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kann ich in der deutschen Sprache und Musik unterrichten," erwiderte Cora schnell.
Miß Minchins AugeG leuchteten auf, aber sie behielt ihr förmliches Wesen bei, als sie erwiderte: „Bei Ihrer Jugend wird sich schwer irgend eine Beschäftigung finden lassen, besonders ohne Empfehlung. Sie machen doch jedenfalls keine großen Ansprüche?"
„Ich muß zufrieden sein mit dem, was man mir gibt," erwiderte Cora.
„Ich glaube nicht, daß Ihnen für den Anfang Jemand mehr als Wohnung und freie Kost bieten wird .... mehr würde auch ich Ihnen nicht geben können."
„Sie mögen recht haben," sagte Cora. „Ich verstehe dergleichen Dinge nicht."
Die Stirn der Schulvorsteherin erhellte fich.
„Wenn ich selbst Sie beschäftigen wollte, würden Sie er mir danken?" fragte ste dann freundlich.
„Ich würde Ihnen unendlich dankbar sein!" versetzte Cora.
„Und Sie würden mit Wohnung, Kost und einem kleinen Gehalte zufrieden sein?"
„Ich muß so viel haben, um mich kleiden zu können — mehr verlange ich für den Anfang nicht," sagte Cora.
„Gewiß! Da» müssen Sie erhalten! . . . Aber mehr als zwölf Pfund jährlich kann ich unmöglich geben."
„Und was habe ich dafür zu thun?" fragte Cora ruhig.
„Sie sagen, daß Sie in der deutschen Sprache unterrichten können, aber das ist natürlich nicht genug ... Sie werden in einer Klaffe auch den Unterricht im Englischen übernehmen und sich int Allgemeinen nützlich machen, zum Beispiel mit den Kindern spazieren gehen, was nöthig ist und mir oft lästig wird," setzte sie rasch hinzu, als fühlte ste, daß die Liste ihrer Anforderungen etwas ungebührlich lang fei.
Doch Cora hatte ein ziemlich richtiges Urtheil über derartige Dinge im Leben und sie fühlte bei Miß Minchins Worten eins gewisse Verachtung, die sich fast in ihrem Tone verrieth, als sie das Anerbieten annahm.
„Ich glaube Sie zu verstehen, Madame," erwiderte sie stolz.. „Sie haben vollständig recht, für etwas, dessen Werth Sie noch nicht kennen, die niedrigste Summe zu geben- Dieselben Gründe veranlassen mich vielleicht, die Stelle anzunehmen."
„Mein Gott, wie Sie reden!" versetzte Miß Minchin. „Ich kann Ihnen versichern, daß Hunderte froh über eine solche Aussicht wären, besonders wenn sie wie Sie ohne alle und jede Empfehlung sind."
„Ich habe Ihnen ja gesagt, daß ich zufrieden bin," antwortete Cora.
„Gut denn! So wollen wir Sie prüfen," sprach Miß Minchin heiterer. „Sie werden nicht so lange unterrichten - von neun bis eins und dann wieder von drei bi» fünf — inzwischen unternehmen Sie vielleicht einen kleinen Spaziergang und am Abend können Sie ja die Bücher der Kinder corrigiren."
Cora neigte den Kopf.
Sie wollte nicht über die Arbeit klagen, so groß dieselbe auch sein mochte, da sie ja Schutz in diesem einfachen Hause finden sollte. Und wenn ein bitteres Lächeln um ihre Lippen spielte bei dem Gedanken an den Unterschied zwischen einer solchen Lebensweise und jener, die sie bisher geführt hatte, so blich er doch unbemerkt von Miß Minchin, die durch die Aus- fichten auf eine ausländische Lehrerin und auf eine große Erleichterung ihrer Arbeit durch das getroffene Arrangement freudig erregt war.
„Vielleicht würden Sie noch etwas genießen?" fragte ste S" ® ibb^Edigstön Ton. „Das Dienstmädchen ist allerdings schon schlafen gegangen, aber ich will nachsehen, ob tch Ihnen etwas geben kann."
