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denn er liebt mich schon längst, das kann ich Ihnen im Ver- trauen mittheilen."
Armes, zückendes Mädchenhrrz! Konntest Du drefen höhnischen Worten denn mehr glauben, als den halblauten, innigen jenes ernsten Mannes, der Dich so treu beschützt? — Nora blickte zu Boden, ihr war's, als risse eine Saite in ihrer Brust, die nie wieder ganz werden könne.
„Sie beehren mich mit einem Vertrauen, Durchlaucht, welches ich keineswegs begehre. Die Herren sind mir — beide gleichgiltig, nur der Gedanke regt mich auf, daß um meinetwillen Blut fließen soll."
„Es lag ja ganz an Ihnen, es zu verhindern, mein Fräulein," meinte die Fürstin kalt, „hätten Sie, als der Graf eintrat, ihm erklärt, Sie seien des Prinzen Braut
„Nimmermehr, gnädige Fürstin, lieber tobt unter der Erde, als Ihres Neffen Gattin!"
„Aber ich bitte Sie, meine Beste, Sie bedenken gar nicht, daß wir, indem wir Sie in unseren Familienkreis aufnehmen, alle Vorurtheile, die sich an — Ihren Stand knüpfen, völlig außer Augen laffen; solch' ein adelsstolzer Charaeter, wie Graf Wildenstein, würde gewiß niemals eine Heirath mit — einer Schauspielerin eingehen."
„Ich weiß es, Durchlaucht. Das Beispiel mit — seiner eigenen Schwester bestätigt diesen seinen Charaeter."
„Ah, Sie wiffen natürlich nm die Sache! Er hat sich aber stets geschämt, als — Ihr Oheim aufzutreten."
„Ich würde.den Grafen auch nie als solchen anerkennen," zitterte es von dm bleichen Lippen des Mädchens. Schwarze Schatten sanken nieder vor dem Bilde des stattlichen Mannes, der so treu und edel an ihr gehandelt, die Einflüsterungen der Fürstin drangen tief, vergiftend hinein in des Mädchens weiches Gemüth. Es sollte ja Alles aus sein zwischen ihr und dem Grafen — sie wollte ihn nie, nie wiedersehen!
„Und Sie wollen wirklich das Duell nicht verhindern, Fräulein zur Stetten, indem Sie sich für Gregors Braut erklären?"' fragte die Fürstin, sich zögernd erhebend. „Bedenken Sie wohl alle Consequenzen, solche Partie bietet sich Ihnen nicht alle Tage."
„Ich weiß es," entgegnete sie bitter, „und dennoch muß ich auf die rumänische Fürstenkrone Prinz Gregors verzichten- Die bürgerliche Schauspielerin hält sich zu gut für solche Ehre und ich wiederhole meine vorigen Worte: Ich verachte einen solchen Mann, auch wenn er ein Prinz ist, denn seine hohe gesellschaftliche Stellung legt ihm erst recht Ritterpflichten gegen die Damen auf."
„Nehmen Sie sich in Acht, meine Beste, dieses Urtheil dürste Ihnen theuer zu stehen kommen. Im Uebrigen meinte ich es gut mit Ihnen, wollte Sie protegiren und in die Kreise, in d e Sie gehören könnten, hinaufziehen, aber ich sehe, daß ich mich täuschte. Leben Sie wohl und denken Sie an mich; ich habe Einfluß bei den verschiedensten Personen — und werde nicht ermangeln, denselben nun gegen Sie anzuwenden."!
Nora stand unbeweglich. Als die Dame sich der Thür näherte, verneigte sie sich nur steif, ohne zu sehen, daß aus dem Pelzmantel derselben ein Brief zur Erde glitt.
Kaum hatte sich die Thür hinter der Fürstin geschloffen, da faltete das schöne Mädchen krampshaft die Hände und blickte zum Himmel auf.
„Ich danke Dir, Herr Gott, daß auch das vorüber ist! Er liebt sie und — und — ich war eine Thörin!"
Sie brach in krampfhaftes Weinen aus, um sie her schien sich Alles zu verfinstern und ihr ganzer Lebensmuth war wie gebrochen. Die Thür öffnete sich, Stetten trat ein und legte liebevoll den Arm um die schluchzende Tochter. „Mein armes, armes Kind, was hast Du? Was haben sie mit Dir gemacht?"
„Ich soll den Prinzen heirathen!" schrie sie leidenschaftlich. „Ihn, der mich beleidigte und wie eine Dirne behandelte ! Es soll eine Ehre für mich sein, daß er mir seine Hand bietet — o, und ich Haffe sie Alle — Alle! Ich war eine Thörin 1"
Stetten seufzte schwer, er fühlte sich körperlich so krank
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und elend, und des geliebten Kindes Schmerz marterte ihn mit tausend Folterqualen.
