454
Dann reichten sie den Kindern, die Hände und Gernud weinte Freudenthränen an der Brust ihrer Mutter.
„Nun sagen Sie mir doch, lieber Hellmuth, um Alles in der Welt, wie sind Sie denn heute nur hierher gekommen? Ich stand doch lange Zeit am Fenster und sah weder Sie noch einen Wagen?" sagte von Wildenau nach einer Weile.
„Nun, ich kam an der Mauer entlang durch die Pforte, wo der Fliederstrauch steht!"
„Ach so," erwiderte von Wildenau etwas gedehnt, „und an dem Fliederstrauch stand dann auch wohl die Trude?"
„Ja, Papachen, so war es," fiel Gertrud ein.
„Na, siehst Du, Mütterchen," sagte von Wildenau zu seiner Frau und streichelte ihr die Backen, „na, siehst Du — genau so, wie die Alten sungen."
„Und da erfuhren Sie natürlich auch vom Rehbock, der Ihnen als Vorposten diente," sagte Herr von Wildenau zu Hellmuth gewandt. „Taktik war nicht schlecht — war ja ordentliche Ueberrumpelung. — Jetzt aber, Trude, eile zur Küche und blase Alarm, aber recht schnell und ein gutes Frühstück, und aus dem Keller von dem Gelbgestegelten — ganz rechts an der Wand."
Alsbald servirte der Diener dar Frühstück und Gertrud brachte den gewünschten Wein, und die alte Fröhlichkeit war nun erst recht zu Hause-
„Das ist ja heute ein besonderer Tag, der unsere lieben Freunde und Nachbarn recht überraschen wird," sagte der Hausherr und hielt das volle Glas gegen das Licht.
„Marcobrunner zweiundsechziger Auslese, ein guter Tropfen zur guten Stunde, mein lieber Sohn."
Hell klangen die Gläser, die auf das Wohlergehen und die Gesundheit des glücklichen Paares geleert wurden.
Die alten Bäume im großen Park bewegten ihre Häupter und in den Laubkronen war ein Gemurmel, als erzählten stch die Blätter die Neuigkeit, die sie soeben vernommen. —
In der Mittwochsgesellschaft hatte die Verlobungsanzeige freudig überrascht. Man war überall erfreut über diese Verbindung und wünschte Eltern und Kindern Glück und Segen aus aufrichtigem Herzen.
Hertha wollte sogleich zu ihrer Freundin eilen, aber diese kam ihr schon zuvor. Freudig eilten sich Beide in die Arme und es war eine rührende Scene, diese Umarmung zu sehen.
Sie gingen am Bach entlang und sprachen lange und sie durften sich auch ihre Herzen ausfchütten, denn die murmelnden Wellen nahmen innig Antheil an diesem Liebesglück und plätscherten ihren Beifall.
„Weißt Du, Hertha, trotz Deiner aufrichtigen Freude finde ich Dich heute recht ernst, auch kommst Du mir so ab> gespannt vor, als wärest Du Tag und Nacht auf der Eisenbahn gefahren. Deine Augen sehen trübe aus, Deine Wangen find bleich, was hat es nur zu bedeuten?" fragte Gertrud besorgt.
„Nichts, meine Liebe," erwiderte sie gleichmüthig, ,,e« wird vorübergehen — sei unbesorgt." —
Der Baumeister empfing die Anzeige in Dirschau. Ein Lächeln umspielte sein ernstes Gesicht- „Natürlich Hellmuth, wie er leibt und lebt," sagte er, „veni, vidi, vici.“
Am folgenden Sonntage wurde die Verlobung gefeiert. Von Nah und Fern kamen die Verwandten, aber auch die getreuen Nachbarn und desgleichen fanden sich ein. Curt von Walten depeschirte seine Glückwünsche — an der Feier theil- zunehmen war er dienstlich verhindert.
Aber auch Heyd konnte zu seinem größten Bedauern nicht erscheinen, denn der Baurath Wiebe hatte ihn zu diesem Tage mit einer Einladung nach Danzig beehrt, die er auch beim besten Willen nicht abschlagen konnte.
