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Hellmuth wurde vielfach erkannt und Grüße flogen hinüber und herüber.
„Ach, wenn ich doch mitziehen könnte! — Welch' lustiges, fröhliches Leben!" sagte er und seine Brust hob sich.
Allmälig verhallte die Musik in der Ferne; vom Marien« thurm schlug er fünf.
„Vorüber — vorbei," bemerkte Hellmuth und sah dem letzten Zuge nach, während sie langsam weiter fuhren.
„Vorüber, vorbei," wiederholte Heyd, „es war der Hohen« friedberger, der mir heute wie Grabgesang ertönte."
Ueberrascht blickte Hellmuth auf seinen Freund. „War willst Du damit sagen, Arthur?"
„Nur — daß es vielleicht die letzte Musik war, die zu meinen Ohren drang."
„Ja, Arthur, sterben können wir Alle; heute roth, morgen tobt. Aber wie kommst Du nur jetzt auf diesen unsinnigen Gedanken? Sprich nicht so in Räthseln; sage, was hast Du denn eigentlich, solche Melancholie ist mir ja vollständig fremd an Dir."
„Oben, Karl, oben werde ich Dir Alles sagen." Und schweigend stiegen sie die Treppe hinauf.
Hellmuth warf seinen Ueberzieher in die Ecke und zog seinen Freund auf das Sopha.
„So, Arthur, nun schieße los," sagte er und klopfte ihm auf das Knie.
„Nur ein Duell ist es — sonst weiter nichts," entgegnete Arthur, und seine Ruhe, die ihn einen Augenblick zu verlassen schien, war wieder die alte- „Um neun Uhr wirst Du bei dem Baron von Walten sein, um mit dessen Secundanten zu verhandeln. Es liegt mir viel daran, daß diese Sache bald erledigt ist; also möglichst schnell." Und nun erzählte er seinem Freunde den ganzen Vorgang.
Als Heyd zu Ende war, stand Hellmuth auf.
„Nun gut, das wird besorgt!" sagte er und mit festen Schritten durchmaß er nachdenkend das Zimmer.
Dann nahm er wie in Gedanken seinen Degen, der am Bibliotheksschrank stand, und ging abermals auf und ab.
„Arthur — gib mir Deine Hand," sagte er nach einer Weile und seine Augen sprachen Zorn- „Arthur, Du weißt, daß ich nie im Leben so glücklich war wie zu dieser Zeit, aber solltest Du fallen, so wird Dich diese Hand rächen, so wahr ein Gott im Himmel lebt, denn es ist nicht das erstemal, daß er Dich beleidigt-". Und Hellmuth riß seinen Degen aus der Scheide. „Arthur, so führte ich meine Klinge," sagte er und legte aus.
„Wie Falstaff, Karl?" fragte Arthur lächelnd.
„Genau wie er, Arthur, aber dann — dann kam e» anders," erwiderte er ernst.
„O, ich weiß, ich weiß, mein Bester; warst Du doch immer eine Autorität auf unserem Fechtboden und die halbe Verbindung nahm die Spuren Deines Rapiers mit zur bleibenden Erinnerung an unsere Helvetia. Aber ich bitte Dich, laß diese Rachegedanken fallen, wenn ich auch bleiben sollte, Karl, — ich bitte Dich darum, denn steh', was ist verloren an einem nichtigen Dinge im großen Weltgetriebe, an so einem Nichts, das gar nichts zählt und nicht vermißt wird; und eine unscheinbare Lücke ist ausgefüllt, ehe mich der Rasen deckt."
„O, Arthur, Arthur, sprich nicht so, denn mir ist ohnehin ss ernst zu Muthe, als hörte ich Geisterstimmen aus tiefer Gruft."
Zur bestimmten Stunde ging Hellmuth zum Baron von Walten und gegen 10 Uhr kehrte er zurück.
Schon auf der Treppe zu seiner Wohnung hörte er Clavierspiel. Bald stand er an der Thür und lauschte demselben Spiel, das er schon einmal gehört an jenem Abend, als er das erste Mal auf Lindenheim war. „Wieder diese eigenartigen Weisen, die er so meisterhaft den Jndianerstämmen oder jenem Volke abgelauscht hat, das im südlichsten Nordamerika lebt," sagte sich Hellmuth.
