Ausgabe 
28.11.1895
 
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Er ging, Goethe aber begab sich an seine Studien.

Er mochte eine Stunde gearbeitet haben, als Weyland mit vergnügtem Gesichte eintrat und srug:Nun, Wolfgang,

wie geht'»?"

Goethe drehte sich herum.Hast Du Nachrichten von drüben?"

Weyland lachte.Natürlich und gute! Man gedenkt Deiner allseits mit Vergnügen und lebhafter Freude!"

Uttb flß

"Sie sendet schüchtern besonders herzliche Grüße!"

Wolfgang nahm ei« Blatt und reichte es Weyland. Dieser warf sich in den nächsten Lehnstuhl und las halblaut:

Nach dem Mittag saßen wir Junges Volk im Kühlen;

Amor kam undStirbt der Fuchs" Wollt er mit uns spielen.

Jeder von den Freunden saß Froh bei seinem Herzchen;

Amor blies die Fackel aus. Sprach:Hier ist das Kerzchen!"

Und die Fackel, wie sie glomm, Ließ man eilig wandern, Jeder drückte sie geschwind In die Hand des Andern.

Und mir reichte Riekchen her Sie mit Spott und Scherze; Kaum berührt mein Finger sie, Hell entflammt die Kerze.

Sengt mir Auge und Gesicht, Setzt die Brust in Flammen; Ueber meinem Haupte schlug Fast die Gluth zusammen.

Löschen wollt' ich, putschte zu, Doch es brennt beständig;

Statt zu sterben, ward der FuchS Recht bei mir lebendig I"

Daun rief er au»:Ha, welch' eine Gabe Du besitzest, das Alles gleich in Verse, nein, in Musik umzusetzen I"

Wolfgang wiegte leise den Kopf und meinte:Da« war s nicht schwer, wenn ich an den schönen Octobernachmittag auf dem Rasen des Pfarrhauses, wo sich der hereingeströmte Be- such zum Pfänderspielen vereinigt hatte, dachte! Ach, die schöne Jasminlaube ist nun entblättert, der Flieder steht kahl da, der Garten liegt voll Schnees!" :

Ohne Zweifel!" lachte Weyland.Das hindert aber doch einen Retter wie Dich nicht, den Weg nach Sefenheim auch allein zu finden!"

Wolfgang sprang erregt aus.Wie? Du meinst, man l «erde drüben einen nochmaligen Besuch nicht übel deuten?" !

Weylandlachte.Nebel deuten? CousineSalomea fragt ja geradezu an, wann der artige Herr Goethe einmal wieder das Pfarrhaus durch einen Besuch ehren würde; heißt dar übel deuten?"

Wolfgang nahm wieder Platz und versicherte:Das genügt mir! Ich werde jetzt schreiben, schon um deswillen, weil ich da» Briefchen ihrer Schwester schimpf»' und ehren» halber noch nicht beantwortet habe!"

Weyland nickte.Du Glücklicher! Ich aber muß mich « inzwischen in da» Studium werfen! Gehabe Dich wohl!"

Goethe drückte ihm die Hand und fetzte sich dann an den j Schreibtisch, wo er folgenden Brief entwarf:

Meine Rebe Freundin I |

So darf ich ja wohl wagen, Sie zu nennen? Sie r sollen mich aber nicht undankbar schelten, wenn ich es noch f nicht gewagt habe, eine Antwort-Epistel auf Ihr liebes ? Briefchen folgen zu lassen. Ich denke aber, daß der Wohl- anständigkeit nun eine Genüge geschehen und wage es, beim Mangel jeder schnelleren Beförderung mich mit Ihnen durch di« ordinäre Fahrpost in Rapport zu setzen. Mein Herzens­freund, Vetter Weyland, bringt mir soeben Ihre Grüße, dl« ich mtt einer Herzlichkeit erwidern möchte, von welcher «, sich eine annähernde Vorstellung machen können, wenn

ich versichere, daß ich die schönen Tage von Sesenheim nicht vergessen werde. r v

Dabet erinnere ich mich meine« Versprechens, Ihnen da« von mir erzählte MärchenDer neue Amadis" auf­schreiben zu wollen. Es ist mir nur in poetischer Form gelungen; hier steht es:

Als ich noch ein Knabe war, Sperrte man mich ein; Und so saß ich manches Jahr Mutterseel' allein In der Bücherei.

Doch Ihr wurdet meine Welt, Gold'ne Phantasien, Und ich ward ein tapfrer Held Wie der Prinz Pipin Und durchzog das Land!

Baute manch' krystall'nes Schloß Und zerstört' es auch, Warf mein blinkendes Geschoß Drachen in den Bauch, Denn ich war ein Mann!

Ritterlich durst' ich befrei'» Die Prinzessin Fisch;

Obligeaut sie konnte sein, Führte mich zu Tisch, D'rum war ich galant!

Ach, ihr Kuß war Götterbrod, Glühend wie der Wein, Fast ich liebte mich zu Tod; Licht und Sonnenschein War das Leben mir!

Und doch konnte sie entfiieh'n!

Ach, kein Zauberband

Hielt zurück sie, fortzuzieh'n In ein fernes Land!

Sagt, wo ist der Weg?"

Beim Nachlesen überkommt mich eine echte Sehnsucht nach der stillen Jasminlaube, in der außer meinen getreuen Prinzessinnen nur der silberne Mond Zeuge dieser Crzäh- lung war. Der schöne Platz wird vom Schnee bedeckt sein wie der ganze Garten, denn es hat ja greulich geschneit. Ist'« aber draußen auch Winter, drinnen im Herzen ist'» Sommer, gottlob, und auch der Schnee soll mich nicht hin­dern, unserem Herrn Gott zu Ehren die Reise mit meinem Falben zu wagen, wenn'« dem gestrengen Herrn Papa und der Frau Mutter genehm wäre, zu empfangen

Ihren ergebensten Diener Wolfgang Goethe."

Al» am andern Morgen Weyland den Herzensfreund zu« Colleg aus dem Bette holte, lag auf dem Schreibtisch der­selben folgender Zettel:

Ich komme bald, Ihr gold'nen Kind«, Vergebens sperret uns der Winter In unfre warme Stube ein!

Wir wollen uns zum Feuer setzen Und tausendfältig uns ergötzen, Uns lieben wie die Engeleinl Wir wollen Blumenkränze winden, Wir wollen kleine Sträußchen binden, Wir wollen wie die Kinder sein!"

Weyland lachte und meinte:Das Blatt, Wolfgang, hättest Du dengoldenen Kindern" selbst schicken sollen; e» würde sie das erfreut haben! Doch die Blumen am Schluffe paffen nicht in den Winter hinein!"

Goethe gähnte und kleidete sich an.Närrchen, da» ist ja bildlich gemeint! Kränze und Sträußchen find die Grzäh' hingen, für welche das Pfarrhaus nun einmal schwärmt! Die besten Gedanken kommen auch stet» zu spät! Die Strophen hasteten auf dem Papier, als mein Brief längst fort war; so werde ich sie mit nächstem fortsenden!"

Weyland nickte und bat dann, sich zu beeilen, e» sei baldigst Zeit, worauf Wolfgang verdrießlich zurückgab:Dieser Publikum liest doch auch gar zu früh, Bruderherz; ich bin noch so müde! Hatten gestern Abend nach der Sitzung b» gelehrten Uebungrgesellschaft noch ein leidliche» Convivium-