Bestreben Schiffbruch. Curt'« Herz zog ihn eben nicht zu der Dame hin, und merkwürdig, so leicht- finnig er auch sonst sein konnte, eine bloße Verstandrehe au- finanziellen Gründen vermochte er nicht zu schließen.

Dann sagte er sich allerding«, daß er ein Vorurtheil gegen Agne» von Rodeck habe, daß sie ihm vielleicht doch liebenswürdig und begehrenswerth erscheinen könne. Aber bann brachte ihn wieder der Gedanke in Verzweiflung, daß er sogar keine Wahl mehr haben sollte, denn er hatte in Schloß Rodeck einfach den Brief abzugeben und dann galt die Verlobung für abgeschlossen. Diese vollständige Unfreiheit in Bezug auf die Wahl seiner Gattin sollte ihm sein Vater nun doch wohl nicht zumuthen, mochte vorgefallen sein, was da wollte. Curt von Plessen beschloß daher, bei seinem Be- suche auf Schloß Rodeck den entscheidungsvollen Brief zunächst nicht abzugeben. Aber dann fehlte ja seinem Besuche die eigentliche Mission, und da die Herrschaften auf Schloß Rodeck von dem ganzen Plan« offenbar schon unterrichtet waren, so konnten sie sich genarrt fühlen, wenn er nicht bald nach seiner Ankunft den Brief abgab.

Er war rin entsetzlicher Seelenkampf, den der junge Mann allmählich durchzukämpfen gezwungen war. Heiß rollte ihm da« Blut durch die Adern und seine Pulse hämmerten vor Aufregung, zumal er vor Aerger über die ganze ihm so widerwärtige Lage und auch um sich gegen die empfindlich «erdende Kälte zu schützen, eine Flasche Rothwein getrunken

hatte, ehe er dar väterliche Schloß verließ. Wüthmi» über dar Dilemma, in welchem er sich befand, gab er plötzlich seinem feurigen Pferde die Sporen, dasselbe mochte einen colossalen Sprung nach links und raste in sausenden Galopp dahin. Der tollkühne Reiter blieb nicht mehr auf dem Wege, sondern querfeldein ging es über die mit einer leichten Schnee­decke bedeckten Felder. Was kümmerte bett Husarenlteutenant b«t waghalsige Ritt? War er im Manöver doch oft über Stock und Stein geritten und nicht gestürzt, und heute war

'hm erst recht gleich, ob er Gefahr lief oder nicht. Viel- leicht überschlug er sich an dem nächsten Graben mit dem Plttde und brach ein Bein, dann brauchte er doch nicht auf Schloß Rodeck die verhaßte Rolle de» erzwungenen Freier« zu spie.en. Jetzt fing e» auch an zu schneien und zu stürmen. Das war so recht ein Wetter zum Halsbrechen.

. Aber seltsam, der waghalsige Reiter blieb auf seinem tollkühnen Ritte unversehrt, soweit er auch in die mit Schnee bedeckten Felder hineinjagte und fein Pferd immer mehr antrieb.

.. endlich, äl« da« Schneegestöber nachgelassen, tauchten die Bäume einer Landstraße vor Curt von Plessen'« Blicken auf. Mitgefühl mit dem im Schnee watenden Pferde er- faßte ihn und er lenkte e» im Galopp ber Straße zu Mit einem kühnen Sprunge wollte er üver den Straßengraben setzen, aber das ermüdete Pferd sprang zu kurz und stürzte mit seinem Reiter in den Graben.

Zum Glück blieb Curt unverletzt, doch sein schöne«, edles Pferd hinkte erbärmlich und hatte offenbar eine Fuß­verletzung erhalten. Es blieb nun dem jungen Baron nicht« anders übrig, als das Pferd am Zügel bi» zum nächsten Dorfe zu führen.

