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ü« Bord eines solchen Dampfers wird von keinem Hotel ersten R nge« übertroffen In der Schnelligkeit sind diese Dampfer ohne Rivalen; ste machen die Fahrt von Hamburg nach New-Aork in 7*/, Tagen, und wenn man am Donners« tag Nachmulag von Hamburg abfägtt, darf man verstchert fein, daß man am Freitag Morgen der nächsten Woche schon in New-Jork gelandet worden.
Der Führer unsere« Schnelldampfer», Capitän Barends, ist einer der tüchtigsten und erprobtesten Sch>ffscupitäne der deutschen Handels-Marine. Auf seinem Schiffe fühlt man sich so sicher geborgen wie in Abrahams Schvvß.
Pünktlich zur festgesetzten Stunde setzte stch unser Koloß in Bewegung. Noch einmal die letzten Grüße an die L eben in der Hetmath — ein Wmken mit der Hand, eine Thräne im Auge, dem heimathlichen Boden des deutschen Vaterlandes gewecht — und Cuxhaven war außer Sicht, für immer verschwunden.
Nach einer etwa» stürmischen Oceanfahrt landete die «Normannia" acht Tage darauf Morgens in Hoboken, New- Jork gegenüber.
An demselben Tage, bei kühlem Oetoberwetter verließ ich New-Jork und fuhr mit der Eisenbahn nach New-Oclean» am Golf von Mexiko. Während in der Umgebung ’SUm« Jork» die Natur sich bereit» auf ihren Winterschlaf vorbereitete und Feld und Wald kahl und öde erschienen, änderte sich dieses Bild, je näher wir dem Süden kamen.
New-Orleans ist unstreitig die Hauptstadt und der wichtigste Hafen de» großen, südöstlichen Thetle» des amerikanischen Kontinente», welcher vor dem Sclavenkrisge 1861 bi» 1865 die Südstaaten umfaßte.
Der sonnige Süden, das Land des -immerwährenden Sommer», das Land der Drangen, der Baumwolle, des Reis und Zuckerrohrs, ringsum New-Orleans finden wir ihn. Die Stadt selbst mit ihrer gemischten Bevölkerung, als: Franzosen, Italiener, Spanier, Creolen, Mulatten, Schwarze, Mexikaner, Indianer, Iankees und Deutsche, ihrem Handel und Verkehr und ihrem hochinteressanten Hafenleben gewährt ein eigenthümlich reizvolles Schauspiel.
In New-Orleans bestiegen wir den „Sunset Limited“- Schnellzug, der uns in 77 Stunden nach dem goldenen Thore (Golden Gade) am Stillen Ocean bringen sollte und die Staaten und Territorien Louisiana, Texas, New-Mexico, Arizona und (Kalifornien durchquert.
Man muß es den Amerikanern lassen, ste verstehen e» wie keine andere Nation, das Eisenbahnretsen nicht nur äußerst bequem, sondern auch ungemein anregend zu machen.
Eine Eisenbahn-Companie überbietet die andere in Bezug auf luxur'öie Ausstattung, Bequemlichkeiten und Schnelligkeit ihrer Perionen-Schnellzüge, wobei die Geldfrage gar nicht in Betracht zu kommen scheint. — „Royl Blue Flyer,“ * State Empire Express,“ „Cannon Ball,“ „Western Empire,“ „Crescent Flyer“ u. s. w., das find einige der stolzesten Eigennamen, welche die verschiedenen amerikanischen Eisenbohngesellschaften ihren Luxus-Schnellzügen beilegen.
So ist denn auch unser „Sunset Limited“ ein Luxus- Zug sonder Gleichen. Derselbe bestand au» einem Pullman- Composition»-Buffetwagen, Rauch-, Barbier-, Bade-, Restau- rat'on»-, und Bibliothek-Zimmer enthaltend, zwei Pullman- Schlafwagen, sämmtlch neuesten Style», mit wahrhaft fürstlicher Pracht ausgestattet und durch ein Vestibüle mit einander verbunden, einem Gepäck- und Postwagen und einer Riesen- Schnellzugs-Locomottve.
1 Die Speisen in dem Restaurant de» Zuges, zu cioilen Preisen a la carte serviert, ließen Nichts zu wünschen übrig, sührte doch die „bill of fare“ alle Deltcateffen der Saison; und auch an guten preiswürdigen Getränken fehlte es keineswegs.^ Sogar Kupferberg-Gold-Sect und Münchener Pschorr« bräu in Flaschen, war vorhanden. Eine genügende Anzahl von Wärtern und Kellnern, Barbier, ja, ein Stenograph und I
Typewriter sorgten für die sonstigen Bedürfnisse der Kahrgäste.
