m. 140
AevßLkß ömLtz.Novemher
MmilisBlÄtsk
»öKSKSI-
UnterhalLungsblatt MM Gießener Anzeiger (General-Anzeiger)
'S’
UH
Jo
MKW
Dichterfrühling.
Histrrische Original-Novelle von Carl kassau.
(Fortsetzung.)
Wolfgang blickte in der Richtung aus und meinte: „Vielversprechend ! — Wenn die Bewohner des Ortes ebenso herzig sind, wie das Aussehen des Dörfleins, so werden wir einen ftohen Tag erleben I '
Weyland verbesserte: „Mehrere Tage, denke ich, denn Du wirst Dich dort, wo uns kein Pandectenstaub umwirbelt, wohl fühlen; Alles ist hier frische Natur!"
„Mehrere Tage?" meinte Goethe. „Ist es nicht aufdringlich ? Doch wir werden sehen."
Sie hatten das Dorf erreicht, stellten ihre Rosse im Stalle des Wirthshauses ein und schritten an der freundlichen Kirche vorbei dem altersgrauen zweistöckigen Pfarrhause zu, worin bereits Licht brannte.
Beim Scheine desselben wurden die beiden Gäste durch da» Gebell eine» Haushundes angemeldet, worauf der Pfarrherr erschien, der nach Weylands Vorstellung beide Gäste kurz, aber herzlich willkommen hieß. Er führte den Besuch in die Wohnstube, wo um einen runden Tisch Georg, Sophie und Salomea mit Arbeiten beschäftigt saßen, während die Frau Pfarrer au» der Küche herbetetlte. Alle begrüßten die Gäste freundlich-zutraulich; Friederike, hieß es, weile noch bei einer kranken Nachbarin, werde sich aber bald einstellen. Inzwischen mußten Weyland und Wolfgang Platz nehmen. Während nun die Pfarrerüleute bei Weyland Umfrage nach der Familie hielten, konnte Wolfgang das gemüthlich, aber nicht allzuretch ausgestattete Wohnzimmer mustern, dessen Einrichtung einen feinen Sinn verrteth. Auf eine dessallstge Bemerkung Goethes erklärte Salomea, daß dieses ein Werk Friederikens sei, die sür dergleichen viel Chic besitze. Ueberhaupt war der Name des Mädchen« in dieser kurzen Frist so oft genannt worden, daß Wolfgang bald merkte, wie sie die Hauptperson de» Pfarrhauses sei.
Inzwischen trug die Pfarrerin mit der größten Urbanität und resolut für die Hungrigen da» Abendessen auf und nöthigte den Besuch an de« Tisch. Hier verwickelte der Hausherr
Goethe bald in ein anregendes Gespräch über Frankfurt, Leipzig und Straßburg, bei welchem natürlich dem redegewandten Wolfgang die Hauptrolle zufiel. Bereits fing man au, den Fremden bewundernd und mit wohlwollenden Blicken anzusehen und freute sich jetzt doppelt der seltenen Unterbrechung der ländliche« Monotonität, die den Bewohnern der Pfarrhauses bei Goethes glänzender Unterhaltungsgabe mehr al« sonst zum Bewußtsein kam: da trat Friederike ein.
Sie war ein blondlockiges, schlankgewachsener Mädchen, über dessen ganzes Wesen die Fülle echt weiblicher Anmuth i« solchem Maße ausgegoffen war, daß dieses natürliche seelische Geschöpf als das lieblichste Frauenbild gelten durste, welches jemals den Boden der Pfarrei betreten.
Ihre Erscheinung riß den für Frauenschönheit sehr empfänglichen Goethe sogleich zur Bewunderung hin, sodaß der Strom seiner Rede, welcher bis dahin wie ein murmelnder Waldbach am Theetisch dahingefloffen, plötzlich verstechte und einem bewunderungsvollen Schweigen und Anschauen Platz machte, daß Weyland sich sogar genöthigt sah, artige Worte zu machen, um das Schweigen des Freunde» weniger auffällig zu gestatten.
Wolfgang lebte seit dem Augenblick, wo Friederike neben ihm am Tische Platz genommen und mit dem gesunden Appetit einer ungeschminkten Naturkinde» zulangte, ihrer zarten Son- stitution nach aber doch wenig aß, nur ausschließlich für da» holde Wesen an seiner Seite.
Er reichte ihr die Theetaffe, er gab ihr da« Körbchen mit den Brodschnitten, er reichte ihr Butter und Auslage zu und erschöpfte sich in tausend Kleinigkeiten, bi» er allgemach wieder in den Strom des sprudelnden Witze« und geistreicher Rede einzulenken im Stande war. Friederike dagegen hing an seinem Munde und an seinen Augen, bi« ihr Strahl fle im innersten Herzen traf. Der lose Schalk Amor, der sich erst die Augen schelmisch verbindet, wenn sein Widerhakenpfeil bereits im Herzen sitzt, hatte hier leichtes Spiel, zwei Herzen für einander zu gewinnen, die sich unbewußt bereits gehört hatten Er fand sie bezaubernd, sie ihn bedeutend und sym- pathisch; jede» fand in dem andern sein alter ego und Platon- ergänzende Hälfte, welche jedem bei der Schöpfung verloren geht und erst im Kampfe mit dem Leben wiedergefunden wird.
Aber auch di« Tischgesellschaft «ar mtMt; der gut«


