nehmen, darnach zu forschen? Es würde nur Ihre treuen Dienste vervollständigen."
Der Diener blickte ihn bestürzt an.
„Sie sprechen doch nicht im Ernste, Mylord?" sagte er ungläubig. „Das wäre doch entschieden ein wahnsinniger Versuch!"
„Und warum?" fragte der Graf mehr im Tone eines Bittenden, als eines Befehlenden.
„Aus den verschiedensten Gründen, Mylord. Bedenken Sie erstens den Scandal, den es verursachen müßte, wenn es bekannt würde, was doch unvermeidlich wäre. Und dann würde es Ihnen auch wenig Trost gewähren, wenn Sie des Kindes Legitimität nicht beweisen können. Mylord," fuhr er mit fester Stimme fort, „lassen Sie sich rathen. Um der Kindes selbst willen möchte ich Sie bitten, eine solche Idee aufzugeben. Sie würden nur Kummer verursachen, wo jetzt vielleicht Glück und Zufriedenheit herrscht."
Der Graf überlegte einige Augenblicke.
„Rein, Ponsford, nein!" sagte er dann. „Sie irren! Wenn das arme Kind lebt, kann ich das Unrecht, das ich ihm zugefügt habe, wieder einigermaßen gut machen. Ich habe keine Ruhe, bis ich es wenigstens versucht habe. Und wenn Sie den Auftrag nicht übernehmen wollen, so werde ich selbst gehen. Ich werde krank, wenn ich noch länger diese ruhelosen Nächte und diese Tage voll bangen Sehnens durchwachen soll. Wollen Sie mir die letzte Bitte abschlagen, die ich vielleicht an Sie richte? Ja, die Bitte," fuhr er fort, „denn wenn wir auch Herr und Diener sind, so gibt es doch Dienste, die sich durch kein Geld erkaufen lassen- Treue und Pflicht lassen sich nicht bezahlen."
„Es ist gegen meine Ansicht, Mylord, aber wenn Sie dazu entschlossen find, habe ich nichts weiter zu sagen. Selbst gehen sollen Sie nicht, so lange James Ponsford die Kraft hat, dem Auftrag zu folgen. Aber erst sagen Sie mir, was ich thun soll, um zum Ziele zu kommen."
„Ich werde Ihnen vertrauen, wie Sie es verdienen," versetzte der Graf. „Sie wissen, daß die unglückliche Bianca einer Frau Namens Falkner anvertraut wurde, die damals im südlichen Frankreich lebte, sich aber später auf meinen Wunsch in Deutschland niederließ. Ich glaube, daß Bianca starb, bevor Frau Falkner dort ankam, daß aber das Kind lebend geboren wurde ... so viel wurde mir wenigstens mit» getheilt, um, wie ich glaube, sich der Summe zu versichern, die ich für die Erziehung des Kindes versprochen hatte."
„Und der Herr Graf haben sich nicht versichert, ob es ein Knabe oder ein Mädchen war?"
„Nein! Ich wollte es gar nicht wissen, weil ich damals vor Schmerz und Unglück halb wahnsinnig war, denn mein strenger Vater hatte mir erklärt, daß er meine unebenbürtige Ehe, die ich heimlich in Frankreich mit Bianca geschlossen, nie anerkennen und mich enterben und seinem zweiten Sohne die Grafschaft zufallen würde, wenn ich die Ehe mit Bianca nicht lösen würde."
„Ja, es war ein entsetzliches Unglück," bemerkte leise der alte Diener und wischte sich eine Thräne aus den Augen, „denn das Herz der armen Bianca brach, als sie von des seligen Grafen Fluch und Enterbung des erstgeborenen Sohnes hörte, wenn dieser seine Ehe mit ihr nicht löse."
„Und ich Unglückseliger, ich hatte nicht den Muth, auf Reichthum und hohen Titel zu verzichten, und verließ Bianca, die doch meine Frau war."
„Es war ein schreckliches Verhängniß, an welchem Sie, gnädiger Herr, wohl nicht Schuld waren," entgegnete der Diener, „denn Gott weiß es, wie schwer es Ihnen wurde, fich von der armen Bianca zu trennen."
„Aber mein Kind, mein Kind will ich wieder haben," schrie der Graf fast überlaut vor Schmerz, „denn an diesem habe ich ein großes Unrecht gut zu machen."