RikatbkmltJ?^d, Fleisch und einem Kruge dünnen zurück, das der Adoptivtochter Lord Faros ein fremdes .^rank war. Aber Cora war geistig und körperlich erschöpft und sie sprach der einfachen Kost tapfer zu.
Feine Damen effen sehr wenig, war immer Miß Minchins
Lehre und ste nahm sich im Stillen vor, die« der neuen Lehrerin recht bald einzuprägen.
Ihre nächste Sorge war, Cora nach dem einzigen Zimmer zu geleiten, in dem ein Bett bereit stand.
„Sie werden natürlich nicht erwarten, daß die» auch in Zukunft Ihr Zimmer bleibe," sagte sie mit triumphireudem Blick auf das kleine, einfach möblirte Zimmer, in welchem eine eiserne Bettstelle, eine Commode, einige Stühle und ein Filzteppich die ganze Einrichtung bildeten. „Unmöglich könnte ich Ihnen ein Zimmer überlaffen, da» mir fünfzehn Schillinge wöchentlich einbringt. Oben im Hause ist ein anderes kleine» Zimmer, das ganz gut für Sie paßt."
Cora dachte an den Smyrnaer Teppich, an die seidene« Gardinen und an die Möbel von Rosenholz in ihrem Zimmer in Villa Faro, und sie lächelte bitter. Aber sie blieb tapfer und fest. Sie war mehr stolz auf ihre Unschuld und Treue» al» auf die Leidenschaften, die sie erweckt hatte und die Siege, die ste hätte erringen können.
Und Cora schlief in ihrem einfachen Bett so ruhig wie in den Eiderdaunen der früheren Heimath.
(Fortsetzung folgt.)
Madame Sans Göne.
Roman nach Victorien Sardou und F. Morr««». Deutsch von Adele Berger.
(Fortsetzung.)
Der junge Liebende schüttelte den Kopf und entfernte sich sehr nachdenklich, ohne seiner Mutter zu antworten. Er wollte weder Vergessenheit noch Ruhe, und er wußte wohl, daß er fern von Rense, kein Glück finden würde. Er würde im Dorfe bleiben und Rense dem verhaßten Notar entreißen oder auch auswandern, übers Meer gehen, nach jenem Amerika, für dessen Unabhängigkeit Frankreich gekämpft hatte; dort würde er arbeiten, studiren, ein fleißiger und nützlicher Bürger werden, fern von dem Lärm der Schlachtfelder, von allem kriegerischen Tumult des alten Europa. Selbstverständlich machte in diesen Auswanderungsplänen Rense die Reife mit.
Am Abend nach diesem entscheidenden Gespräch mit seiner Mutter suchte Marcel Rense am Bache auf, dessen Rauschen in der Dämmerstunde noch melancholischer und trauriger zu sein schien.
Ein röthlicher Streifen im Westen deutete den Tod der Sonne an, eingehüllt in ihre Totenlaken aus großen grauen Wolken. Aber im Osten stieg der Mond auf, langsam die Wolken zerstreuend, und seine friedliche Scheibe glänzte zwischen den hohen, zarten Zweigen der Pappeln.
Rense und Marcel, am Rande des kleinen Gewässer» im Grase sitzend, hielten sich bei den Händen und sahen zu, wie das weiße, sanfte Gestirn gleich einem silbernen Rade in dem Raume dahinrollte.
E; war ein feierlicher Augenblick und die Stunde hochzeitlich.
Wie zwei Vogelstimmen im Monat Mai nach verliebtem Schweigen sich antworten, so wechselten die Stimmen der beiden jungen Leute einander ab.
„Ich liebe Dich, Renöe, und werde nie eine andere lieben als Dich!"
„Marcel, Du allein besitzest mein Herz, und meine Gedanken gehören nur Dir allein!"
„Wir werden uns nie verlassen!"
„Nichts wird uns trennen."
„Du wirst mir überall folgen, meine Rense?"
„Ich schwöre Dir, Dich zu begleiten, wohin Du gehst, Marcel."
„Wir werden uns immer lieben."
„Immer, ich schwöre es!"
„Mögen diese Zweige, Sinnbilder der Freiheit, mögen diese Bäume, die Säulen des Tempels der Natur, meine Schwüre hören, und deren Zeugen sein," sprach Marcel


