Ausgabe 
28.5.1895
 
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n Nr. «8. a Dienstag dm 28. Mai. . ©. is»5. m

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HnterWungsöLatr zum Gießener Anzeiger (General-Anzeiger).

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Die Tochter des Meeres.

Roman von Ä. Rieol«.

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In Lady Marians Augen lag die halb unbewußte Mattig­keit, die dem Schlafe vorangeht. Als Frau Aston sich während ihrer letzten Worte mehr und mehr von dem Sopha entfernte, fchrack das Mädchen plötzlich auf.

Ja, Sie haben Recht. Vielleicht kann ich ein wenig schlafen, wenn ich allein bin. Gehen Sie . . . ich werde klingeln, wenn ich etwa» brauche."

Die Haushälterin stellte eine silberne Glocke auf den Tisch neben dem Sopha und zog sich zurück.

Die Geschichte, die sie soeben gehört hatte, klang Lady Marian noch in den Ohren.

Die dadurch heraufbeschworenen Silber tanzten phantastisch vor ihrem inneren Auge.

Der stolze, ernste Vicomte, der leidenschaftliche, groß« müthige Philipp, und sie, die schöne Ida Merrick, die Urheberin des verhängnißvollen häuslichen Zwistes, schienen in ihrer Einbildung greifbare Formen anzunehmen, und schließlich glaubte ihre erhitzte Phantasie den heftigen Streit, den Kampf, das Stöhnen des Opfers, die fliehenden Schritte des Siegers zu hören.

So lebhaft ihre Phantasie sich dieses Bild ausmalte, vernahm sie doch einen leisen Schritt auf dem Kiesweg in dem Garten unter ihrem Zimmer.

Zitternd und erregt sprang sie auf und lief nach dem Fenster. Aber Alles war still.

Ich muß von Sinnen fein," sprach sie zu sich selbst, daß ich langbegrabene Tobte heraufbeschwöre und mich durch meine eigenen Gedanken erschrecke."

Aber al» sie sich eben, ärgerlich über sich selbst, vom Fenster abwandte, blieb sie plötzlich beim deutlichen, wenn auch leise gehauchten Ton ihres eigenen Namens stehen.

Marian!" klang es leise.Mariani"

Die Stimme klang so seltsam und zitternd, daß man sie kaum für die Stimme eines lebenden Wesen» halten konnte.

Wer ruft mich?" fragte Marian in demselben leisen Tone.

Marian . . . Cousine!" klang es durch die Luft und eine Gestalt schlich sich die Mauer entlang.

Dann that der Näherkommende einen plötzlichen Sprung; er hatte sich an dem Gasrohre emporgeschwungen, das aus Lady Marians Zimmer nach der Veranda führte, und stand, bevor sie überhaupt Zeit zum Erschrecken hatte, in ihrem Zimmer.

Ernst! ... Ist es möglich? Kannst Du es fein?" hauchte sie, al» ihr Blick aus Lord Belfort» erschreckend bleiche Züge fiel.

Du hast Recht, Marian, daß Du kaum glauben kannst, mich vor Dir zu sehen, aber um unserer früheren Freund« schäft willen bin ich hierhergekommen, um . . . ja, wozu? Um zu sterben, glaube ich, denn da» Leben ist mir eine Last, die ich nicht ertragen kann."

Still! Still I Da» ist feig, wahnsinnig!" sagte sie und nahm beim Anblick seiner furchtbaren Verzweiflung all' ihre Kraft zusammen.Ernst! Was ist geschehen?" sagte sie in der Hoffnung, durch diese Frage etwa» Energie in ihm zu erwecken.

Was geschehen ist? Weißt Du das nicht? Aber die Kunde davon ist vielleicht noch nicht bis hierher gedrungen? Und Du weißt nicht, daß ich . . . ein Mörder bin?"

Lady Marian schauerte.

Schon das bloße Wort war so furchtbar, der Gedanke an Blut war ihr so entsetzlich, daß es wohl zu entschuldigen war, daß sie selbst vor diesem Unglücklichen einen Augenblick zurückschauderte.

Ah, ich sehe .... Du wagst mich nicht anzurühren. Meine letzte Hoffnung ist dahin! Du bist, Du warst mir wie eine Schwester, Marian, und das ist meine gerechte Strafe. Ich will gehen und Deine Unschuld durch meine Gegenwart nicht noch mehr beflecken."

Und langsam wandte er sich dem offenen Fenster zu mit einem Blick, der einen verzweifelten Sprung verkündete, der vielleicht seinem Kummer ein Ende machen und sein Verbrechen und Schicksal besiegeln würde.

Aber sie sprang an seine Seite, denn diese neue Gefahr befreite ihre Seele von dem entsetzlichen Bann, in welchem sie lag.