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für ihre Kinder zu ttjun," lautete die gelassene Antwort der
Frau.
„Auf Kosten der Wahrheit und Gerechtigkeit/' entgegnete Graf Treville bitter. „Doch glücklicherweise ist das jetzt vorüber, wenn Sie es wirklich ehrlich damit meinen, daß Sie mir dieses junge Mädchen als die Tochter meiner unglücklichen Bianca bringen."
Tiefe, athsmlofe Stille folgte diesen Worten. Hier wenigstens bewährte sich die Lehre von der Stimme der Blutsverwandtschaft sicherlich nicht. Es herrschte keine Sympathie zwischen Vater und Kind, obgleich Adeles Auge mit ernstem Blick auf dem stolzen Aristokraten ruhte. Aber der Graf konnte keine Aehnlichkeit in ihren schönen Zügen mit dem Gegenstand seiner Jugendliebe und seines großen Kummers entdecken. Und Cora blickte sie mit einer gewissen neugierigen Ueberraschung an, über welche sie für den Augenblick ihren eigenen Kummer vergaß.
Frau Falkner war die Erste, die wieder sprach.
„Sie sind doch wohl bereit, Ihre Tochter in Empfang zu nehmen, Mylord?" fragte sie.
„Ich? . . . Ja . . - sobald ich befriedigt und überzeugt bin," erwiderte der Graf langsam.
„Das kann sofort geschehen, Mylord," sprach Frau Falkner. „Hier ist der Geburtsschein meines Sohnes und wegen Adeles Geburtszeugniß müssen Sie sich damit begnügen, daß man bei ihr aus sehr begreiflichen Gründen solche Vorsicht nicht brauchte."
Mit diesen Worten reichte sie dem Grafen ein Papier.
Das Zeugniß, daß Alexander Falkner von seiner Frau Margarethe ein Sohn geboren sei, war in der gewöhnlichen gesetzlichen Weise abgefaßt.
Rupert mußte unbedingt ihr Sohn sein und Graf von Treville mußte seine Hoffnung auf einen Erben seines Hauses und seiner Besitzungen aufgeben; statt dessen war ihm nur eine schöne, aber unbekannte und ungeliebte Tochter geblieben-
„Frau Falkner, das muß genau untersucht werden," sprach er ruhig. „Sie haben die Sache zu lange in zu unverzeihlicher Weise geheim gehalten, als daß ich Ihrer Aussage sofort Glauben schenken könnte. Sie können inzwischen mit diesem jungen Mädchen, das Sie mir als meine Tochter zuführen, in meinem Haufe bleiben."
„Ich kann warten, Mylord," antwortete Frau Falkner ruhig. „Was soll inzwischen mit diesem jungen Mädchen geschehen? Soll sie auch Ihr Gast bleiben?"
„Sie werden Beide Platz in meinem Hause finden," entgegnete Graf Treville.
Mit entschlossener Miene zog er bei diesen Worten an der Klingel und Ponsford erschien.
„Ponsford, halten Sie in dem neuen Flügel Zimmer für Frau Falkner und ihre Tochter bereit," befahl der Graf. Und dann flüsterte er leise: „Möge der Himmel mir Klugheit und Scharffinn geben, die Wahrheit von der Lüge, das Gute vom Bösen zu unterscheiden."
Wieder war Cora mit dem Grafen allein und rasch wandte er sich dem schweigsamen Mädchen zu.
„Glauben Sie die Geschichte?" fragte er. „Glauben Sie, daß Frau Falkner die Wahrheit spricht?"
„Ich maße mir nicht an, die Wahrheit von der Lüge zu unterscheiden, Mylord," erwiderte Cora bitter lächelnd. „Nur M O x*We $ ~n? R!le daß ich keine verwandtschaftlichen Anrechte an Sie habe. Ich bin überzeugt, daß jeder Vorfall, dagegen spricht, aber, Graf Treville, ich beschwöre Sie, reden Beweis mit größter Sorgfalt zu er, Aagen, bevor Sie Ansprüche sowohl von Seiten Adeles wie Rupert Falkners zurückweisen oder anerkennen."
®8 war eine eigenthümliche Warnung aus dem Munde eines so jungen Mädchens.
Der Graf neigte mit gütiger Miene ernst sein Haupt, als er erwiderte: „Es ist nicht meine Gewohnheit, unüberlegt SÄbe a ' r M'd Cora, sonst würde ich Sie ungehört ver- während ich Ihnen so im Gegentheil jede Gelegenheit brete, Ihre Unschuld zu beweisen."
