Ausgabe 
25.7.1895
 
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unter keiner Bedingung, auf kein Zureden ein Wort über seine Flucht sagen."

Und doch war er der Gegner Ihres unglücklichen Wohl« thäters!" entgegnete der Graf ernst.

Es fällt mir schwer, ein Wort des Tadels über einen Todten zu sagen," versetzte ste,aber ich muß gerecht gegen den Lebenden sein. Meine aufrichtige Meinung ist, daß Lord Faro bei dem schrecklichen Unglück die Hauptschuld traf und daß Lord Belfort sehr ungern die Entscheidung den Waffen überließ."

War das der Grund, weshalb Sie ihn vertheidigten und ihm beistanden?" fragte der Graf.

Ich habe bereits gesagt, daß meine Lippen hierüber ver- siegelt bleiben," entgegnete sie.Lord Belfort entkam. Ich weiß aber nicht einmal, wo er jetzt ist."

Ist das wahr?" fragte Graf Treville.

Ich habe es gesagt," antwortete sie stolz.

Und das Medaillon, das Sie entwendeten ... wie steht es damit?" fragte der Graf.

Ich entwendete es nicht, ich rettete nur ein kostbares Andenken, wie ich glaubte, vor neugierigen und bösen Blicken und bösen Beurtheilungen," entgegnete sie ruhig.Als Lord Faros Bruder haben Sie ein Recht daran. Ich gebe es Ihnen gern und entlaste mich eines kostbaren anvertrauten Gutes."

Und hastig zog sie das Medaillon hervor, das sie an dem unglücklichen Morgen vor ihrer Flucht von Villa Faro an sich genommen hatte. , ~

Graf Treville betrachtete es mit großem Interesse. Ist es möglich?" sagte er, wie mit sich selbst redend.Welche Aehnlichkeit!"

Plötzlich stockte er, denn in beut Augenblick fiel sein Auge unwillkürlich auf Coras reizendes Gesicht und die Worte schienen ihm in der Kehle stecken zu bleiben. Da konnte kein Zweifel sein. Die edlen Gestchtszüge auf dem Bilds hatten eins auffallende Aehnlichkeit mit diesem schönen, namenlosen

Armer Bruder I" sprach er traurig.Jetzt kann ich ihn beffer verstehen. Ich hatte es fast vergessen, jetzt aber kommt mir die ganze Vergangenheit wieder in den Sinn- Er und ich in allem Anderen so verschieden hatten hierin ein gemeinsames Empfinden." .

Dann wandte er sich plötzlich gegen Cora und sagte hastig:Hierin haben Sie jetzt wenigstens klug gehandelt und nun kann ich Ihnen vielleicht ohne Bedenken als Freund zur Seite stehen. Augenblicklich kann ich mich aber nicht über mein Verhalten in der Angelegenheit entscheiden. Sie werden ein paar Tage in meiner Obhut bleiben."

Cora wollte eben gegen die Ungerechtigkeit eines solchen Zwanges Einspruch erheben, als heftig an die Thür geklopft WlM%onsforb ging, zu sehen, wer da sei und flüsterte dann seinem Herrn leise einige Worte zu.

Führen Sie sie herein!" rief dieser.Möge die Wahr­heit endlich an's Licht kommen, gleichviel um welchen Preis!'

Es traten zwei Frauen ein, deren Schleier nicht dicht genug waren, um ihre Züge Jemanden zu verbergen, dem sie so bekannt waren wie Cora.

Es waren Frau Falkner und Adele, die in regungslosem Schweigen vor dem Grafen standen und warteten, bis er sie anreden würde.

Aber er sprach nicht gleich.

Der Anblick der älteren der beiden Frauen rief ihm zu gewaltsam die schmerzlichen Tage seines Lebens in's Gedächt- niß zurück, und obwohl sie sich sehr verändert hatte, war doch genug von ihrem früheren Aussehen übrig geblieben, um alle Beziehungen der Vergangenheit von Neuem zu beleben. -

Endlich wandte er erstaunt den Blick der Jüngeren zu.

Wen haben Sie da mitgebracht?" fragte er kalt. Sicherlich ist doch unser Geschäft zu wichtiger und geheimer Natur, als daß nicht direet dabei Betheiltgts zugegen sein dürften."

