Ausgabe 
28.2.1895
 
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Wenn Sie diese Zeilen lesen, Christa, die ich eigens nur für Sie niederschreibe, werden Sie stcher genug von der Wahrheit erfahren, um gegen mich und meinen Bruder sehr bitter zu empfinden. ,, _

Ich nenne ihn meinen Halbbruder um seiner Mutter willen. In Wirklichkeit ist er überhaupt kein naher Bluts­verwandter von mir und ein Mensch, auf den ich nicht gerade stolz fein kann; aber ich versprach seiner Mutter, an ihm zu handeln, als ob er mein Bruder wäre, und habe versucht, mein Wort zu halten. , Ä .

Er ist zehn JahreZ jünger als ich. Er war noch ein Knabe, als mein Vater die Mittwe seines Vetters Werner Braunsdorf von Felfenegg heirathete und sie ihren Sohn 5 Richard mit auf das alte Stammschloß der Familie brachte. I Ich stand an Jahren Eleonoren nur so viel nach, wie Richard mir, und sie war eine sehr schöne, eine entzückende Frau. Leider kann ich nur in der Vergangenheit von ihr reden! Sie ist tobt und Richards Thun und Treiben kann ihr kemen Kummer mehr bereiten- ,

Meine schöne Stiefmutter war das Ideal meines Herzens. Ich bin überzeugt, daß ich sie viel mehr liebte, als ihr eigener Sohn. Richard ist nach seinem Vater gerathen, der kein guter Mensch war, und hat ihr manche schwere Stunde be­reitet und um ihretwillen auch mir. Um ihretwillen! Ja, um ihretwillen habe ich viel erduldet, aber ich bin meinem Ver prechen treu geblieben und denke, Eleonore würde mit mir zufrieden sein.

Das kleine Vermögen, welches Richard von seinem Vater geerbt hatte, war bald verbracht. Er wollte keinen Beruf ergreifen, sich keiner ernsteren Thätigkeit widmen, so daß er, nachdem er die letzte Münze verbraucht hatte, von seiner Mutter und mir abhängig wurde. ,

Mein Vater war zu der Zeit schon tobt und ich hatte meine Herrschaft auf Braunegg angetreten. Wir lebten hauptsächlich bort; zuweilen gingen wir zwar für einige Wochen nach der Stabt, aber Geonore war eine Wiesenblume, bie in ber Stabt hinwelkte, so baß wir nie lange dort blieben. - ~ In unserer Nähe wohnte eine Pächterstochter, für bie sich Richard interesstrte. Sie war eine derbe Landschönheit, die unverhohlen nach einem Manne angelte, der einer höheren Stufe als sie angehörte- Welche Versprechungen Richard ihr

gemacht haben mochte, das weiß ich nicht, jedenfalls aber war er eines Tages mit ihr auf und davon «ach Paris, wo sie auf großem Fuße zusammen lebten. Woher er da» Geld >azu nahm, das war Eleonore sowohl als mir ein Räthsel. Von ihr hatte er es so wenig bekommen wie von mir.

Wir sollten jedoch nicht lange darüber im Zweifel sein, denn eines Abends trat Richard plötzlich in das Wohnzimmer, wo seine Mutter lesend auf dem Sopha lag, und sagte ihr rund heraus, er habe auf den Namen seines reichen Oheims hohe Wechsel gefälscht, der Betrug sei entdeckt, fein Oheim recht wüthend und die Polizei ihm, dem Thäter, auf der

Spur.

Ich befand mich nebenan im Bibliothekzimmer und war mit der Durchsicht von Papieren und Rechnungen beschäftigt, als ich Eleonore einen lauten Schrei ausstoßen hörte. Ich stürzte herbei, fand sie ohnmächtig auf dem Sopha liegen und Richard mit trotziger Miene vor ihr stehen, ohne ihr hilfreiche Hand zu leisten.

Ich stieß ihn zur Seite, kniete vor Eleonore nieder und schloß sie in meine Arme. Zum ersten Mal kam mir der Gedanke, daß die Trennung nahe fei. Was Wunder auch! Er hatte ihr das Herz gebrochen.

Später, als sie sich wieder etwa« erholt hatte, trafen wir so schnell wie möglich die nöthigen Vorkehrungen, um Richard in Sicherheit zu bringen. Er sollte Deutschland so­fort mit mir verlasien und zwar in Verkleidung. Sein kleiner, bartloses Gesicht, seine zierliche Gestalt brachten uns auf ber Gebanken, ihn als Dame reifen zu laflen. Wir wählten M einfachsten Kleider aus Eleonorens Garderobe und fanden ste so zweckentsprechend, daß wir sofort entschlossen waren, unseren Plan auszuführen. Er sollte für meine Schwester gelten und mein Name Ausbach sein.

