Ausgabe 
26.9.1895
 
Einzelbild herunterladen

sehen. Herr von Wildenau wogte mit Frau Ribold nach den Klängen des Fledermauswalzer« durch den Saal und Hell­muth folgte mit Hertha Steuer. Aber auch der alte Amts­vorsteher schwenkte mit Frau von Wildenau noch so graciör über's Parket wie der jüngste Fuchs und Niemand sah ihm heute seine 68 Jahre an.

Ja, das war eine freudige und glückliche Verlobung; hier sprachen die Herzen mit in Frohsinn, in Liebe und Treue; wie ganz anders war es damals auf Lindenheim I

Dreizehntes Capitel.

Seit vierzehn Tagen wurde schon fleißig an Herthas Aussteuer gearbeitet, denn der 20. September, ihr Geburts­tag, sollte auch zugleich ihr Hochzeitstag sein. Aber an all' diesen Arbeiten zeigte Hertha auch nicht das geringste Interesse, umsomehr aber Tante Doctor. Wer die alte Dame herum- wirthschaften sah, wie sie hinten und vorn und überall sich an diesen Arbeiten betheiligte, der mußte den Eindruck ge­winnen, als handelte es sich um ihre eigene Aussteuer, al« wollte sie selbst noch einmal das Eheglück versuchen und Hertha ginge die ganze Sache nichts an.

Aber auch ihrem Vater war diese Theilnahmslosigkeit nicht entgangen. Von seinen Büchern sah er wieder hinüber zu den Wipfeln der alten Bäume, seinen Vertrauten; er hielt seinen Kopf in die linke Hand gestützt und sah lange Zeit sinnend hinaus.

Und wie da« Mädchen nur aussieht seit einigen Tagen, als steckte eine schwere Krankheit in ihr. Auch ihr Wesen hat sich ganz verändert. Mitten auf dem Weiher schwimmt herrenlos ihr -Boot; das eine Ruder liegt im Schilf, da« andere am Ufer; das kann nicht so weiter gehen," sagte er halblaut.

Er ging hinunter und fragte seine Cousine nach Hertha.

Sie ging unlängst in den Wald," erwiderte diese, ohne sich stören zu lassen.

Wieder ging der Oberförster auf sein Bureau, doch die Arbeit wollte ihm heute gar nicht von der Hand gehen.

Oed und leer sah es in Herthas Jnnerm aus.

Seit jener Unterrredung mit dem Baumeister war ihre Ruhe dahin und doch hatte sie eher das Gegentheil erwartet.

Welch' ein edler Mann, welch' ein edles Herz!" klang es unaufhörlich in ihrem Innern. Tag und Nacht mußte sie daran denken, und wenn sie erschreckt im Schlafe erwachte, so sah sie einen Wagen im Sturme durch die finstere Nacht jagen, sie hörte ihn krachend an einen Baum fahren, sie sah ihn umstürzen, sie schrie sie wollte helfen und konnte nicht.

Oft hatte sie noch kein Auge geschloffen, wenn in ihre Fenster die Morgensonne die hellen Strahlen schickte. Eine Müdigkeit lag auf ihrem Körper, eine Traurigkeit auf ihrer Seele. Und dennoch sagte sie sich:Es muß sein, Du hast einmal Dein Wort gegeben, Du mußt es nun auch halten, ob e« auch gleich Dein Unglück ist." Und ein solche« stand ihr klar vor Augen.

Mit solchen Gedanken ging sie heute, langsam dahin­schreitend, in den Wald. Planlos irrte sie eine Weile umher.

Plötzlich stiegen andere Gedanken in ihr auf; sie legte ihre Hände ineinander und blickte unverwandt durch das dichte Laub zum blauen Himmelszelt.

Hertha gedachte dann der Worte des greisen Pfarrers, die er am letzten Sonntage am Schluffe der Predigt seiner Gemeinde so eindringlich an'S Herz gelegt:Und wenn Dein Herz schwer ist, wenn Sorgen, Kummer und Herzeleid Dich trüben, wenn Du keine Seele findest, die tröstend Dir Dein Herz erleichtert, dann, mein lieber Bruder, meine liebe Schwester, dann:

Befiehl Du Deine Wege Und was Dein Herze kränkt, Der allertreusten Pflege Des, der den Himmel lenkt. Der Wolken, Luft und Winden Gibt Wege, Lauf und Bahn, Der wird auch Wege finden, Da Dein Fuß gehen kann!"

