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Nein, Mrs. Barton glaubte es nicht; und dann lachte sie. ; Fräulein Magdalene ist eine eigenthümliche junge Dame;

finden sie das nicht auch, Fräulein Leonhard?"

Mrs. Barton," erwiderte ich, mich vor mir selber schämend, daß ich fragte, aber ich konnte nach meiner Unter­haltung mit Bergen der Versuchung nicht widerstehen, haben Sie je an ihr etwas bemerkt, das zu der Annahme berechtigte, ihr Geist sei ein wenig gestört?"

Mrs. Barton überlegte einen Moment, bevor sie ant­wortete:Ich könnte das mit gutem Gewissen nicht sagen, obgleich ich weiß, daß viele Leute so von ihr denken. Aber jedenfalls ist sie eine sonderbare junge Dame. Und so schlau! Ihr Bruder erfährt nicht die Hälfte von ihrem Thun und Treiben, und sie macht ihm so schon Sorge genug."

Ich dachte mir wohl, daß es ein Jrrthum war," sagte ich;aber ich hatte schon wiederholt als etwas geisteskrank von ihr reden hören und fragte deshalb Sie, Mrs. Barton."

Ich begreife sehr wohl, daß, wer sie zuweilen so burschi­kos sieht, sie für nicht ganz klar hielt. Sie thut eben nicht«, was andere junge Damen thun, und Alles, was andere junge Damen nicht thun; daran aber ist kein Zweifel, daß sie Recht und Unrecht so gut zu unterscheiden weiß, wie Sie und ich."

Ich glaubte für diesmal genug gehört zu haben und erhob mich, um zu gehen; doch Mrs. Barton war ganz be­trübt darüber.

Nein, erst müssen Sie eine Tasse Thee trinken," bat sie und drückte mich mit Gewalt in Ausbachs Lehnstuhl nieder, worauf sie aus dem Zimmer eilte, um ihre Vorkehrungen zu treffen.

! h Ich war weder hungrig noch durstig, habe aber mein Lebtag eine wahre Angst gehabt, die Gefühle Anderer durch Zurückweisung mir gebotener Freundlichkeiten zu verletzen.

So wartete ich denn und als ich mich, um die Zeit zu vertreiben, im Zimmer umsah, fiel mein Blick auf ein in rothem Sammt gebundenes Photographie-Album, welches auf dem Bücherregal stand.

Doch als ich das Photographie-Album hermstergenommen und aufgeschlagen hatte, sah ich mich in der Erwartung meines Vergnügens getäuscht, denn bi« auf zwei Bilder waren alle herausgenommen und die Namen, welche darunter gestanden hatten, sorgfältig fortradirt. Die beiden steckten nebeneinander. Das eine war von Arthur selbst ein sehr gutes Bild. Neugierig sah ich nach dem Namen des Photographen. Es war ein ungewöhnlicher italienischer, der stch meinem Gedächt- niß einprägte, gerade so wie auch der Ort, eine Provinzial­stadt, wo da« Bild ausgenommen worden war. Ich er­wähne das, um auf spätere Ereignisse ein Licht zu werfen.

Das Bild neben demjenigen Arthurs war ein wunder­schöner Frauenkopf mit sanften, lieblichen Augen und unendlich traurigen Zügen. Die Photographie schien nach eine n Ge­mälde gemacht zu sein.

Arthurs Mutter konnte es nicht sein, dafür war die Frisur wie die ganze Tracht zu modern. Eine zweite Schwester vielleicht? Das schien wahrscheinlicher; ähnlich sah sie ihm aber nicht int Geringsten.

Ich schloß das Buch und stellte es wieder an seinen Platz; und es überlief mich fröstelnd bei dem Gedanken, wie wenig ich doch über den Mann wußte, der mich zu der Seinen machen wollte. Niemand wußte, woher er kam und was ihn hierher geführt hatte; wer feine Verwandten, feine Freunde waren. Er galt für unverheirathet, vielleicht war er es doch nicht, wer konnte es behaupten?

Auf dem Heimwege, als ich Fernyhurst längst hinter mir hatte, fragte ich mich wieder und immer wieder, wer das Original des schönen Bildes sein mochte, welchesMthur dem seinen zur Seite gesteckt hatte.

12. Capitel.

Natürlich erzählte ich Fanny und Oscar von meinem Zusammentreffen mit Hugo Bergen, verschwieg ihnen aber wohlweislich Alles, was dieser über Ausbachs gesagt hatte. Ich theilte Ihnen nur mit, daß Bergen Gertraud in Mel­

bourne gesehen und tief empört über den an ihm verübten Verrath zurückgekehrt sei.

