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weit zmückzugewinnen, um der Welt ruhig entgegentreten zu $ können.
XII.
Hauptmann Ehrhard saß in seinem bequemen Lehnseffel in der Nähe des Ofens und f'h nachdenklich hinaus auf die geräuschlos niederfinkenden Schneeflocken. Er war soeben von seinem gewohnten Nachmittagsschläfchen erwacht, deffen Stunde im ganzen Hause durch die größte Stille respectirt wurde, und horchte schon seit einer Weile unruhig auf irgend einen gewohnten Klang.
„Ist der Geiger oben krank?" fragte er die mit dem Kaffeegeschirr eintretende Elisabeth.
„Nein, Papa, weshalb?" entgegnete sie, ein Lächeln unterdrückend.
„Weshalb? Es ist halb vier und noch immer kein Ton. Er müßte schon über eine Viertelstunde gespielt haben. Schicke die Alte mal hinauf, es beunruhigt mich ernstlich."
Wie hatten sich die Dinge hier im Hause doch seit der letzten Sturmfluth verändert! Allerdings war es bedeutend ruhiger geworden, seitdem Fräulein Wedemeier verheirathet war und mit ihrem Instrument das Haus verlassen hatte, aber sie hätte jetzt auch noch ihren Tannhäusermarsch loslassen können, ohne daß der Hauptmann sich darüber beklagt haben würde, wie er nun sogar zur gewohnten Stunde das Geigenspiel im Dachstock vermißte.
Da tönte plötzlich der erste Ton desselben zu ihm hernieder. Ein Lächeln der Befriedigung überflog das bleiche, eingefallene Gesicht des alten Mannes, das nur zu deutlich die Spuren der überstandenen Krankheit noch trug. In demselben Augenblick wurde draußen die Klingel gezogen. Trina meldete den Herrn Professor Carlsen mit „noch einem Herrn".
„So laß sie doch eintreten," schalt der Hauptmann und die Alte ließ brummend die Thür offen, durch welche der Professor und Hamson in'« Zimmer eintraten.
„Kommen wir gelegen, verehrter Freund?" rief Carlsen, dem Hauptmann kräftig die Hand schüttelnd, während Elisabeth den Amerikaner herzlich begrüßte.
„Unnütze Frage, für einen alten Freund bin ich immer mobil. Setzen Sie sich her zu mir."
„Ich bringe Ihnen hier einen Gast aus Amerika," fuhr der Professor mit einer Handbewegung gegen Hamson, der sich vor dem Hauptmann tief verbeugte, ruhig fort. „Er steht im Begriff, abzureisen, wollte aber unsere Stadt nicht verlassen, ohne den Hauptmann Ehrhard kennen gelernt und ihm seine Hochachtung bezeigt zu haben. Herr Richard Hamson au« Nashville — Amerika," stellte er den jungen Mann dann dem etwas verblüfften Invaliden vor.
«Verzeihen Sie mir diesen Ueberfall, Herr Hauptmann," ergriff Hamson rasch das Wort, „ich nahm die Vermittelung der Herrn Professors in Anspruch, um vor meiner Abreise noch einen Mann kennen zu lernen, von welchem ich seit Jahren zu viel Gutes gehört, um mich nicht verpflichtet zu Men, ihm meine Verehrung darzubringen."
„Sehr angenehm," erwiderte der alte Herr etwas verwirrt, „bitte, setzen Sie sich. Ich — weiß — freilich nicht," fuhr er mit stockender Stimme fort, „womit ich — eine solche Verehrung — verdient haben könnte und — und — ob ich berechtigt bin, — sie — ohne Weiteres anzunehmen."
„Wenn Sie auch nicht der verehrte Oheim meines besten Freundes, mit dem mich brüderliche Liebe verbindet, wären, Herr Hauptmann," versetzte Hamson mit einem kühnen Sturmlauf, „so würde der Anblick eines solchen Helden doch jedes echten Mannes Herz mit Verehrung erfüllen müssen. Wir Amerikaner verstehen Tapferkeit zu würdigen und es macht mich stolz, dem deutschen Heere von anno 1870 in einem seiner Helden meinen Tribut aufrichtiger Bewunderung darbringen zu dürfen."
„Donnerwetter, der versteht's," dachte der Professor, halb ängstlich, halb belustigt, während Elisabeth vo.wurssvoll auf die beiden Herren blickte und vergeben« nach einem Verständ- niß für diese Seene suchte, welche ihr fast wie ein Attentat
auf den alten Mann, mindestens doch wie ei« sehr gewagter Experiment erschien.
