Ausgabe 
25.7.1895
 
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faßen, unvernünftig wahnsinnig, berauscht jetzt sind wir ernüchtert. Aber dar ist ganz in der Ordnung, man kann doch nicht das ganze Leben toll und berauscht sein."

Herminie trat strenge, fast tragisch auf ihn zu- Herr Baron, ich liebe Sie nicht mehr," sagte sie. Wirklich? Das ist ein großes Unglück für mich!" Spotten Sie nicht! O, ich weiß es, daß auch Sie mich nicht mehr lieben Haben Sie mich überhaupt je ge­liebt? Ich war für Sie die Zerstreuung eines Moments, ein Spielzeug, eine Belustigung für die müßigen Stunden in einer Provinzialstadt. Sie wurden durch Ihre Geschäfte hier zurückgehalten. Das Leben der Edelleuts und Offiziere mit ihren leichten und lärmenden Vergnügungen kam Ihnen langweilig und Ihrer wenig würdig vor, Ihrer, dieser glänzenden Persönlichkeit des Hofes, des Besuchers von Trianon, des Freundes des Prinzen von Rohan und des Grafen von Rar- bonne da bemerkten Sie mich in meinem Winkel traurig, allein, nachdenklich."

Sie waren reizend, Herminie! Sie find noch immer begehrenswerth und schön, aber zu jener Zeit besaßen Sie für mich eine unsagbare Anziehungskraft einen Reiz ..."

Ich habe das alles jetzt verloren, nicht wahr?"

O, da protestire ich!" rief der Baron galant.

Lügen Sie nicht! Ich bin in Ihren Augen nicht mehr dieselbe. Sie haben recht gesehen. Ich liebte Sie damals, und heute sind Sie mir gleichgiltig geworden."

Das ist mir lieber," dachte der Baron und fügte bei sich selbst hinzu:Aber das geht ja ausgezeichnet, der Bruch vollzieht sich ganz ohne Erschütterung, ohne zuviel Thränen und, Vorwürfe. Mehr kann ich nicht wünschen." Er fuhr fort, indem er Herminie die Hand reichte:Aber wir bleiben gute Freunde, nicht wahr?"

Die junge Frau blieb unbeweglich stehen, ohne die Hand Lowendaals zu ergreifen.

Ein Zusammenpreffen der Lippen bewies ihre Ver­achtung.

Hören Sie mich an," sagte sie in strengem Tone.Ich lebte hier ohne auch nur im entferntesten an Liebe zu denken. Man hatte mich für das Kloster bestimmt, und ich war bereit, denen zu gehorchen, die mir das Kloster als das edelste und würdigste Asyl für Mädchen, wie ich es bjn, mit einem großen Namen und ohne Vermögen bezeichnet hatten. -Im Hause der Frau von Blscourt erwartete ich die stunde, in der ich meine Gelübde ablegen sollte. Es hieße lügen, wenn ich sagen wollte, daß ich diese Welt nicht bedauerte, die ich kaum gesehen hatte, aber von der ich mir nie sehr an- muthige Vorstellungen machte. Ich hatte jene meiner Ge­fährtinnen beneidet, die dank ihrem Reichthum einen ehren­haften Mann heirathen und das Leben mit freudigem Herzen und stolzer Stirn zwischen dem Gatten und den Kindern durchschreiten konnten. Dieses Glück ward mir nicht geboten, aber ich ergab mich."

Und Sie gehörten trotzdem zu jenen, denen das Leben nicht» als Freuden bieten sollte."

Und der es nichts als Bitterkeit gegeben hat. Ver­zeihen Sie, daß ich Ihnen diese schmerzlichen Dinge in» Ge- dächtniß zurückrufe. Aber damals, als ich mich gänzlich ver- laffen wähnte und mich in meiner Jugend, meinen Wünschen, meinen Thränen geopfert sah damals find Sie vor mir erschienen war ich bei Bewußtsein? Ich weiß es nicht. O, ich will Ihnen keine Vorwürfe machen, ich suche nicht einmal meine Fehler zu entschuldigen aber heute, bei dieser Unterredung, welche vielleicht für uns beide entscheidend sein kann, erlauben Sie mir, eine Frage an Sie zu stellen."

Welche? Sprechen Sie. Ich ermächtige Sie, zehn, zwanzig Fragen an mich zu stellen. Was fürchten Sie? Woran zweifeln Sie?"

Ich fürchte nicht mehr, und ich habe unglücklicher­weise dar Recht verloren, zu zweifeln," sagte Herminie traurig. Herr Baron, Sie haben mir geschworen, mich zu Ihrer

Frau zu machen. Kommen Sie heute, um Ihr Versprechen zn er f ü ßen ?

Teufel, jetzt sind wir dabei," dachte der Baron.

Und mit einem Lächeln, das eine Grimasse nur schlecht verhehlte, murmelte er:Ihre Frage entzückt mich, aber ich will K Ihnen gestehen, sie bringt mich auch in Verlegenheit. Gewiß, ich habe nicht vergessen, daß ich mich einst in jenen Momenten des Wahnsinns, wie Sie es soeben nannten verpflichtet hatte o ich leugne es nicht ich bitte Sie, mir zu glauben, daß ich Ihnen noch immer die respekt« vollsten, innigsten und aufrichtigsten Gefühle entgegenbringe,"

Aber Sie refusiren?"

