Ernst! Emst! Beruhige Dich und höre mich an!" rief sie flehend.

Mich beruhigen, Marian?" rief er.Wo der Fluch Kains auf mir ruht, wo vielleicht die Schergen auf meiner Spur sind! Spottest Du meiner, daß Du so herzlos kalt redest ?"

Und mit einer Heftigkeit, die zu vergeben es ihrer ganzen Sanftmuth, ihres ganzen Mitleids bedurfte, schüttelte er die Hand ab, die sie auf seinen Arm gelegt hatte.

Ernst, Du bist ganz außer Dir, sonst könntest Du mich nicht so falsch beurtheilen," sprach sie sanft,aber Du bist nicht sicher, wenn Du hier bleibst. Du mußt Dich irgendwo verbergen, bis die Gefahr vorüber ist."

Ich? Und wie? Meinst Du, Dein Vater würde einen Mörder in seinem Hause dulden?" entgegnete er bitter.

Meines Vaters Tochter wird das Wagniß auf sich neh­men, was auch die Folge davon fei!" sagte das Mädchen mit festem Muth, der ihn bei seiner Gereiztheit mehr beruhigte, als alle Vorstellungen.Warte einen Augenblick und laß mich überlegen."

Wie oft sah sie es in späterer Zeit als Gottes Vor­sehung an, daß Frau Aston ihr die seltsame Geschichte von den zwei Brüdern erzählt hatte, denn sie dachte für den Augen­blick nur an einen Zufluchtsort für den unglücklichen Flüchtling.

Ernst, es bleibt uns nur Eins übrig," sagte sie nach kurzem Ueberlegen.Es gibt ein Zimmer in diesem Hause, das von der Dienerschaft gemieden und überhaupt nicht benutzt wird. Folge mir und ich will Dir wenigstens für den Auge«, blick einen sicheren Zufluchtsort bieten, bis sich ein besserer gesunden hat. Komm'!"

Das Würdevolle, fast Gebieterische in ihrem Ton hatte einen wunderbaren Einfluß auf ihren aufgeregten Begleiter.

Er folgte ihr fast mechanisch. Sie öffnete eine Thür, die nach ihrem Toilettezimmer führte und ging ihm einen kurzen, gewundenen Corridor und eine Treppe voran, bis sie den ältesten Theil des Gebäudes erreicht hatte.

Da!" sagte sie, als sie endlich auf dem oberen Flur stehen blieb und aus einem kleinen, daselbst befindlichen Wand­schrank einen Schlüssel nahm.Willst Du die Thür auf­schließen, Ernst? Es wird all' Deiner Kräfte bedürfen, denn das Schloß ist jedenfalls rostig."

Er gehorchte und steckte den rostigen Schlüssel in das halbversteckte Thürschloß, das nach einiger Anstrengung seinem starken Druck nachgab und ein großes, gut möblirtes Zimmer erschloß, in dem es roch, als ob ihm seit Jahren keine frische Luft zugeführt worden wäre. Doch sah Alles noch gut darin aus, vielleicht gerade, weil es der freien Luft verschlossen und seit jenem unglücklichen Tage, wo die schöne Ida Merrick den eleganten Raum bewohnt hatte, unbenutzt geblieben war.

Hier bist Du jedenfalls sicher," sagte Marian ruhig, denn auch wenn man Dich durch irgend einen unglücklichen Zufall sähe, würden Dich die einfältigen Diener doch nur für den Geist des unglücklichen Philipp oder seines Bruders halten. - Aber, Ernst," fügte sie leise hinzu,hast Du mir keine Erklärung zu geben, hast Du kein Wort der Hoffnung und des Trostes, das ich Denen überbringen könnte, die dessen bedürfen?"

Er blickte mißtrauisch in ihr abgewandtes Gesicht.

Und wer sind die, Marian?" stöhnte er.Wem außer Dir, Spielgefährtin meiner Jugend, liegt daran, etwas Anderes von mir zu hören, als meine Verurtheilung? O, es ist ent­setzlich! Ja, sie wird mich hassen, während es doch um ihret- willen geschah!" murmelte er so leise, daß es für jeden Andern unhörbar gewesen wäre, nur nicht für seine feinhörige Be- gleiterin.

Sprichst Du von Miß Netta?" frug sie in kaltem Tone- ^Nein, nein! Wenigstens an sie, die ich zur Waise ge­macht habe, wage ich kaum zu denken," sagte er schaudernd. Aber Marian, ich wollte ihn ja nicht tödten. Ich wollte in die Lust feuern, doch in demselben Augenblick bewegte er sich, daß er das unbeabsichtigte Ziel meines Schusses wurde. Aber wer würde mir das glauben außer Dir, meine Freundin?"