Cora blieb nicht die Zeit, zu antworten, da die Thüre sich wieder öffnete und die Jungfer Susy mit würdevoller Miene, die sie, wenn sie wollte, so gut anzunehmen verstand, eintrat.
„Mylord haben Besehle für mich?" sagte sie ehrerbietig.
„Ja. Sorgen Sie für die Bedienung dieser jungen Dame," entgegnete er kurz. „Es genügt, daß sie ihr Wort gibt, keinen Versuch, bas Haus oder auch nur ihre Zimmer ohne Erlaubniß zu verlassen, machen zu wollen- Ich wünsche aber auch, daß sie gegen jede Annäherung von außen genügend geschützt sei und daß ihr sowohl jede Bequemlichkeit als auch der nöthige Respect zu Thetl werde."
Susy verneigte sich ehrerbietig zum Zeichen des Gehorsams; dann wandte sie sich zu Cora und bat diese, ihr zu folgen. (Fortsetzung folgt.)
Madame Sans GAe.
Roman «ach Victorien Sardou und F. Morrea«.
Deutsch von «del, Berger
(Fortsetzung.)
VII.
Die Verlassene.
Herminie von Beaurepaire befand sich in einem großen Gemache des Schlosses zu Blocourt, das auf Wunsch ihrer sehr bigotten Tante, der Frau von Blscourt, in ein Oratorium verwandelt worden war.
Zwei Betstühle und ein kleiner improvisierter Altar, auf dem eine Mutter Gottes, das Jesuskind in den Armen haltend, ihr blaues Gewand und ihre Krone aus vergoldetem Holz zur Schau stellte, Kandelaber und zwei Blumenvasen bildeten die Ausschmückung dieses Salons, der seit der Unterdrückung der religiösen Orden eine Kapelle geworden war. Die fromme Tante bestand darauf, daß Herminie fortfuhr, sich auf das Klosterleben vorzubereiten, zu dem sie bestimmt war.
Als Lowendaal auf der Schwelle des Oratoriums er- I schien, stieß Fräulein von Beaurepaire einen Schrei aus, stürzte überrascht vorwärts und blieb dann stehen, indem sie ihn unentschlossen, zögernd, verschüchtert anblickte und ein Wort, eine Geste, eine Bewegung der Lippen, einen Schrei des Herzens erwartete.
Der Baron blieb kalt, etwas verlegen stehen, preßte dis Lippen zusammen und wagte nicht zu sprechen.
„Ah, Sie sind es, mein Herr," sagte die junge Frau mit zitternder Stimme. „Ich rechnete nicht mehr darauf, Sie wiederzusehen — es ist schon lange her, seit wir uns zum letzten Male an dieser Stelle gesprochen — und dann dort unten, in dem Dorfe Jouy-en-Argonne."
„Ach ja, Jouyl Und wie befindet sich das Kind — ich hoffe doch, wohl?"
„Ihre Tochter gedeiht. Sie wird bald drei Jahre alt sein. — Wollte Gott, daß die arme Kleine nie auf die Welt gekommen wäre!" Und die Augen Herminies füllten sich mit Thränen.
„Weinen Sie nicht," sagte der Bäron, ohne aus seiner ruhigen» Gleichgiltigkeit herauszutreten. „Das ganze Haus ist durch mein Kommen schon aufgeregt. Wollen Sie Alle wissen lassen, was Sie so gern verbergen wollen?"
Herminie erhob den Kopf und sagte stolz: „Als ich Sie § liebte, mein Herr, hat nur mein Herz gesprochen — heute diktirt meine wiedergekehrte Vernunft mein Benehmen. Die Stunde des Wahnsinns, die mich in Ihre Arme geführt hat, ist vorüber. Ich lebe nicht mehr für die Liebe, die einstige Flamme in mir ist erloschen. Wenn ich mein Leben prüfe, finde ich nichts als Asche und Trümmer — aber ich habe ein Kind, Ihre Tochter Alice — für sie muß ich leben, um ihretwillen muß ich den Schein bewahren."
„Sie haben, bei Gott, Recht. Die Welt, meine liebe ’ Herminie, ist gegen kleine Abenteuer von der Art des unseren # unerbittlich. Was wollen Sie? Wir waren beide, wie Sie