Sie haben recht, doch dürfte es sich noch zeigen, daß diese junge Person die wichtigste bei der ganzen Angelegenheit ist," versetzte Frau Falkner kühl.Sie haben sehnlich dar­nach verlangt, das Kind kennen zu lernen, das meiner Obhut übergeben wurde. Ich bin gekommen, Sie zu befriedigen ... ich habe mir immer gedacht, daß Sie die Mittheilung mit Freude aufnehmen und Ihr Kind voll Güte und Liebe be­grüßen würden."

Wenigstens werde ich meine volle Pflicht gegen das Kind thun, wenn ich davon überzeugt bin, daß es ein Recht auf meine Fürsorge hat," lautete des Grafen Antwort.

Und wenn es eine Tochter wäre, würden Sie sie ver- muthlich zu sich nehmen und sie zu Ihrer Erbin erklären?" bemerkte die Frau ruhig.

So ist es also eine Tochter?" murmelte der Graf so leise, daß ihn Niemand hören konnte.

Dann wandte er sich zu der Frau und sagte kühl:Sie haben mir bisher hartnäckig verschwiegen, ob mein Kind ein Knabe oder ein Mädchen ist. Was veranlaßt Sie, plötzlich so aufrichtig zu sein?"

Ich lehne es ab, mich über meine Beweggründe iW zu äußern," erwiderte die Frau ruhig.Es genüge Ihnen, zu wissen, daß ich Ihnen, Graf von Treville, die Wahrheit mittheile."

Während sie sprach, wandte sie ihre Augen der Stelle zu, auf welche sich Cora, um der Beobachtung zu entgehen, zurückgezogen hatte.

Jetzt sehe ich klar, was Sie beeinflußt hat, Mylord," Hub sie wieder an.Dieses listige Mädchen hat sie vermuth- lich glauben machen wollen, daß ihre unbekannte Herkunft in Ihrer edlen Familie zu suchen sei . . . aber ich schwöre vor Gott und den Menschen, daß dem nicht so ist. Fräulein Cora ist so wenig Ihr Kind wie ich selbst und doch habe ich Ihrer väterlichen Fürsorge eine Tochter zuzuführen."

LIX.

Es herrschte mehrere Minuten lang tiefes Schweigen, nachdem diese seltsamen Worte gesprochen waren. Sogar Adele blickte die Sprecherin voll Verwunderung an, als fürchte sie, die aufregenden Ereignisse der letzten wenigen Monate hätten nachtheilig auf die Sinne ihrer vermeintlichen Tante gewirkt. Und Graf Treville blickte mit fragender und sehr wenig an­genehmer Ueberraschung von Cora zu Adele.

Was meinen Sie, Frau Falkner?" fragte er dann l barschem Tone.Wenn diese junge Dame nicht mein Kind ist, wer ist es denn? Dann gibt es nur sine Alternative. Ei muß ein Sohn sein ... ja, ein Sohn!" fuhr er in leisem, gepreßtem Tone fort.

Keineswegs, Mylord," versetzte dis Frau ruhig.Ich habe drei Kinder aufgezogen und gestehe, daß eins davon dar Ihrige ist, aber welches ... das ist eine andere Frage und diese zu beantworten bin ich hier."

Reden Sie! Reden Sie!" drängte der Graf.Welchen Ihrer Zöglinge übergeben Ste mir?"

Das eben will ich Ihnen zeigen, Graf von Treville," sprach die Frau.Dieses eigenstnnige Ding" und sie M auf die still zuhörende Corawurde mir als kleines Kit gebracht und wenn mein Leben davon abhinge, so könnte ß nichts über ihre Geburt und ihre ersten Lebensjahre vor jene« Tage sagen, an dem mein Sohn in jugendlichem Eifer st4 ihrer annahm. Und was Rupert anbelangt, so brauche ich nur die Rechte einer Mutter an ihm geltend zu machen, um alle Speculationen auf ihn niederzuschlagen. Aber es gibt noch Eine, Mylord, die so schön und anmuthig ist, wie S e sich nur wünschen können. Ich hatte gehofft, sie mir für meinen Rupert zu sichern, ihm den Reichthum und die Stellung zu verschaffen, die sie ihm bringen konnte."

Und das bringen Sie hier zur Sprache, um Ihren Sohn höher zu stellen, den Sie durch eine Hsirath mit meiner Tochter zu verbinden hofften?" tief der Graf mit erstickter Stimme.

Dis meisten Eltern sind bemüht, das möglichst Beste