Ausgabe 
28.9.1895
 
Einzelbild herunterladen

460

Hygienische FrühherbK-Dttrschtung.

Von Dr. Otto Gotthilf.

(Schluß.)

Dies ist auch der Kern- und Ausgangspunkt für alle Vorbeugungsmaßregeln gegen die Influenza. Den Anfall der Krankheit selbst mag man wohl beeinflussen können durch Schonung, Ruhe, Schwitzen und bergt., wie eben jeden starken Catarrh- aber gegen die schlimmen Folgen muß man bei Zeiten Vorbeugungsmaßregeln treffen, indem man stets, auch in gesunden Tagen, auf die Kräftigung der empfindlichsten Organe seines Körpers, namentlich der Lunge, bedacht ist. Auch auf die Dauer und den Grad der Influenza selbst hat eine kräftige Lungenventilation und energische Blut- zireulation überaus großen Einfluß. In der Sammelforsch- ung, welche in Deutschland gemäß einem Erlasse des Reichs­kanzlers vom 10. Januar 1890 angestellt wurde, heben die Berichterstatter immer wieder hervor:Auffallend schnell und leicht verlief die Erkrankung bei Schulkindern." Natürlich! Diese turnen und spielen, tummeln und springen draußen in der frischen Luft bei Wind und Wetter umher, so daß die kräftig arbeitende Lunge und das schnell pulsirrende Blut alle etwa eingedrungenen Krankheitserreger alsbald wieder aus­haucht und wegspült.Manche Beobachter", äußert sich das Reichsgesundheitsamt,redeten geradezu von einer durch den Aufenthalt im Freien gegebenen Immunität" (Gefeitsein gegen die Krankheit). Einige Beispiele mögen dies beweisen. In der Landesirrenanstallt des Herzogtums Anhalt bleiben alle im Freien Arbeitenden verschont. Von den Insassen des städtischen Arbeitshauses in Halle, deren Mehrzahl sich beim Straßenreinigen den ganzen Tag über im Freien be­fand, erkrankte nicht einer. Und diese straßenreinigenden Arbeitshäusler werden doch wahrlich nicht durch gutes Leben, kräftigende Weine oder schonendes Jnachtnehmen vor den Unbilden der Witterung gegen die Influenza bewahrt gbliebeN sein, sondern dies wurde bewirkt trotz der geringen körper­lichen Pflege, welcher dieser Stand sich angedeihen lassen kann, durch die regelmäßige, tagtägliche Bewegung in frischer, tretet Lust! Im Landesarbeitshause zu Psalzburg (Lothringen) erkrankten 10 Procent der Außen arbeitet, 31 Procent der Inn en arbeitet. Diese Beispiele könnten aus dem unan­fechtbaren Material des Reichsgesundheitsamtes noch be­deutend vermehrt werden, aber die angeführten werden wohl genügen, um zu zeigen, daß das Beste und wohl einzige Vorbeugungsmittel gegen die Influenza und ihre so gefähr­lichen Nachwehen in einer Kräftigung und Abhärtung der Athmangswege besteht, deren Erkrankung ja gerade so viel Opfer fordert.

Welche Heilmittel sind nun aber anzuwenden, wenn man von der Influenza befallen ist? Das Kreisgesundheits­amt äußert sich hierüber folgendermaßen:So zahlreich auch die Anpreisungen charlatanischer Reclame waren, welche die Machtmittel zur Bekämpfung der Krankheit verbürgen wollten, über die symptomatische Beeinflussung dec wechselnden Krank­heitszustände sind die wiffenschafilichen Versuche trotz aller aufgewandten Mühe nicht hinausgekommen". Und der Erlaß des Großherzoglich badischen Ministeriums vom 18. Decem- ber 1889 sagt:Weil die Influenza in den allermeisten Fällen eine leichte, gefahrlose Erkrankung darstellt, darf die Behandlung derselben meistens eine sehr einfache sein. Es genügt in der Regel, das Bett zu hüten, knappe Diät zu beobachten und Schweiß befördernden Thee zu nehmen." Diese Aeußerungen sind insofern höchst bedeutungsvoll, als sie nicht für die übermäßige Anwendung von Chinin, An- tipyrin, Calomel, Tannin, Salol, Terpentin und ähnliche Radicalmittel" eintreten. Wohl kann z. B. das Antipyrin, vom Arzte in bestimmten Dosen verschrieben, bei hohem Fieber gute Dienste leisten, aber im Publikum ist damit ein wahrhaft heilloser Unfug getrieben worden.Nicht selten