PBö -

Wenn Dein eigenes Herz es weiß, so hast Du wenig, stens das Bewußtsein, kein absichtlicher Mörder zu fein," er- widerte sie ruhig,und Du kannst auf des Himmels Vergebung hoffen- Aber jetzt muß ich Dich verlassen, damit man meine Abwesenheit nicht bemerkt. Vor dem Abend komme ich wieder und bringe Dir Licht und etwas zu essen. Bis dahin tröste Dich mit dem Gedanken, daß Du sicher bist. Tritt auch nicht an das Fenster, damit Dich nicht ein Vorübergehender febe Und nun lebe wohl!" 1 y

Schweigend verließ sie ihn. Ihrs überangestrengten Kräfte erlaubten ihr nicht, noch länger bei ihm zu verweilen.

Marian und Ernst Beifort waren fast wie Geschwister zusammen aufgewachsen. Das hatte sich tief in ihr Mädchen, herz eingeprägt. War er daher schön, als der junge Lord vor sechs Monaten nach langer Abwesenheit in seine Heimath zmückgekehrt war, unnatürlich oder unweiblich von ihr, daß sie erwartete, er würde sich ebenso wie sie der früheren Liebe erinnern und schöne Hoffnungen auf ein Glück bauen!

In Netta Faro konnte Marian kaum eine Nebenbuhlerin erblicken; es ließ sich nicht denken, daß ein Mädchen, das fast noch Kind war, der schönen Erbin von Biddulph seine Liebe rauben würde und bis zu dem Ball im Hause Faros kannte sie nicht den eigenthümlichen Zauber des dort lebenden fremden Mädchens. Doch auch dann war sie zu stolz, dieses zu fürch, ten und sie verachtete sich selbst des unbehaglichen Gefühl- wegen, das sich in ihrer Brust regte, als sie sah, mit welchu Zuvorkommenheit er die junge Fremde behandelte.

Jetzt errieth sie Alles, wenigstens Alles, was sie zu wissen brauchte. Von der schönen Unbekannten hing auch in dieser Stunde der Gefahr und Reue der Friede und das Glück von Ernst Belforts Leben ab.

XIII.

Eora glaubte zu träumen, als sie sich wieder in dem Zimmer sah, welches der Schauplatz jenes verhängnißvollen Streite» und der ihrem unschuldigen, unerfahrenen Herzen erstaunenerregenden Entdeckung, Lord Faro Liebe eingeflößt zu haben, gewesen war.

In ihrem Alter und in ihrer einsamen Stellung konnte diese Thatsache ihre besten Empfindungen kaum unberührt lassen.

Diesem Manne von so hohem Rang, so feiner BilbiU und so großen berechtigten Ansprüchen war sie so theuer, daß er um ihretwillen sein Leben auf's Spiel gesetzt hatte.

Eine solche Ergebenheit hatte ihr selbst Rupert Falkner nicht gezeigt, er würde nicht so viel gewagt haben. Vielleicht war Rupert jetzt der Verlobte, wenn nicht gar schon der Ge- mahl der Cousine Adele.

Cora setzte sich auf Lord Faros Stuhl und sah ringsum auf die Bücher, dis Zeitungen, die er vielleicht niemals wieder- sah; sie berührte das Papier, das noch frisch von seiner Feder war und auf welches er geschrieben hatte, bevor sie bei ihm eintrat. Wie sie das Papier mit einer gewissen Scheu be» rührte, rauschte etwas, das offenbar unter dem Briefbogen gelegen hatte und jetzt auf die Erde rollte.

Sie beugte sich hastig, um den gefallenen Gegenstand wieder aufzuheben und fand nach kurzem Suchen ein Medaillon.

Sie untersuchte es mit fieberhafter Spannung.

Auf der einen Seite war ein Monogramm von Diaman- ten, das sie nicht entziffern konnte, aber während sie es noch in der Hand hielt, öffnete sich durch einen unbewußten Druck ihrer Finger eine Feder und es zeigte sich ein kleines Miniaturbild.

Es war das Porträt einer Dame . . . und welch' einer schönen Dame! Cora hatte keine Ahnung von ihrem eigenen Liebreiz, sonst würde sie sich mit diesem dunklen, feurigen Antlitz verglichen haben, das sogar auf diese winzig kleine Elfenbeinplatte mit erstaunlicher Geschicklichkeit gemalt war- Allerdings lag in diesen dunklen Augen ein muthwilliger, halb triumphirender Ausdruck, für den Caros Antlitz zu ernst war, doch die Farbe von Coras Augen hätte auch mit diesem wunderbar schönen Gesicht einen Vergleich ausgehalten.