„Sei ruhig, mein Liebling," sagte er erschöpft, „sie sollen Dich nicht beleidigen, noch bin ich da. Was kümmert Dich jene rumänische Fürstin und ihr sauberer Neffe; Niemand fragt in der Residenz viel nach ihnen, während Du Aller Liebling geworden bist. Komm', weine nicht mehr, Du be« trübst Deinen armen kranken Vater."
„Bist Du krank, Papa?" fragte das junge Mädchen erschrocken und sofort versiegten ihre Thränen. „O, wie bin ich egoistisch, daß ich nicht an Dich, sondern nur an meinen Aerger gedacht. Mözen die bösen Menschen doch thun und laffen, was sie wollen, ich habe Dich und will sür Dich ganz allein nur leben."
Liebevoll geleitete sie den Vater in sein Zimmer und machte es ihm im weichen Lehnstuhl bequem, er fühlte sich immer elender, ein starker Schwindel gesellte sich zu seinen Schmerzen, so daß Nora, ernstlich beunruhigt, zum Arzt sandte, der sein baldiges Kommen versprach. Als das junge Mädchen, um ihre Rolle für den Abend nochmals zu durchlefen, ihr Zimmer betrat, fiel ihr Blick auf das Billet am Boden, welches die Fürstin Melanie dort unbemerkt verloren hatte. Was war das? Wem gehörte dasselbe? Sie nahm es auf, es hatte keine Adresse und halb mechanisch enfaltete sie es. Aber plötzlich vergrößerten sich ihre Augen, ihr Äthern stockte, sie ward todtenbleich bis in dis Lippen. Die wenigen Zeilen, welche das Papier bedeckten, lauteten:
„Ich komme heute Abend nach dem Theater zu Dir, obschon mich eigentlich „Macbeth" nicht anspricht. Hoffentlich sind wir allein und können unsere Zukunftspläne besprechen, denn ich will nun nicht mehr länger auf das Glück an Deiner Seite warten, theuerste Melanie. In heißer Liebe Dein Rudolf."
„Rudolf," wiederholte Nora halb bewußtlos; wie oft hatten ihre Lippen den Namen gehaucht in die stille Nacht hinein und nun las sie ihn als Unterschrift unter dem Liebesbrief an jene Frau! Wahrscheinlich mochte das Billet der Fürstin entfallen fein, vielleicht, nein, jedenfalls suchte sie es voller Unruhe. Eine unedle Regung erwachte in der Seele des armen Mädchens, sie brach das Billet zusammen und steckte es zu sich; nein, die Empfängerin sollte es nicht mehr sehen, mit ihr hatte sie völlig abgeschlossen, denn die ihr durch Melanie angebotene „Ehre" lockte sie nun einmal ganz und gar nicht.
Der Arzt kam, untersuchte den Kranken, befühlte den Puls und machte ein ziemlich ernstes Gesicht; als er, von Nora gefolgt, das Zimmer verlassen, wandte er sich zu dieser.
„Sie müssen den Fall ernst nehmen, mein Fräulein," bemerkte er mit theilnchmendem Blick in ihr blasses Gesichtchen, „ich fürchte, daß sich ein gastrisches Fieber vorbereitet und natürlich ist dabei Gefahr nicht ausgeschlossen. Sollte zum Abend Fieber eintreten, so geben Sie dem Patienten von dem hier verordneten Antipyrin ein halbes Pulver; morgen früh bin ich bei Zeiten wieder hier."
Nora war in Verzweiflung- Heute Abend sollte sie auftreten, während der Vater krank lag! Wie würde sie die Ruhe und Fassung zum Spielen haben? Die treue, alte Haushälterin war freilich ganz zuverlässig und abfagen durste Nora nicht in so vorgerückter Stunde. Mühsam die Thränen niederkämpfend, ging sie wieder hinein zum Vater und bewog ihn auch bald durch ernste Bitten, sich in's Bett zu legen.
„Ich komme gleich nach dem Theater wieder, Papa," sagte sie, sich zur Heiterkeit zwingend, „bleibe nur ruhig liegen und schlafe ein wenig; ich erzähle Dir dann auch Allerlei."
„Bleib' nicht zu lange, Nora," erwiderte Stetten matt, „ich — bin heute recht krank."
„Es wird schon besser werden, Papa; Katharina fetzt sich in’s Nebenzimmer, gibt Dir Arznei ober Limonade und wenn Du etwas willst, klingelst Du. Um zehn Uhr ist auch das Theater zu Ende und wahrscheinlich muß ich dann lange aufbleiben, um zu studiren."
„Täusche mich nicht — Kind; Du — willst — wachen."


