Ausgabe 
26.1.1895
 
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meine Gnädige," vertheidigte sich der junge Mann mit einer so schmerzlich restgnirten Miene, das, fte ihn betroffen anblickte.

Willibald verlangt die Denuneiation wie einen Freundschafts­dienst von mir, weshalb ich mich dem Herrn Professor an- vertraute- Ich bin hier fremd und einsam, schließlich verlangt auch der genügsamste Mensch ein wenig Geselligkeit"

Aber Sie hatten doch den Professor, der Sie überall einführen konnte," meinte der Hauptmann kopfschüttelnd.

Ach, der war die ganze Zeit über ein mißtrauischer, ungastlicher Mensch," rief Carlsen, sich ärgerlich durch'» Haar fahrend,reden wir nicht mehr davon."

Was halten Sie von dem Verlangen Willibalds, Haupt­mann?" fuhr der Professor fort.Sie sind in diesem Falle eine Autorität und da die Sache nun einmal durch meine Uebereilung und Vergeßlichkeit zur Sprache gekommen ist, so werden Sie un» Ihren Rath und Ihre Ansicht nicht vorenthalten."

Der Hauptmann sah eine Weile starr vor sich hin, in seinen ausdrucksvollen, verwitterten Zügen Malte sich ein schwerer, innerer Kampf.

Ich denke, daß das keine» fremden Menschen, sondern ganz allein meine Sache ist," sprach er endlich zu Aller Überraschung langsam und fest.Wenn der Junge aus einem Gewissenszwangs, den ich begreiflich finde, mit der Vergangen­heit endlich abfchließen will, dann kann nur ich allein sein Angeber"

Papa, das wirst Du nicht thun," unterbrach Elisabeth ihn fast schreiend.

Nur ich allein auch fein Sachverwalter sein," vollendete der alte Herr ruhig.Ich habe dem Sohne meines seligen Bruders einst Vaterliebe und Vaterpflicht angelobt und bin entschlossen, jetzt Beide» durch die That zu beweisen. Reisen Sie in Gottesnamen, mein junger Freund, wenn Sie aber hier bleiben sollten, dann besuchen Sie mich täglich. Ich würde mich freuen, von Ihnen sehr viel über Amerika zu hören."

Versprechen kann ich es Ihnen nicht, Herr Hauptmann," erwiderte Hamson, sich erhebend und ihm die Hand schüttelnd, ich bin auch augenblicklich ein schlechter Gesellschafter, die deutsche Luft scheint mir nicht gut zu thun. Vielleicht zieht der Freund mich bald wieder hierher, dann werde ich von Ihrer Erlaubniß nur gar zu gern Gebrauch machen."

Er wandte sich jetzt zu Elisabeth, die ihn forschend ansah und deren Hand er länger, als üblich war, in der seinen hielt, was der Professor mit schmerzlicher Genugthuung bemerkte.

Weiß Willibald von Ihrer geplanten Abreise?" fragte fte leise.

Roch nicht, ich werde morgen früh Abschied von ihm nehmen."

Er wird Sie nicht fortlassen, ea wird ihn wieder kränker machen."

Das wolle Gott verhüten, er hat Sie, Elisabeth, und damit den Inhalt seines jetzigen Daseins. Ich denke, hier nun lange genug umhergebummelt zu haben."

Und Leonore CarlsenI" setzte sie leise, zögernd hinzu.

Hamson fühlte, wie er erblaßte und biß sich zornig auf die Lippe.

O, sie ist gütig genug, mir eine glückliche Reise zu wün­schen!" äußerte er hart und spöttisch.

Der Professor hätte für sein Leben gern ein wenig den Horcher gespielt, da er den unglücklichen Hamson im Stillen ob seiner hoffnungslosen Liebe sür die Braut des Freundes tief bedauerte, aber der Hauptmann nahm seine ganze Auf­merksamkeit für sich in Anspruch.

Herr Hamson," sagte Elisabeth leise,wollen Sie mir versprechen, an Willibald zu schreiben?"

Ei natürlich, ich werde ihm die schönste Reisebeschreibung liefern, wenn Sie's verlangen, ein regelrechtes Tagebuch."

Ich werde Willibalds Secretär fein müssen, vielleicht be­stimmt er Vie doch, zu bleiben."

Er schüttelte den Kopf, küßte ihr die Hand und empfahl fich dem Professor. !

Seltsamerweise hatte Willibald, den er am nächsten Morgen besuchte, nicht« gegen seine Abreise einzuwenden.