Das habe ich nicht gesagt."

Sie willigen also ein? Antworten Sie doch offen. Ich habe Ihnen gesagt, daß ich weder Zweifel noch Furcht mehr empfinde. Ich könnte hinzufügen, daß die Hoffnung an meiner Seite einhergegangen ist und plötzlich bei der Biegung des Weges von mir floh. Ich erwarte Ihrs Antwort mit der Festigkeit eines Herzens, in dem alles ruhig geworden, in dem alles gestorben ist."

Lieber Gott! Theure Herminie, Sie überraschen «ich. Ich bin nicht nach Verdun gekommen, um von Heirathen zu reden. Ernsts Angelegenheiten, Interessen von höchster Wichtigkeit erforderten meine Anwesenheit in dieser Stadt, und der Moment wäre schlecht gewählt, um sich mit Hochzeitr« sreuden zu beschäftigen." (Fortsetzung folgt.)

Literarisches

Das zweite Quartal 1895 der »Neuen Mttfik«Zkitung- enthält außer einer poetisch ausklingenden Novelle von Herbert Fohr­bach und einer drastischen Humoreske von P. Rosegger eine Reihe musik­geschichtlicher und musikpädagogischer Aufsätze, darunter Artikel über Fr. Liszts Beziehungen zur Aristokratie, Ailecdoten aüs Jgn. Lachners Leben, eine Abhandlung über Beethovens Streichquartette, authentische Mittheilungen über Prägers Buch:Wagner, wie ich ihn kannte," dessen Glaubwürdigkeit von einem Engländer bezweifelt wurde, Neues aus dem Leben des Liedercomponisten Robert Franz, einen Aufsatz von Cyrill Kistler über die Harmonien unserer Klassiker, insoweit sie Boröllder füt: Mich. Wagner waren, die neueste Literatur über Tonsatzlehre, Betrach­tungen über die Musik als Erwerbsquelle, streng ausgewählte Texte für Liedercomponisten, Biographien hervorragender Künstler mit deren Bild­nissen, kritische Briefe über neue Tonwerke u.'s. w., ferner eine Reihe innig empfundener Lieder,,sowie melodischer, fein harmonisirter Clavier- stücke upd ein wirksames Duö für Glarner und Violine von Cyrill Kistler. Schon diese werthvollen Musikbeilagen allein übersteigen bei Weitem den vierteljährlichen Mbonnementspreis von 1 Mark, wir könne» ein Abonnement auf 'diese Familienzeitschrift nur empfehlen. Probe ' nummern versendet der Verleger Carl Grüninger in Stuttgart auf Verlangen kostenfrei.

Ein.Modejournal umsonst. Es ist den Fachkreisen unverständ­lich, wie es möglich sei/ passende, nach Maß angefertigte Kleiderschnitte unentgeltlich abzugeben. Bekanntlich .bietet dieWiener 3R06t* ihren Abonnentinnen diesen Vortheil. Noch merkwürdiger wird diese Erscheinung dadurch, daß jede Abonnentin so viel Schnitte verfangen, kann, als es ihr beliebt, und da jeder Schnitt über 2 Mk. werth ist, in die Lage kommt, von der Redaction mehr zu erhalten, als das Aboime- ment von 2,50 Mk. pro Quartal beträgt. Dabei ist die .Wiener Mode" künstlerisch vornehm, reichhaltig und practisch. Probehefte in allen Sud» Handlungen. Im selben Verlage erschien soeben die Sommerausgest des farbigen Mode-Prachtalbums derNeuen Wiener Modelle", weH speciell für bessere Fachkreise bestimmt ist und allgemein als ein herm ragendes Fachwerk anerkannt wird.

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Die Kieler Festtage find verrauscht, vorbei die Feierlichkeit^ welche das internationale Friedenswerk der Eröffnung des Kaiser Wilhelm-Kanals verherrlichen halfenund nur die Erinnerung bleist zurück". Ein dauerndes Erinnerungszeichen für alle Theilnehmer sowohl, wie für die vielen Hunderttausende, die nichtdabei sein" konnten, bildet das neueste (23.) Heft der beliebten FamilienzeitschriftUniversr"»' (Verlag desUniversum", Dresden). Neun Illustrationen geben die bedeutsamsten Momente in vorzüglich ausgeführten Bildern wieder, während der packend geschriebene Begleittext:Das goldene Kiel" aus der Feder des Marinepfarrers P. G. Heims uns die unvergeßlichen Tage nochmals im Geiste durchleben läßt. Der übrige textliche wie illustrative Inhalt stempelt das vorliegende Heft abermals zu einem Universum m des Wortes bester Bedeutung, so daß wir ein Abonnement auf diese vornehme, vorzüglich redigirte Zeitschrift (Preis pro Heft 50 Pfg.) nur wiederholt empfehlen können.

Medaction: A. Scheyd«. Druck und Verlag der Brühl'schen NniversiMs-Buch- und Eteindruckerei (Pietsch & Scheyda) in Gieße»,