Ab New-Orleans passirten wir zunächst die große« Sumpf-Ländereien der Misst'sippt-Mündung, dabei den mächtigen Bayon-District kreuzend, allwo die eigentliche Heimath der Alligatoren, Schildkröten, tödtlichen Schlangen und Sumpfvögel mannigfacher Art ist. Dazwischen Reis-, Zucker und Baumwolle-Plantagen mit ihren stolzen Herrenhaus-Besitzungen, den stummen Zeugen einstmaliger Sclaven-Herrschaft. Dann folgen Waldungen von Cypressen, Lebenseichen, Magnolien und anderen Baumarten, durch die der Sabine-Fluß seine trägen Fluchen wälzt. Mit Entzücken ruht da» Auge auf den aufstrebenden Bäumen, zwilchen denen Schlingpflanzen ihre schwebenden Guirlanden mit dm nickenden Blüthrn flechten. Mit festumklammernden Armen steigen sie höher und höher, ihrem stützenden Pfleger allmählich da» Leben entziehend; morsch und trocken werden des Baumriesen Aeste, lange, graue Moosbärte hängen an ihm herab, bis er endlich niederstürzt, andere Bäume im Fallen mit sich reißend. Doch neues Leben bildet stch in dem modernden Stamm — Orchideen schmücken ihn mit zarten Blüthen, Schmarotzerpilze sprossen ans der Rinde hervor. Einige der letzteren, leuchtend roth und länglich rund, haben fast die Form menschlicher Ohren, andere gleichen fleischigen Tulpen und seltsamen Muscheln. Glänzende Lorbeerbäume und zierliche Mycthen- gebüsche wachsen neben dem baumartigen Farnkraut mit seinen schön gezackten Blätterwedeln. Ab und zu huscht surrend ein farbenprächtiger Kolibri vorüber, flattert einer der herrlichen lichtblauen Schmetterlinge von Blume zu Blume.
Von der Station New-Iberia ist e» nicht weit nach Orange-Island, allwo R>p van Winkle die Lebensquelle gefunden haben soll, die einst Ponce de Leon, der den kühnen Columbus auf dessen zweiter Weltentdeckungs-Reife begleitet, in Florida, dem Blumenlande, vergeblich gesucht.
Es folgt die Stadt Houston in Texas, in deren Nähe unser Zug den Brazos-Rioer kreuzt. Dann geht es inmitten von Zuckerrohr- und Baumwolle-Plantagen, sowie Rindvieh« Ranches, der Heimath der texanischen Cowboys, nach San Antonio, einer lebhaften, auch von vielen Deutschen bewohnten Handels- und Industrie-Stadt im südwestlichen Texas.
Am nächsten Morgen erblicken wir ein Wüsten-Panorama inmitten von Gebirgszügen. Kakteen und Wüsten-Palmen bilden hier die einzige Vegetation. Von Houston, nur wenige Fuß über der Mcereshöhe gelegen, bi» nach Paisano-Paß steigt die Bahn 5180 Fuß, um bann durch New-Mexico und Arizona durchschnittlich 4000 Fuß über dem Meere» spiegel zu bleiben. Bei Alazan to Spofforb ist der „Gateway“ (Thorweg) nach Mexico. Hier spricht Alle« nur spanisch. Der mächtige Rio Grande-Fluß ist uns zur Seite und den Devils River passiren wir fiebzehnmal. Die Gebirgsscenerie ist von wunderbarer Schönheit. Antilopen-Heerden und zahlreiche Prairie-Hunde erblicken wir vom Wagenfenster au», lieber den Pecos-River führt uns eine eiferne Brücke, die zweithöchste in der Welt. D-efe Brücke bat eine Höhe von 321 Fuß über dem River. Sie ist 2180 Fuß lang und besitzt ein Gesammtgewicht von 200 Millionen Ton» Eisen. Wir kommen nun in den Bereich des Grand Canyon mit großartigen Sandstein-Wällen voller Grotten unb Höhlen. Auf den Wafferstationen ber Sunset-Route muß ba» Wasser durch artesische Brunnen 1500 Fuß tief gehoben werden. Die Pasiano und Sierra Bianca Mountain» kommen in Sicht. Die Gebirgsstadt Malone passirt unser Zug fünfmal nacheinander, immer höher in Hufeifen-Curven die Berge empor« klimmend. Nun folgt El P.fo, an der Grenzscheibe von Texas, New-M.xico unb M.x co gelegen, von wo eine Elsen« bahn-Veibindung mit Mexico unterhalten wird. Die International Mexican Railway zweigt in Spofforb, Texas, mit ber Sunset-Route nach Durango unb ber Hauptstadt Mexico ab.
(Schluß folgt.)
Partien: A. «chryd«, — Druck irnb V-rlaZ der Vrühl'schm Untre,fiNkir^vuch- UN» Vtcindrnckerei (Pietsch ch «chei, d«) in Rtn,


