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Der Lenz war einmal wieder toll und voll! — Glaubst Du an Ahnungen?"
Weyland lachte: „Aufrichtig gesagt, nein!"
„Prosamensch! Nun gleichviel! Mir ist es stets so, als müßte mir dieser Lenz einmal ein recht schweres Leid zu» fügen!"
Weyland entgegnete: „Einbildung, Bruderherz! Du hast nun einmal diese Antipathie gegen ihn! Doch eile!"
„Festina lente, amice! UebrigenS will ich, wenn Ant- wort aus Sesenhetm einläuft und ich nichts Dringendes ver- säume, den Ritt durch den Winter wagen! '
Er kleidete stch völlig an und lud dann den Freund zum Mokka ein.
„Wir erhalten freilich," lachte er dabei, „wohl erst den zweiten Aufguß, denn den ersten trinkt meine Wirthin gewiß selbst; doch lange immerhin zu!"
Beide Freunde eilten dann in's Colleg.
IV.
Nachklänge.
Tage des Glückes, ihr lebet in der Erinnerung Lichte Und für die fernrste Zeit zehret die Seele von euch.
s» war Sonnabend.
Dieses Mal erwartete man Goethe vergeblich am Tische in der Krämergaffe. Salzmann blickte unruhig auf den leeren Platz, Alle fragten nach Goethe. Weyland, der ihn in seiner Wohnung nachsuchte, fand ihn trotz des hohen Schnees abgereist und flüsterte: „Liebesgötter sind mit ihm! Möge ihn kein Unfall treffen, das walte Gott!"
Inzwischen kürzte sich die Entfernung zwischen Goethe und Sesenhetm merklich. Um sechs Uhr stellte er seinen Falben im bekannten Wirthshause ein und erfuhr vom Wirthe, wie die beiden Mamsellen aus dem Pfarrhause hier bi« vor Kurzem der Ankunft eines Fremden gewartet. Gewiß deutete das auf ihn! Sehnsucht beflügelte seinen Schritt, so daß er die Schwestern dicht vor dem Pfarrhause noch einholte.
Da wandte sich Friederike der Schwester zu und flüsterte: „Siehst Du? Meine Ahnung! Dort ist er!"
Sie empfing den Freund mit hervorbrechender Herzlichkeit, Salomea aber freute sich de» Glückes der Schwester neidlos.
Im Pfarrhaufs gab e» eben keine Egoisten 1 Herr Brion lachte den Gast an und sagte: „Ah, da find ja der künftige Herr Amtmann!"
Die Frau Pfarrer hieß Goethe einfach willkommen, aber der lange Blick, mit dem sie dieses W llkommen begleitete, sagte mehr: Er war ein echt schwiegermütterlicher I
Obwohl diese Art beider Gatten Goethens feinfühliger Natur eben nicht sympathisch war, wurde doch sein Inneres von alledem so enthusiaSmirt, daß er überströmender wie sonst in'» Pfarrhaus trat.
Bald nach seiner Ankunft wird der Thee aufgetragen, wobei Goethe mit Friederiken in'» Kanapee dirigirt ward.
Herr Brion sprach zuerst von seiner Adventspredigt und etwa« von einer Hosianna-Stimmung floß ein, al» er nicht ohne bedeutsame Beziehung aus den Gast von dem Glücke sprach, welches auch im Menschenherzen zum Christfest Emzug hatten wolle. (Fortsetzung folgt.)
„Via Sunset Route.“
«ine Reise um die Welt.
Bon Heinrich Lemcke.
(Schluß.)
Die nun folgende Tour durch New-Mexieo und Arizona ist von solcher mannigfachen ureigenen Schönheit und solchem feffelnden Reize, wie sie kein anderer Theil der Bereinigten Staaten zu bieten vermag. Die sonderbar geformten Berge, die klare Atmosphäre, die herrlichen Lichteffecte der Sonne zaubern ein Gesammtbild hervor von bestrickendem Glanze- Unser Train vasfirt viele Minenstädte, wie Demming, Benson,
r Rillito und andere, allwo Silber, Kupfer und anderer Erz | in großen Quantitäten gewonnen wird. Diese Minenstädte find voll des abenteuerlichsten Gesindels, Desperados und Grisetten schlechtester Sorte. Orgien und Morde spielen hier eine Hauptrolle- — Trinkwaffer ist nur spärlich zu haben und muß meistens durch Ochsen-Gespanne (zwölf Ochsen vor einem Gelpann) bi» fünfzig und mehr Meilen weit herbeitransportirt werden.