: sind seine Vortheile durch kritiklosen Gebraitch wieder aufge­hobelt worden, da es bei nicht vorhandener Temperaturer­höhung geradezu als Herzgift wirkt. Die Berichte betonen wiederholt, daß als Folgen davon vollständiger Verfall der Körperkräfte und hochgradige Herzschwäche eingetreten sind". (Reichsgesundheitsamt.) Die beste Wirkung haben bei Aus- bruch der Influenza stets schweißtreibende Mittel geleistet. Der Patient legt sich in's Bett, wird mit recht warmen Decken und Kissen bedeckt und genießt reichlich Thee, ver­mischt mit reinen alkoholischen Getränken. Letztere sind, heiß genommen, auf die Schweißbildung von sehr günstigem Einfluß, heben auch bedeutend die Schwächezustände, regen die Herzthätigkeit an und verschaffen einen Erholung spendenden Schlaf. Stets aber ist durch Oeffnen der Fenster für frische, I kühle Luft zu sorgen, und zwar um io mehr, je höher das Fieber steigt. Diese Behandlung allein hat ein Anrecht auf den NamenRadikalcur", da sie den Heilverlauf beschleunigt, die Beschwerden mindert und den gefürchteten Nachwehen am besten vorbeugt.

Dies über die Influenza Gesagte gilt auch von allen andern Erkältungskrankheiten dieser Jahreszeit. Wir wissen nicht, ob uns nicht ein sehr rauher und kalter Winter bevor- steht, welcher wochenlang alle schwächlichen und kränkiichcn Personen zwingt, die Stube zu hüten und ihr Lebenselement, die frische Lust, zu entbehren. Die jetzt kommenden, hoffent­lich noch recht zahlreichen Herbsttage bieten uns nun gleich­sam eine letzte Gnadenfrist dar, welche wir in Gottes freier Natur voll und ganz ausnützen müssen, um das pabulum vitae, die Lebenslust, in unser edelstes Organ, die Lunge, recht oft in vollen, tiefen Zügen einzuathmen. Dabei soll man keineswegs in sportsmäßigem Leichtsinn mit dünner Sommerkleidung seine Haut den schädlichen Witterungsum­schlägen preisgeben, sondern man möge sich warm anziehen, und möge nur bei milder Witterung und in warmer Stube durch kalte Abreibungen seinen Körper stählen und kräftigen. Daun kann man sorglos auch dem rauhesten Winter ent­gegensetzen und wird sich und den Seinen viel Kummer und Mühe ersparen!

Gemeinnütziges.

Wie prüft man rohe Kartoffeln auf ihre Güte? Um sich zu überzeugen, ob Kartoffeln, die man kaufen will, sich gut und mehlig kochen, beobachtet man in England häufig folgendes Verfahren: Man zerschneidet eine Knolle und reibt beide Stücke aufeinander; wenn dieselbe gut und mehlig ist, so kleben die beiden Stücke zusammen, und es zeigt sich an den Rändern und an der Oberfläche ein leichter Schaum. Wasser darf selbst beim Druck kein Tropfen ausfließen. Wo dies der Fall ist, kochen sie sich wässerig und sind von schlechtem Geschmack. In der Farbe soll das Fleisch weiß sein oder etwas ins Gelbliche spielend. Von ganz gelbem Fleisch behauplet man, daß sich die Knolle» nicht gut kochen; dies ist indeß nicht immer begründet; denn es gibt Sorten mit gelbem Fleisch, die in Bezug auf ihre Güte nichts zu wünschen übrig lassen.

Hagebuttenmus. Man reibt die frisch gepflückten Hagebutten mit einem Tuche ab, befreit sie von ihren Stacheln, schneidet die Krone ab und nimmt die inneren Körnchen mit einem Theelöffelstiel heraus. Dann läßt man sie in Wasser einmal aufkochen. Auf V2 Kilo Frucht nimmt man 375 Gramm Zucker, läutert diesen mit Hagebuttenwasser, gibt den Saft einer Citrone, sowie die Schale davon uud eine halbe Taffe guten Weinessig dazu und läßt die Hagebutten so lange darin kochen oder langsam ziehen, bis sie anfangen, einzuschrumpfen. Nun nimmt man sie heraus, läßt den Zucker, bis er in breiten Tropfen vom Löffel fließt, kochen und gießt ihn über die Früchte, die man noch einen Tag in einem sauberen Ge< fäß stehen läßt, damit sie recht gleichmäßig durchziehen, ehe man sie in die Einmachegläser füllt. Verdünnt sich der Saft, so muß er wiederholt aufgekocht werden.

Redaction: A. Scheyd«. Druck und Verlag der Brühl'schm UmrerMts-Buch- und Steindrucke«! (Pietsch & Scheyda) in Gießen.