Dar ist heute ein wahrer Unglückstag für mich," murmelte er vor sich hin, al« er da« lahme Pferd nach sich ziehend, langsam auf der Landstraße dahin schritt, und ein gute« Ende ist noch nicht abzusehen. Die Abgabe de» fatalen Briefes auf Schloß Rodeck ist durch den Unfall mit dem Pferde allerdings für heute vereitelt und auch entschuldigt, aber der Zorn meine» Vaters bleibt mir gewiß und von meinem inneren Elende kann mich auch Niemand erlösen *

Der sonst so übermüthige Lieutenant von Plessen, der m« vor wenigen Tagen noch Vielen al» ein beneiden« werther S?linb Molten hatte, fühlte sich jetzt thatsächltch sehr un- S ^cklich und elend. Bei seinem stolzen Regiment durch die vielen Schulden, die er wieder gemacht und die sein Vater noch nicht einmal alle wußte und sicher künftig nicht mehr bezahlen würde, unmöglich gemacht, im väterlichen Schlosse den Zorn de« Vaters und eine ihm unüberwindliche Aufgabe in Bezug auf seine geplante Verheirakhang mit einem reichen, aber ungeliebten Mädchen gestellt und jetzt im Kchneewetter mit einem zu Schande gerittenen Pferds ohne Plan und Ziel aus der Landstraße umherirrend, das war sicher eine Situa­tion, um ihm die ganze Schwere seines bisherigen Leichtsinn» im grellsten Gegensätze zu zeigen.

Wo waren denn jetzt die vielen guten Freunde, mit denen er so oft in überströmender Jugendlust gezecht, gespielt und tolles Zeug getrieben hatte? Würden sie nicht ein donnerndes Hohngelächter anstimmen, wenn sie jetzt sehen könnten, wie er, statt auf Schloß Rodcck eine glänzende Ißartte zu machen und mit dem künftigen Schwiegerpapa etae Flasche Champagner zu leeren, jetzt hier die tragikomische Rolle eines neuen Retters von der traurigen Gestalt spielte War er denn auf einmal besser geworden als alle die vor­nehmen Verschwender, welche ihre zerrütteten Finanzen durch etne reiche Standesheirsth ohne Liebe wieder in Ordnung zu bringen suchen, oder war e» nur eine seltsame Schrulle von ihm, daß er zu der Vernunftsheirath, welche sein Vater ge­wiß in bester Abstcht mit Herrn von Rodeck verabredet hatte, nicht za sagen wollte? Sollte er jetzt doch lieber noch dem Vater gehorchen und im nächsten Dorfe einen Wagen nehmen, um nach Schloß Rodeck zu eilen und dort den ent­scheidenden Brief abgeben? Nein, nein, das that er nun unter keinen Umständen mehr und sollte e» kosten, was es

M er hat mir manche Freundlichkeit in bar e e\Ußb ihm einen Strich durch

"achen. Das paßt mir eigentlich gar nich? zumal mein Herz nicht im Geringsten für die Dame, die Ihr al» meine Braut aurerwählt habt, entflammt ist." »er6effSlJU*5 mi$' daß Du bei Deinem bisher UN- ^^desserlichen Leichtsinne noch Dein gutes Herz bewahrt hast begehe in Deiner Gutmüthigkeit keine Dummheiten in f die freundschaftlichen Gefühle, die Du für den ^in?n"^°usen hegst. Seinetwegen darfst Du unter zurücktMen "Tn * s Um Fräulein von Rodeck Freier !us SMak SJ ^x9^ toie Jngerhausen al»

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. »^art, bringe mich nicht in Zorn durch diele tbfirirhfc ^"»tt^Akeit! Mir sind Deine Schulden auch sehr fatal Sau &Ub D-in bodenloser Leichtsinn könnte mich

dazu bringen, Dich zu verstoßen, wenn Du nicht sofort Ver- ßntUnb ^r ^horchst. ®u reitest noch heute Nachmittag hinüber nach Schloß Rodeck, stellst Dich den Herr- schäften vor und übergiebst Herrn von Rodeck diesen Brief WidersvruL Abgemacht. Ich dulde keinen

tMrä? 5 ' be«n »eine gattjen Gegengründe sind ^dricht. - E» gilt zu handeln, ehe Jngechausen auf Schloß Rodeck eintrifft, wat jeden Tag geschehen kann." ^.^urtwollte noch einmal zur Entgegnung da» Wort er- greifen, aber al» er sah, daß sein Blick den vor Zorn fun- ke ntren Augen de» Vater« begegnete, sagte er erbleichend und mit zitternden Lippen:Gieb mir den Brief, lieber Vater. Ich reite heute Nachmittag hinüber nach Rodeck."