Weltberühmt ist der Reichthum Arizonas an Kakteen ) verschiedenster Arten und von großer Schönheit. Ich sah i Kakteen von 50 Fuß Höhe. Neun Meilen von Tucson in Arizona liegt San Lavier, die erste Mission der Franziskaner- und Jesutten-Mönche aus dem Zeitalter 1690 bis 1700. In der Nähe von Adonde erblicken wir Gruppen von Indianern. Es sind schöne Gestalten mit üppigem schwarzem Haarwuchs und kupferbraunen, bunt bemalten Gesichtern, Pfeil und Bogen in den Händen. Sie laufen «och in paradiesischem Zustande hier herum; nur baumwollene Lappen ! haben sie um ihre Hüsten gebunden. Große Sandwehen, gleich riesigen Sandwällen erblickt das Auge-
Gila City, das nun folgt, liegt in einem Kranze wunderbar geformter Bergzüge- Etliche Stunden darauf erreichen wir Juma am Colorado River. Dieser ist einer der Haupt- j ströme Amerikas. Er entspringt in der Sierra Nevada und - mündet im Golf von Caifornia in Mexiko. Juma ist einer | der interessantesten Plätze in der Union. Die hier lebenden ; Indianer find die schönsten von allen Indianer-Stämmen 1 Amerikas. Sie betreiben Töpferarbeiten und Diamanten- i Suchen. Biele von ihnen betteln auch an den Eisenbahn- s zügen. Auch wir Paffagiere beschenkten die Indianer reichlich, die uns in idiotenhafter Weise dafür dankten. Manche Jndianerweiber verspürten sogar nicht wenig Lust, uns ihrs kleinen Sabie«, , bie sie auf dem Rücken trugen, in Bündeln, i gegen ein Paar Dollars zum Kauf anzubieten.
Juma, das gleichzeitig ein Fort mit Militär der Ber- i einigten Staaten-Armee besitzt, ist als der heißeste Platz in der Union bekannt und das Thermometer zeigt hier selten unter 100 Grad Fahrenheit. Die Sage berichtet, daß ein Soldat, der längere Jahre auf Fort Juma war, nach seinem Tode wegen seiner auf Erden begangenen schlechten Thaten ’ nach der Hölle kam und dort den Höllenfürsten um ein blanket (wollene Decke) bat, weil er au» Juma käme und ihn in der Hölle zu sehr fröre.
Wir waren herzlich froh, daß nach einem Aufenthalte von nur zehn Minuten unser Zug weiter eilte. — Nun geht ' e« nach CUifornien hinein, hinein in jenes Wunderland, da« - einen ewigen Frühlmg hat. Kein Eis, kein Schnee deckt hier das Land und die Binnengewässer, keine wilden Orkane umtoben seine halbmondförmigen Buchten, die Natur stirbt nicht in seinen ewigen Btumen-Gärten und Rosen-Park«, und 1 stolz wehen im Januar, wie im Juli, die immergrünen i Wipfel klassisch schöner Pinien und die schattigen Kronen i breiter Lebenseichen unweit de« sonnenbeschienenen Strande« i des Stillen Ocean»! An der einen Seite das blauende Meer, $ an der anderen Seite die hohe schneebedeckte Sierra al« - Landesmark gegen den Continent!
Bon Juma fällt die Bahn 400 Fuß über der Meeres- | höhe zu 263 Fuß unter der Meererhöhe hinab. Heiße vulkanische Quellen und ein mächtige« Salzwüsten-Gebiet werden passtrt. Dann aber klimmt unser Zug die Sierra Nevada entlang, zu beiden Seiten glitzernde, schneebedeckte Bergesriesen in Hellem Sonnenlichte, während in den Thälern, die wir durchfahren, Rosen und Oleanoer blühen, Orangen-, Lemonen-, Feigen- und Olivenbäume voller Früchte hängen und goldene Weintrauben au» grünem Laub hervorlugen. Die Scenerie wird immer tropischer mit jeder neuen Curve, die unser ,Sunset Limited“ nimmt. Wir passireu Colton, Pomona und die San Gabriel-Mission. Endlich taucht sie auf, die Stadt der Engelskönigin, Los Angeles, das Ziel aller Touristen und aller „einlungiger" Amerikaner, die hier im sonnigen Süden Californiens wieder geneien wollen. Diese Stadt ist da» eclatantest« Beispiel klimatischer Anziehungskraft.