Der Hauptmann aber schien diese unerwartete Huldigung ehr angenehm zu empfinden. Ein Lächeln huschte über das bleiche Gesicht, und den jungen Mann fest anblickend, antwortete er nach einer kleinen Pause: „Ich danke Ihnen, Ihre Anerkennung thut mir wohl, ich nehme sie al« eine wohlverdiente entgegen im Namen der deutschen Armee. — Al- Soldat halte ich den Kriegsruhm, die todverachtende Tapferkeit auf dem Schlachtielde selbstverständlich für da« Höchste im Leben. Ich sage al« Soldat von Beruf, al« Offizier! Da» schließt aber den Heldenmuth im Leben —" hier senkte der Hauptmann die Stimme — „als solchen nicht au« iunb ich preise den tapferen Muth, der mit edler Selbstverleugnung und Hingabe sein Leben daran setzt, seinen Nächsten au« drohendster Todesgefahr im Kampfe mit den unerbittlichen Elementen zu retten. Ein solcher Mann ist mir ebensoviel werth, wie der tapferste Held der Schlacht. Sagen Sie da« Ihrem Freunde vom Hauptmann Ehrhard, mein lieber, junger Herr!"
Hamson erhob sich rasch, ergriff de« Hauptmann« Hand und führte sie, ehe dieser es hindern konnte, an seine Lippen.
„Mein Willibald hat mir sehr ost das Loblied seine- tapferen, warmherzigen Oheim- gesungen, in diesem Augenblicke aber habe ich es erst verstanden," sagte der Amerikaner bewegt.
„Der Junge hatte durchaus keinen Grund, mein Loblied zu fingen," murmelte der Hauptmann, einen verlegenen Blick auf Elisabeth und von da auf den Professor werfend. Als er bei ihnen nur freudige Rührung und stille Befriedigung wahrnahm, glitt ein freudiger Zug durch seine Mienen. Das Gefühl, einen großen Sieg über sich selbst erstritten zu haben, da Willibalds Name noch nicht in seiner Gegenwart ausgesprochen worden war, erfüllte ihn seltsamer Weise mit Stolz und Triumph. Daß die Sturmfluth mit ihrer zerstörenden Gewalt die soldatische Despotie und Selbstsucht, hinter welchen sich da- weiche, menschenfreundliche Herz des alten Herrn so lange verschanzt, unerbittlich ntedergerissen und hinweggeschwemmt hatte, das begriff er allerdings noch nicht, sondern glaubte nur, einen Tribut, den er der Tapferkeit, in welcher Gestalt sie sich auch offenbare, schuldig sei, diesmal mit Fug und Recht seinem Neffen gezollt und damit seine Vergangenheit aurgelöscht zu haben.
„Geht er mit Ihnen zurück nach Amerika?" fragte er dann, sich gewaltsam zusammenfassend.
„Nein, Herr Hauptmann, dazu ist noch lange keine Aussicht vorhanden."
„Ja so, ich vergaß, — weshalb wollen Sie ihn verlassen? Müssen Sie zurück in Ihre Heimath?"
„O, das nicht, — ich will mir nur diesen Welttheil ein wenig anschauen," erwiderte Hamson, „obwohl ich die großen europäischen Städte schon früher bereist habe. Indessen —"
Er zögerte mit einem Blick auf den Professor, da es ihm sehr widerstrebte, jetzt noch den besonderen Grund seines Besuches zu nennen.
„Nun ja," nahm Carlsen, welcher seinen Blick verstanden, ruhig das Wort, „sein Freund treibt ihn im Grunde selbst in die Flucht. Können Sie sich denken, Herr Hauptmann, daß der Kranke die ernsthafte Forderung an ihn stellt, ihn jetzt bei der zuständigen Militärbehörde zu denunciren?"
„Unmöglich!" rief Elisabeth erschreckt.
„Leider ist es die Wahrheit, mein gnädiges Fräulein," sagte Hamson achselzuckend, „ich bedaure, daß der Herr Professor diesen Punkt, der Ihnen verheimlicht werden sollte, in Ihrer Gegenwart zur Sprache gebracht hat."
„Alle Wetter, ich vergaß," rief der Professor bestürzt, „Pardon, aber ich denke —"
„Daß es ebenso gut ist, wenn ich erfahre, was hinter meinem Rücken geplant wird," fiel Elisabeth rasch ein. „Und deshalb wollten Sie die Flucht ergreifen?" setzte sie etwa» spöttisch, zu Hamson gewendet, hinzu.
„Si, ich wäre ja nicht heimlich auf und davon gegangen,