455

Er wird auch Wege finden," sagte sie erleichtert, dantt eilte sie, so schnell es ging, quer durch den Wald, sie eilte vorwärts und immer vorwärts, als jagte sie nach einem be­stimmten Ziel. Wohl zwei Stunden lief sie so dahin, dann kam sie an eine Lichtung und der Wald hatte hier ein Ende.

Auf einem schmalen Fußwege schritt sie zwischen Wiesen und Feldern dahin und nach zehn Minuten hatte sie ihr Ziel erreicht. Ein stiller Ort lag vor ihr, umgeben von einer halbverfallenen Mauer. An dem Eingang, über welchem die Worte standen:Hier findet die Seele die Heimath, die Ruh'," blieb sie stehen. Dann öffnete sie langsam die kleine Pforte und schritt nach der ihr wohlbekannten Stelle. Hertha blickte unt sich. Ueberall Ruhe und Friede in der Natur wie auf dem Friedhöfe selbst; nur vom Walde herüber ließ der Kuckuck seinen Ruf ertönen.

Auf ihre Kniee ließ sich Hertha am Grabe ihrer Mutter nieder und betete lange und inbrünstig.

Dann stand sie auf und heiße Thränen fielen auf den epheuumrankten Hügel.

O, meine theure Mutter," sagte sie mit trauernder Stimme;ach, wenn Du doch noch lebtest, wie könntest Du mein schweres Herz erleichtern, wie könnte ich es Dir aus­schütten. Du würdest meinen Schmerz verstehen und Dein armes Kind in mütterlichen Schutz nehmen. Aber ruh' in Frieden, Du theure Entschlafene dem Auge fern, dem Herzen ewig nah. Schnell wird die Zeit dahingehen und vielleicht vielleicht werde ich bald bei Dir sein, bei Dir in einer befleren Welt- Nimm mich in Deinen Schutz, Du zu früh Dahingeschiedene; Du in dem Herrn Entschlafene, begleite mich auf allen meinen Wegen jetzt und immerdar."

Leise, ganz leise bewegten sich die Blätter der dichten Traueresche, als wollten sie ihr tröstend sagen: Weine nicht, traure nicht, denn unsere kurze Zeit ist sür die Ewigkeit!

Ruhiger blickte Hertha empor und so leise wie der Wind­hauch den Baum bewegte, sprach sie:Wollt Ihr mir Trost und Frieden sprechen, Ihr zarten Blätter, Du stiller Stamm, der Du schon so viele Jahre wie schützend Deine Zweige trägst? Willst Du mir Grüße bringen aus tiefer Gruft, da Deine Wurzeln ihren Sarg umklammern? O, schütze immer dieses theure Grab, bis Alles geht, woher es einstmals kam!"

Lange ruhte Herthas Auge wie traumverloren auf dem Marmorkreuz, dann umfaßte sie es und küßte den goldenen Namen ihrer Mutter.

Wieder rief vom Walde herüber der Kuckuck.

Hertha pflückte zwei Epheublätter und nahm Abschied von dieser Stätte.

Noch einmal blickte sie zurück.Die Liebe hört nimmer auf," flüsterte sie, dann verließ sie den Ort, wo die Seele die Heimath, die ewige Ruhe findet, den Ort, wo so viele Thränen fließen und der uns Allen bleibt.

Hertha legte die Pforte, die nur in einer Angel hing, wieder in's Schloß und so schnell als sie gekommen, eilte sie von dannen.

Als ihre Blicke wieder durch das dichte Laub den blauen Himmel sahen, da war ihr leicht um's Herz, so leicht, als wären stille Ruhe und innige Zufriedenheit dort eingezogen. Sie hatte sich mit ihrem Schickial ausgesöhnt und wollte nun getrost ertragen, was ihr die Zukunft bringen würde.

Als Hertha vom Walde aus in den Tannengang trat, kam ihr besorgt ihr Vater entgegen.

Er sah sein Kind lächeln, sah sein freundliche» Gesicht und eine Centnerlast fiel von seinem Herzen.

Ich suchte Dich schon seit zwei Stunden, mein Kind, wo warst Du denn nur so lange?"

Aber weshalb suchtest Du mich, mein lieber Vater?" entgegnete Hertha ruhig.

Mir war so bange um Dich, mein Kind, Du siehst leidend aus und fühlst Dich auch wohl krank?" sagte ihr Vater forschend.

Ach, mein guter Vater, mir ist schon wieder ganz wohl, gräme Dich nicht meinetwegen." Und sie fiel ihm um den Hals.