Bald klang es wie der rollende Donner, dann klangen wieder friedliche Melodien so einschmeichelnd, daß Hellmuth wie gebannt lauschte. Wie damals, so machte auch heute den
Schluß jenes mexikanische Volkslied, da« er ohne Begleitung und so ruhig spielte, als schien er ganz in sich vergessen.
Dann wurde es still.
Hellmuth wollte nun öffnen, aber unwillkürlich trat er zurück. Den Kops an das Flurfenster gelegt, sah er sinnend hinab auf die stille Straße.
„Aber warum spielt er heute gerade diese Melodien, die ich doch in der ganzen Zeit nicht mehr von ihm gehört? — Warum spielt er gerade heute jene Lieder, die das Lieben und Leiden eines ganzen Volkes auszusprechen scheinen?" So fragte sich Hellmuth und tausend Gedanken stiegen in ihm auf. „Ist es vielleicht die Ahnung eines nahen Todes oder sind es wehmüthige Erinnerungen an die Jahre, die er drüben verbracht und von denen er auf Befragen nur wenig und von selber gar nicht spricht? — Schon in den frühesten Jahren war er viel ernster als wir Alle, und selbst in der ungebundenen Zeit unseres Studiums auf der Hochschule war es nicht viel besser, aber die Jahre drüben scheinen ihn noch ernster gemacht zu haben- Freilich, seine Verhältnisse — sie haben seinen Character geboren und wahrlich nicht zu seinem Nach» theile; aber dennoch möchte ich wohl wissen, ob nicht ein Schatten auf seiner Seele liegt, deren Tiefe ich nie ergründen konnte."
Aus diesen Gedanken fuhr er plötzlich erschrocken auf, als der Zufall einen schwarzbehangenen Leichenwagen vorüberführte, der langsam die Straße hinabfuhr nach dem Frauen« thore zu-
Mit klopfendem Herzen öffnete nun Hellmuth und fand seinen Freund in die Zeitung vertieft.
„Nun, Karl, morgen früh, nicht wahr?"
„Ja, Arthur, morgen früh vier Uhr im Walde jenseits Oliva bei der Strauchmühle," erwiderte Hellmuth und ließ sich auf einen Sessel neben ihm nieder.
„Pistolen auf zwanzig Schritte," bemerkte Hellmuth nach einer Pause und blickte mit Wehmuth auf feinen Freund; aber dieser sah und hörte so vergnügt zu, als handelte es sich um alles Andere eher, als um ein Duell mit möglicherweise tödtlichem Ausgange. „Hartung ist auf dem Wege nach Zoppot, um den Doctor Lenzmann zu bitten, der auch gleichzeitig feine Pistolen mitbringen soll. Mit Walten habe ich nur wenige Worte gewechselt, aber er war schrecklich aufgeregt und nicht weniger der Dirschauer Goldstein, der gerade das Zimmer verließ, al« ich eintrat." —
Ein leichter Nebel lag auf Wiesen und Feldern, al« im Morgengrauen ein Wagen langsam den Sandweg bei Oliva hinauffuhr.
In dumpfen Schlägen verkündete die Thurmuhr die Zeit.
„Wir komme» noch viel zu früh," sagte Hellmuth, al« sie das Dorf hinter sich hatten und auf den Weg kamen, der an dem Waldessaum entlang führte.
Schweigend saßen die Freunde nebeneinander, denn jeder hing seinen Gedanken nach.
Nach einer Viertelstunde ließ er den Wagen holten.
„Wir sind am Ziel," sagte er im Flüsterton zu Heyd; und Beide stiegen aus.
„Dort, wo der nächste Grenzstein liegt, biegen Sie links ab und halten nach ungefähr fünfzig Schritten auf dem schmalen Wege, der von dort zum Forsthause führt. In einer Stunde sind wir spätestens wieder da," bedeutete Hellmuth den Kutscher.
Festen Schrittes gingen sie dann in den Wald und erreichten nach etwa zehn Minuten einen freien Platz im hohen Holz. „Hier ist es, Arthur, und hier müssen wir sie erwarten."
„Hoffentlich lassen sie nicht lange auf sich warten," bemerkte Heyd und setzte sich in das thaufeuchte Moos, sich an eine Kiefer lehnend.
Hellmuth that dasselbe und schweigend saßen sie noch einige Zeit.
Schon zum dritten Male hatte der Ingenieur seine Cigarre angesteckt, aber immer und immer wieder ging sie ans — er vergaß das Rauchen.
(Fortsetzung folgt.')


