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UnterhaltungsdlaiL zum Gießener Anzeiger (General-Anzeiger)
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Dichterfrühlmg.
Historische Original-Novelle von Carl Lassan.
(Fortsetzung.)
Wolfgang Goethe hatte sich bei den letzten Worten auf eine Stemkank niedergelassen und schauerte jetzt trotz de« schnurbesetzten Pelzrockes zusammen. Da legte sich eine Hand auf feine Schulter und bet ihm stand — Salzmann.
»Sie sind es?" fragte Goethe aufstehend und steckte die Tafel ein.
Salzmann nickte. „Ja, Derjenige, den Sie mit dem Namen Ihres Sokrates beehrten, obwohl dieser ihm nicht zu- kommt. — Aber nun sagen Sie mir auch, was Sie so gänz- lich umgewandelt hat!"
Goethe erhob sich und sagte: „Sie sollen es wissen; aber nicht hier, wo meine warmen Worte zu Eis gefrieren! Kommen Sie, bester aller Tutel-Secreräre, mit in mein Logis auf dem Fischmarkt, wo wir von meiner Wirthin eine starke Tasse Kaffee bereiten lassen wollen, zu dem wir einen Napfkuchen probtren werden, den mütterliche Besorgniß heute früh mit der Fahrpost au« Frankfurt gesandt! Kommen Sre!"
Bald saßen beide Freunde in Goethes, dank väterlicher Freigebigkeit sehr comsorkabler Wohnung am Kamin und Wolfgong berichtete: „Nun will ich Ihnen, mein lieber Sokrates, auch gestehen, was an der Sesenheimer Geschichte, von der Sie durch Weylaod schon etliches erfahren, Gutes ist. Tadeln Sie mich nicht: Ich liebe, wohlgemerkt, ich bin nicht verliebt!"
„Ei, ei, mein lieber, kluger Freund!"
„Ja, wie es kam, so frage ich mich auch oft, daß mich ihr Wesen schon beim ersten Anblick so mächtig angezogen, daß ich mich himmelhoch erheben möchte! Eoelschön wie ein Meisterwerk Tizians hat dieses Mädchens Himmelszauber meine ganze Seele berückt! Nichts gleicht der Anmuth ihres Ganges, nichts erreicht sie bei jeglicher Verrichtung I Entzückend «st sie, wenn sie in der Flur ihre Eisäffer Volkslieder singt I Acluar- chen, wenn Sie sie gesehen hätten, so würden Sie mir beistimmen I“
Salzmann schüttelte das Haupt und meinte: „Aber so I
schnelle Entschlüsse, mein lieber Freund, sind in den seltensten Fällen richtig überlegte! Ich denke verstanden zu haben, daß Sie nur drei Tage dort gewesen sind."
„Allerdings; aber als Weyland, der ein verteufelt präciser Academiker ist, abreisen wollte, fühlte ich bereits den Widerhaken in meinem Herzen! Noch ist bei der Ehrbarkeit im Pfarrhause kein Wort von einer Erklärung zwischen uns gefallen, was aber dem Worte nicht erlaubt ist, das deuten oft Blicke und Seufzer; zudem haben wir uns öfter geschrieben!"
Wieder sLüttelte Salzmann den Kopf und sagte: „Junger Freund, da ist bei Ihnen einmal wieder das Herz mit dem Kopfe durchgegangen! Aus Ihren Schilderungen entnehme ich, daß Friederike Brion ein gutes, schönes Mädchen sein muß! Wissen Sie aber auch schon, ob sie Ihnen geistig genügen wird? Sie find ein junger Aar, der den Hochflug des Geistes liebt; hüten Sie sich, daß Sie nicht mit einer Kette an diese alltägliche Erde gefesselt werden! Wissen Sie ferner, ob Ihr Vater, der Herr Rakh, in seiner bekannten Strenge jemals seinen väterlichen Segen zu dieser Verbindung geben wird? Mich dünkt, er will mit seinem Einzigen weit höher hinaus! Sie sind noch junger, gährender Wein, der sich klären muß! Emst muß eine Gattin an Ihrer Seite stehen, welche den Dichter in Ihnen verstehen und anregen kann; wird dieses möglich sein? Und ist schließlich das Mädchen aber nicht zu gut dazu, als Feldblümchen am Wege abgepflückt zu werden zum Welken uno Vergehen? Mein Freund, sind Sie nicht sicher, so kehren Sie um, so lange es noch Zeit ist und machen Sie die Mufen zu Ihrem Lieb!"
Goethe seufzte. „Ja, mein lieber, weiser Freund, Alles, was Sie da sagen, habe ich mir selbst schon ohne Erfolg wiederholt eingeredet, und dennoch zieht es mich zu diesem Mädchen mit Himmelsgewalt; ich halte es für meine Muse!"
Salzmann machte ein sehr ernstes Gesicht, als er nach langem Schweigen entgegnete: „Nun, dann mit Gott! Sei es zu Ihrem Segen!
Er stand auf, nahm den Hut und ging; Wolfgang geleitete ihn bis zur Thür und fragte: „Sind Sie mir böse?"
Da zog ein sonniges Lächeln über die strengen Züge des Actuars und er gab zurück: „Nein, ich nehme an, daß es höhere Fügung so gewollt! Ich muß auf's Bureau!"