Du hast mir durch diesen laugen Aufenthalt schon ein so großes Opfer gebracht, mein Pylades," sagte er mit seinem jetzt so sonnigen Lächeln,daß es ein Verbrechen wäre, Dir nicht wieder eine erquickende Abwechselung zu gönnen. Elisa­beth freilich glaubte an irgend ein zartes Band, das Dich hier zurückhalten würde. Wie ich sehe, hat sie sich geirrt. Oder doch nicht, Richard?" setzte er, als der Freund sich heftig abwandte, sanft hinzu.War Leonore"

Schweige von ihrl" fiel Hamson ihm zornig in« Wort. Sie ist eine raffinirte Kokette, nicht werth, von Deiner un­vergleichlichen Elisabeth Freundin genannt zu werden. Wie können diese beiden Gegensätze eine solche Neigung für einav- der haben?"

Oho, dar klingt ja recht häßlich, Freund Richard!" sprach der Kranke sehr ernst.Hast Du Beweise für Deine Anklagen? Man zerstückelt nicht so ohne Weiterer die Ehre einer jungen, geachteten Dame. Seit wann ist Richard Ham­son unter die Verleumder gegangen?"

Ich verleumde nicht," erwiderte Jener mit gepreßter Stimme.Und doch," setzte er hastig hinzu,verzeih' und vergiß meine Worte, es war unrecht, nein, schlecht von mir. Ich war ein Thor, vertraute meinem gewohnten Stern und verdiente die Abfertigung. Versprich mir mit Hand und Wort, Deiner Elisabeth nicht» davon zu sagen, ich würde in ihrer Achtung sinken und mich sür immer von Dir trennen.

Armer Junge, Du bist in schlechter Stimmung," sagte Willibald, ihn zärtlich ablickend,gewiß hast Du die Sache amerikanisch behandelt. Ich verspreche Dir, Deine Worte wie etwa» Unwürdiges, das mit meinem Richard nichts zu schaffen hat, für immer zu vergessen, muß aber doch noch be­merken, daß Elisabeth Eyrhard eine raffinirte Kokette nie Freundin nennen, sie nicht wie eine leibliche Schwester lieben könnte. Ein deutscher Mädchen will doch etwas anders be­handelt werden, als die Amerikanerin, deren Selbstständiakeit auch andere Formen bedingt. Reise, mein theurer Pylades, unterwegs wirst Du auf andere Gedanken kommen und Ge­rechtigkeit walten lassen. Ich hoffe ganz fest auf Deine baldige Rückkehr."

Wenigstens komme ich zu Deiner Hochzeit."

Dann werden wir uns sobald nicht wieder scheu, da ich vorher meine Strafe abbüßen will."

Unsinn, erst geheirathet und dann gebüßt," rief Hamson mit erzwungener Lustigkeit,der Hauptmann wird die Sache schon in'» Reine bringen. Dich freut'« doch, Will, daß er sich Deiner wieder väterlich annehmen will?"

Der Kranke sah sehr nachdenklich aus.

Daß er mir vergeben hat, freut und rührt mich mchr, als ich sagen kann," erwiderte er,ob er aber al» Sach­walter nicht am Ende mehr schaden al» nützen wird, bleibt dahingestellt- Ich fürchte, daß er dabei an» der Vertheidiger- rolle in die de« Richter» fällt, man kann nicht Ankläger und Sachwalter in einer Person fein, mein bester Dick, zumal wenn diese Person Hauptmann Ehrhard ist."

Hm, Du beurtheilst Deinen Oheim nach eigenen Er­fahrungen, mein Bester! Wie der Professor mir erzählte, hat diese letzte Sturmfluth ihn gänzlich umgewandelt, au» einem Saulus einen Paulus gemacht. Kannst Deine Sache ihm un­besorgt anvertrauen, er wird jetzt weniger an den Deserteur, als an den Sohn seine» Bruder« denken, verlaß Dich daraus, mein theurer Will! Und nun good bye, alter Junge, ich schreibe bald und hoffe, gute Nachrichten von Dir zu er­halten. Grüß mir Deine Elisabeth, Du Glücklicher!"

Er beugte sich zu dem Kranken nieder, küßte zärtlich feine Stirn und war dann nach einem Händedruck hinan«.

Willibalds Blick hastete lange an der Thür, durch welche der Freund verschwunden war, dann Überflog ein Lächeln fein blasse« Gesicht und halblaut sprach er vor sich HinzEr kommt bald zurück!"

(Fortsetzung folgt.)