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Pfarrer lobte die Belesenheit des Saftes, die Pfarrerin fand sein Herz brav, Salomea hob seine Galanterie als schmeichelhaft hervor, Georg und Sophie freuten fich seiner kindlichen Herablassung und Weyland ahnte nun, daß sich hier ein bedeutungsvolles Ereigniß anknüpfe, wobei er dem Herzensfreunde alles Gute wünschte.
Es war ein köstlicher Herstabend und Friederike, der verzogene Liebling de« Hauses, schlug noch einen Spaziergang im Mondschein vor, welchem Vorschlag die ganze Tischgesellschaft sofort beitrat. Es versteht sich, daß Goethe Friederike galant den Arm bot, daß der Pfarrer die Gattin und Wey- land Cousine Salomea führte, wie auch, daß Georg und Sophie den Beschluß des Zuges machten, der sich durch die Dorfstraße forlbewegte.
„Sehen Sie, Mademoiselle," tief Wolfgang entzückt aus, als man auf der Höhe vor dem Dorfe angekommen war, „wie wundervoll das helle Licht des Mondes alles ringsum übergießt! Es ist ein Anblick, den mir dis altersgrauen Dächer Straßburgs lange nicht gestattet haben! Ich fühle mich an Ihrer Seite in eine Zauberwelt versetzt!"
Friederikens Stimme zitterte leise, als sie auf die vielsagende Anrede zurückgab: „Sie sind ein Schwärmer, der im Stande ist, alle Anderen mit fich fortzureißen! Sie wissen den alltäglichsten Dingen eine Seite abzugewinnen, die uns jene ganz neu erscheinen läßt! Wissen Sie auch, daß ich Sie für eine dichterische Natur halte?"
Goethe blieb stehen. „Dank für dieses Wort, Mabemoi- selle; ich fühle wirklich so etwas von einem Dichter in mir! E« ist freilich noch Alles roh und im Werden, Sie aber haben mir plötzlich die Binde von den Augen gerissen."
Ein sanfter Druck ihrer Hand antwortete ihm.
Jndeß meinte Ehren-Brion: „Ein vortrefflicher junger Mann, liebe Frau!"
„Wie findest Du unseren Gast, liebe Cousine?" sondirte indeß Wkyland seine Begleiterin.
„Wie ich ihn finde?" entgegnete Salomes ernst. „Ec ist eine vulcanische Natur, die Alles mit sich fortreibt! Wenn Friederike ihm nur einst als Günstling de« Glückes genügen wird! Unstreitig haben sich die Beiden sofort einander zugeneigt; Schönheit und Reichthum hat ihm dar Glück in den Schooß geworfen; solche Leute sind oft wetterwendisch!"
Aber Weyland nahm warm die Vertheidigung Wolfgangs auf und sagte: „Er ist mein bester Freund, Cousine, ein ungemein braver, grundgescheiter Bursche! Würde ich ihn sonst meinen lieben Verwandten zugeführt haben?"
Salomea aber entgegnete gelassen: „Gewiß, gewiß; aber seine Meinung, Vetter, darf man doch frei äußern?"
„Ja," erwiderte Weyland, „Offenheit ist Jeder dem An- dern, wenn auch mit freundlicher Schonung, jedenfalls schuldig!"
„Wir werden ja später sehen!" meinte Salomea und wandelte sinnend weiter.
„Der neue Freund unseres Hauses ist ein vorzüglicher Mensch!" lachte Georg. „Gr soll mir beim Griechischen helfen!"
„Und mir soll er die interessantesten Bücher geben," fiel Sophie ein, „in Straßburg soll sich nämlich eine große Bibliothek befinden!"
Man hatte den Rückweg angetreten; angesichts des altersgrauen, aber gemüthlichen Pfarrhauses nahm Friederike wieder das Wort: „Morgen werde ich Ihnen unfern einfachen, aber netten Garten und meinen Lieblingsplatz zeigen! Er befindet fich in dem kleinen Buchenwäldchm hinter dem Garten. Die
Rachtigallen bauen dort im M; ich bi» neugierig, ob fix im Frühling nächsten Jahres auch wieder so zahlreich kommen f werden!"
I < «. Wolfgang drückte ihre kleine Hand und entgegnete: „Ich t hoffe, der nächste Lenz soll ein himmlischer werden!"