Auf Wildenau aber ging es lustig her. Die Herrschaften hatten es dort an nichts fehlen taffen, denn sie wollten Verlobung ihre» einzigen Kindes auch entfpre hend feiern- Der rothe Salon war zu einem Tanzsaale umgewandelt und sM und munter drehten sich die Paare im Kreise. Zu Ehren der Tages tanzte sogar der Oberförster mit der glücklichen Bram — ein Ereigniß, das noch keiner von den Anwesenden 86
„Ha, Schatz, von Dir, und da hab' ich ihr das Geheim- niß meines Herzens anvertraut."
„Na — und was sagte sie?"
„Mama hat sich sehr gefreut und meinte, Du seist ein guter Mensch und ein rechter Mann, ja — und sie hat Dich sehr, sehr gern." t ,
„Trude — das hat sie gesagt I" rief er erfreut und in den Armen lagen sich zwei glückliche Menschen unter dem buschigen Fliederstrauch.
„Nun aber zum Papa, Trude, und halte Dich auch in der Nähe auf. Schnell noch einen Kuß, — so —" und von dannen eilten sie, Karl von vorn, Gertrud von hinten in das Haus.
Der Diener brachte bald darauf feinem Herrn eine Karte.
„Nanu," sagte dieser, „wer mag denn das nur sein!"
Er la» und eilte dem Ingenieur entgegen.
„Ach, schönen guten Morgen und herzlich willkommen, Herr Hellmuth; aber was verschafft mir nur zu dieser so ungewöhnlichen Zeit die Ehre?" fragte von Wildenau überrascht.
„Bin nur gekommen, Herr Rittmeister, um Ihnen meine herzlichsten Glückwünsche zu dem starken Rehbock zu bringen!" erwiderte Hellmuth vergnügt.
„Donnerwetter! Woher wiffen Sie er denn schon, mein lieber Ingenieur?" rief von Wildenau erstaunt.
„Sage ich nicht, Herr Rittmeister, wenigstens vorläufig nicht! Aber es führt mich heute eine fehr ernste Sache zu Ihnen, Herr von Wildenau."
„Junger Kamerad! Sie und eine ernste Sache?" fragte er und fing laut an zu lachen.
„Lachen Sie nicht, Herr von Wildenau, es ist wirklich eine ernste Sache und wenn Sie mich angehört haben werden — dann werden Sie gewiß nicht lachen."
„Nun, dann wollen wir ernst fein und sagen Sie nur in Gottes Namen, womit ich Ihnen helfen oder rathen kann, so viel in meinen Kräften steht — das soll gewiß geschehen, darauf verlaffen Sie sich." Und er reichte Hellmuth die Hand.
„Herr von Wildenau, ich bin gekommen, Sie um die Hand Ihrer Tochter zu bitten," sagte Hellmuth feierlich.
Wie versteinert stand von Wildenau einen Augenblick, dann sagte er: „Ja, davon weiß ich ja auch noch gar nichts, davon habe ich auch gar keine Ahnung." Dann rief er: „Trude, Trude," so laut, daß es durch'« Zimmer schallte, aber Trude war schon da.
„Ach nein, Du eigentlich nicht, geh' und ruf' mal schnell die Mama."
Und die Mama kam lächelnd und Trude gleich hinterher.
„Denke Dir nur, Mütterchen, der Herr Ingenieur Hellmuth hält soeben um die Hand unserer Tochter an. Hast Du — ach nein, Du hast wohl auch nichts dagegen — nicht wahr?"
„Nein, nein, mein Herzelchen, ich habe den Herrn Ingenieur sehr gern und ich denke, er wird unser Kind glücklich machen."
„Ja, aber wußtest Du es denn schon?" fragte er seine Gattin.
„Ja, Herzelchen, gestern Nachmittag hat es mir die Trude anvertraut."
„Hm, — aber Du hast doch den Herrn Hellmuth gar nicht lieb, Trude!" sagte er zu seiner Tochter.
„Ach, mein liebes Papachen, so von ganzem Herzen." Und sie fiel ihm um den Hal«.
„Nun, Kinder, dann habe ich auch nicht« dagegen." Und segnend legten die Eltern ihre Hände auf sie.
Mit ernster Stimme sprach Herr von Wildenau: „Der Himmel nehme Euch in seinen Schutz jetzt und immerdar. Nicht immer wird Euch die Sonne so freundlich lachen wie in dieser Stunde, es werden auch ernste Tage kommen und in solchen Zeiten möget Ihr in Liebe und Treue fest zu einander stehen."
„Und des Vaters Segen bauet den Kindern Häuser," sagte Frau von Wildenau.