„Was in meiner Macht steht, das soll geschehen, um das Kind ausfindig zu machen," sagte der Diener, „aber ich werde sehr vorsichtig zu Werke gehen, denn diese Frau Falkner könnte ja damals - es sind wohl fast zwanzig Jahre her —
। ein anderes Kind angenommen haben, um hie große Er- ziehungssumme zu erhalten, und das wirkliche Kind des gnädigen Herrn ist vielleicht schon mit der armen Bianca gestorben."
XXXIV.
»Miß Cora, Sie sind wohl so gut und unternehmen mit den jungen Mädchen einen Spaziergang im Park," sagte M Minchin eines Tages zu Cora.
Die Dame hatte bald erkannt, von welchem Nutzen bi; Dienste der neuen Lehrerin ihr waren. Es war ein groß« Vortheil für sie, daß sie den Eltern ihrer Zöglinge sag« konnte, sie habe eine junge Deutsche für Sprachen und Muß! engagirt.
„Ich thue es ungern," erwiderte Cora fest. „Kann Miß Evans heute nicht mit ihnen gehen?"
„Wie kommen Sie auf eine solche Idee?" versetzte bi> Schulvorsteherin heftig. „Glauben Sie, ich hätte Sie oh«, Empfehlungen und unter für Sie so günstigen Bedingung« engagirt, damit Sie mir jetzt in dieser Weise entgegentreter sollen? Miß Evans Aeußeres ist durchaus nicht dazu an> gethan, meiner Schule Ehre zu machen und ich wünsche, daß Sie sich sofort bereit halten und mit den jungen Damen aiw gehen, bis die Erholungsstunde vorüber ist. Sie versteh« mich? . . . Und noch mehr! ... Ich wünsche, daß Sie dazu Toilette nach besten Kräften machen, wenngleich ich gestch/, muß, daß Sie wenig paffende Kleider besitzen, trotzdem/-' Ihnen Ihren ersten Vierteljahrsgehalt vorausbezahlte."
Miß Minchin schwieg und Cora neigte mit ihrer gen* lichen stolzen Anmuth den Kopf und verließ das Zimmer.
Die Schulvorsteherin fühlte fich ihrer neuen, jungen Lehrerin gegenüber entschieden nicht sicher. Das Mädchen hatte trotz ihrer abhängigen Stellung etwas so Stolzes unb Vornehmes in ihrem Wesen, daß Miß Minchin sich vergebe,» bemühte, den unfreiwilligen Zauber, der Cora umgab, ju brechen.
Cora ging in ihr bescheidenes Stübchen, das taw fo groß war wie ihre Garderobe in Villa Faro, und begann ihrs einfache Toilette-
Der kleine Zug der von Cora geführten Schülerinnen setzte sich in Bewegung und kam bald in die Gärten von Regents Park-
Hier herrschte ein munteres Treiben. Eine große, eit' bedeckte Fläche zog die Aufmerksamkeit Aller auf sich. Herr« und Knaben, Damen und junge Mädchen flogen auf ihre« Schlittschuhen schnell an den bunten Gruppen der Zuschauer vorüber und am reizendsten nahmen sich die hübschen junger Damen aus, die sich in phantastischen Figuren auf dem Eiß umherdrehten, hin und wieder einen leisen, koketten Schreckens ruf ausstießen ober auch der Hilfe bedurften, um nicht mij der glatten Eisfläche zu fallen. Dieses ganze Schauspiel wir Cora völlig neu und für den Moment war sie von dem A blick wie geblendet.
„O, sehen Sie, Miß," machte eine ihrer Schüler!« sie aufmerksam, „sehen Sie dort die junge Dame mit b» schönen Hut und dem Sammetcostüm .... läuft sie B wundervoll? Und der junge Herr neben ihr . . . wie W er ist I Ich bin überzeugt, daß es sehr vornehme Leute "> Glauben Sie nicht auch?"
Cora nickte stumm mit dem Kopfe und bedeutete bat junge schwatzhafte Dämchen durch eine Bewegung, daß sie m dem Ausplaudern ihrer Ansichten etwas zurückhaltender fein sollte.
Trotzdem hatte die kleine Schwätzerin wohl recht, denn das betreffenbe Paar sah sehr elegant, sehr vornehm aus uno Cora beobachtete es mit nicht geringem Jntereffe.
Nach einer kurzen Weile jedoch trennte sich das Paar. Der junge Mann schien in der Menge einen Bekannten zu entdecken und nachdem er feiner schönen Begleiterin einige Worts zugeflüstert, lief er davon, während sie sich auf bem Platze, wo sie sich befand, künstliche Bogen und Figuren an»' führend, allein amüsirte. ,
Dann wurde sie, wie es Cora vorkam, ungeduldig