Sie stützte fich fester auf ihn.
j Daheim rauchte der Hausherr noch feine Pfeife und er- i innerte durch Gähnen daran, daß es Zeit zum Schlafengehen - sei. Man nahm deshalb Abschied von einander und die Haus- \ Jrou leuchtete den Fremden auf dar gemeinsame Schlafgemach • im obersten Stockwerk hinauf.
j Kaum hatte die Pfarrerin die Thür mit „Gute Nacht" hinter sich geschloffen, so stürzte Wolfgang auf Weyland zu, ■ legte ihm beide Hände auf tue Schultern und sagte erregt: „yerzensbruder, lieblich nanntest Du sie; sie ist mehr, sie ist das verkörperte Ideal von Frauenschönheit! Ich muß Dir tausendmal danken, daß Du mich zu ihr geführt!"
Weyland lächelte über seinen Eifer und meinte: „Du übertreidst, Wolfgang; sie ist meine Base, ein Mädchen, er- trägltch schön und liebenswerrh, aber —*
„Ach, Alltagsmensch, Prosaseele," unterbrach ihn Goethe rasch, „schäme Dich, von einem solchen Mädchen so banal sprechen zu können! Blaß ist jede Schilderung gegen dieser Mädchens Lieblichkeit! Fürwahr, ich müßte zum Lastträger und n cht zum Dichter geboren sein, wollte ich wie Du ihr alltäglich gegenüberstehen I"
Weyland schüttete den Kopf. „Sollte uns der Schlaf nach dem ermüdenden Ritt nicht wohlthun, Freund? Deine Gesundheit ist nicht die festeste und der Ritt muß Dich an- gegriffen haben. Komm' schlafen!"
Wolfgang hatte den Fensterflügel aufgestoßen und blickte in den Mondschein hinaus, indem er murmelte: „Wer denkt der Gesundheit, wenn die Seele seiner Seele vor einem steht? Schlafe, Ecdenwurm, mich aber laß in die lichten Höhen blicken, ihr Bild voll auszudenken. O, Friederike!"
Er legte sich erst spät schlafen, als längst Alles im Hause still war und Weyland bereits im tiefen Schlummer lag.
III.
Frühling int Winter.
ist verödet die Flur und Winterschnee decket die , Felder,
Aber im Herzen erblüht lieblich der wonnigste Lenz.
__ Es ist November und draußen toben Schneesturm und Ostwind. In Herders Zimmer aber ist es gemüthltch warm und im Kamin knistert noch das Feuer.
An diesem hatte der Besitzer des Zimmers im Lehnstuhl P atz genommen, ihm gegenüber fitzt Goethe. Beide lesen den Ossian in der Ursprache.
Plötzlich läßt Herder das Buch sinken, blickt Wolfgang durch die blaue Brille forschend an und sagt: „War ist mit Ihnen eigentlich vorgegangen, Freund Wolfgang ? Ihre siüge sind seit längerer Zeit vergeistigt, Ihre Leistungen sind seit Kurzem überraschende geworden! Sie scheinen einen neuen Menschen angezogen zu haben!"
»Das könnte schon sein," lächelte Goethe hierauf, freund« lich antwortend, „wenigsten« fühle ich nuch so frisch und froh, ®i.e V°gel im Lenz! Zu anderen Zetten dagegen bin ich bedrückt und traurig!"
„Das ist ja komisch!" bemerkte Herder nicht ohne einen Anflug von Spott. „Sind Sie etwa verliebt?" r^./'^icht!" gestand Wolfgang zu. „Ich weiß e« selbst mcht! Ich habe freilich kürzlich ein Mädchen kennen gelernt, gegen welches alle übrigen Frauenzimmer nur stygtsche Schatten find!" ™
»Oho, Freund Wolfgang!"
„Wie ich sage!"
„Dann sind Sie verliebt I Im Ernst, Wolfgang, hören Sie: Nur keine Liebelei in Ihren Jahren; das hemmt die gesunde Entwickelung des Geistes und verdirbt uns die Saniere I"
»Ja, wer das stets bedenken könnte!"
Die Pfarrerin nickte. „Aus guter Familie und ver- J mögend; er braucht auf keine große Aussteuer zu sehen!"
Der Pfarrherr staunte über den Scharfblick seiner Gattin. ! „Meinst Du, liebe Freundin?"
Frau Maria Magdalena lächelte überlegen. „Bester j Jacob, so etwas entgeht uns Frauen niemals! Hast Du nicht z bemerkt, wie entzückt er Friederike anstarrte? Das gute Ktnd, I diesen Goldfinken gönne ich ihr!"
Der Psarrherr seufzte und setzte dann seinen Weg stille fort.