Wir konnten nicht länger daran zweifeln, daß unsere Schwester absichtlich davongelaufen war. Es war das furcht­bar traurig und betrübend, und die arme Fanny nahm es sich schwer zu Herzen. Oscar zeigte sich wüchend und s hwor, Gertraud dürfte seine Stelle nie wieder betreten. Und ich? Auf mir lastete der Kummer so schwer, daß mir das Herz fast darunter brach.

Gertrauds Zimmer war seit ihrem Verschwinden ver­schlossen geblieben. Wir hatten, wie ich schon früher erwähnte, ihre Sachen durchsucht, ohne etwas gefunden zu haben, das uns auf ihre Spur hätte lenken können.

Auf meinem Heimwege von Fernyhurst war mir indessen plötzlich eingefallen, daß Gertraud sämmtliche Briefe von Magdalene Ausbach vernichtet haben mußte, da wir nicht einen einzigen unter ihren Sachen gefunden hatten. Das gab mir zu denken und ich beschloß, noch einmal und zwar sorgfältiger nachzusuchen, ohne Fanny oder Oscar von meinem Vorhaben zu unterrichten.

Aber so fest ich es mir auch vorgenommen hatte, schrak ich, ohne selbst zu wissen warum, stets wieder davor zurück. Ich ließ eine Gelegenheit nach der anderen vorüberschlüpfen und noch immer konnte ich mich nicht entschließen, die ver­schlossene Thür zu öffnen.

Während ich so zögerte, ohne zu wissen, daß ich vor einer großen Entdeckung stand, gab mir eine andere Hand den Anstoß.

Ich saß eine« Tages mit Fanny zusammen und half ihr an einem Kleidchen für Fritz nähen, als sie mir ein Stück bunter Borte über den Tisch herüber reichte und sagte:Es fehlt mir vielleicht noch eine Elle hiervon; Gertraud hat die Borte in ihrer Commnve. Ach, Christa, steh' doch zu, ob Du sie findest."

Fanny scheute sich, es selbst zu thun, und ich mochte ihr die Bitte nicht abfchlagen. So trat ich denn in Gertrauds Zimmer und einmal dort, schob ich den Riegel vor, um nicht gestört zu werden.

Wa« ich zu finden hoffte oder erwartete, weiß ich selber nicht, es war das Stück Papier, welches ich in Fernyhurst gefunden hatte, das meine Gedanken auf geschriebene Spuren lenkte, und ich beschloß, jede« Winkelchen zu durchsuchen, wo der kleinste Theil eine« Briefe« oder eines Couverts verborgen sein konnte.

Zuerst durchsuchte ich Gertrauds sämmtliche Kleidungs­stücke, schüttelte sie sorgfältig aus und griff in jede Tasche, doch Alles vergeblich ich fand nichts weiter, als in dem einen Kleide eine verwelkte Rose, jedenfalls aus Ausbachs Garten, denn wir hatten noch keine vor unserem Hause.

Ich setzte mich auf das Bett nieder, welches noch gerade so dastand, als sollte sich Gertraud am Abend hineinlegen, und überlegte, wo ich weiter suchen konnte. Gertraud besaß keinen Schreibtisch, nur ein kleines Schreibpult, in dem sie ein paar Briefbogen und Couverts aufzubewahren pflegte. Wir hatten es leer gefunden und es befand sich jetzt in Oscars Verwahrsam.

"Schmuck besaß Gertraud wie auch ich nur wenig und an dem Wenigen fehlte nichts weiter, als was ich sie am Nach­mittag hatte tragen sehen, als sie mich küßte.

Ich wußte nun nicht mehr, wo ich suchen sollte und wollte es doch noch nicht aufgeben. Es war mir, als müßte ich etwa« finden, bevor ich das Zimmer wieder verließ und machte mich schließlich daran, einen Kasten nach dem anderen heraus« zunehmen und hinter dieselben zu sehen. Da endlich fand ich wirklich etwas I Hinter dem einen kleinen Kasten zur Linken lag eine Photographie. Sie mußte herausgerutscht fein und schon eine Weile dort gelegen haben, denn sie war staubig geworden und ziemlich zerknittert.

Es war das Porträt eine« Manne« und auf der Rück­seite stand von fester Hand geschrieben:Von Richard für Gertraud".Richard" also hieß dasR.", an welches ihr Bries adrefsirt gewesen.