Die nächste Frage war nun: Wohin sich wenden? mr Europa mußten wir fort, die Polizei war Richard zu eifrig auf der Spur und fo entschieden wir uns für Australien. Ich hatte längst eine Reise nach dort in» Auge gefaßt und Eleonore bat mich, ihn hinzubringen. t

Darauf nahm sie mir das Versprechen ab, über ihn zu wachen, als ob er mein Bruder wäre- Während ihre Arme meinen Hals umschlangen, that ich es um ihretwillen. Drei Jahre sollte ich, wenn es nöthig war, bie Maske tragen und in bieser Zeit auf keinen Fall Jemanben bas Geheimniß ver' rathen- Bis bahin würbe bet Zorn von Richards Oheim verrauscht sein und man mit ihm unterhandeln können.

Natürlich war ich nicht gezwungen, so lange im Ausland zu bleiben. Wir verabredeten, daß ich in ungesähr einem Jahre zurückkommen sollte, nachdem ich Richard in rrgend einem fernen Fleck auf den Colonien sicher untergebracht habe«

Er entfernte sich, doch nur wenige Schritte, dann blieb er stehen und sah mir voll in's Gesicht.

Sie find so bleich," sagte er.Und wann kam der sorgenvolle Blick in Ihre Augen, Christa ? Er wird mich nicht mehr verlassen."

Meine Blicke find sür keinen Menschen mehr von Be­lang," entgegnete ich.Machen Sie sich darüber keine Ge­danken. Aber bevor Sie gehen, möchte ich Ihres Bruders wahren Namen wissen, da er es vermuthlich nicht länger ver­suchen wird, für Magdalene Ausbach zu gelten."

Sein wahrer Name ist Felsing von Braunegg."

So ist also Arthur Felsing von Braunegg der Name des Mannes, welcher niemals aufhören wird, Sie zu lieben, fo tief sie ihn auch verachten mögen," fügte er hinzu, während er die Zügel ergriff, bett Hut lüftete wnb sich in bett Sattel fchwang.

Gleichzeitig sah ich einen Mann über bett Hof kommen uttb wußte, was unserer Unterrebung ein so rasches Ende ge­macht hatte.

Thorpe," rief ich,seien Sielso gut, Herrn Ausbach bas Heckenthor zu öffnen." ,

Wenn Thorpe ihn auf die Lanbstraße hinäuSreiten sah, konnte er nicht gut wieder umkehren, das wußte ich. Doch kaum war er außer Sicht, als ich bitterlich zu weinen begann. Es war mir zu Muthe, als fei die dunkelste Stunde meines Lebens gekommen.

Als ich mich am Abend allein in meinem Zimmer sah, erbrach ich Arthurs Brief.

13. Capitel.

Arthurs Geschichte.

würde. , , , .

Ich sehe Eleonorens blaue Augen heute noch vor nut, wie sie mich damitansah, um sich zu überzeugen, daß ich auch ernstlich meinte, was ich versprach, und höre deutlich den To« ihrer Stimme, wie sie mir zuflüsterte:Ich setze volles Ver­trauen in Dich, Arthur. Ich weiß, daß Dein Wort so viel gilt wie ein Schwur." t M ,

Ich küßte ihre Hand, als ich ihr das Versprechen ga- Sie war mir Mutter, Schwester und Freundin in einer Per­son und ihr Glück stand mir höher, als da» meine.

So schieden wir von einander, nicht sür lange, m wir glaubten; doch während wir uns immer weiter von w Heimath entfernten, lag Eleonore tobt auf Braunegg; Kummer unb Sorge um Richard hatten ihren schnellen Tod herber-

Die Nachricht erreichte uns, als wir in Melbourne la«- beten und nun lag mir nichts mehr an meiner Heimkehr Wir kamen nach Neuseeland und ließen uns in FernyhuT wo Sie uns kennen lernten, nieder. Welchen Zweck hat' mein Leben nun weiter, als daß ich das Versprechen, weW ich der theuren Dahingeschiebenen «geben hatte, nach KräM erfüllte ? Ich wußte bamals freilich nicht, was es mich mürbe. .

Machen Sie hier eine kleine Pause, Christa, und w