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theuer ist: Lasten Sie uns in Frieden oder noch mehr, helfen Sie uns aus unserer Noth."
„Uns?" wiederholte Rupert entrüstet. „Uns? So be» trachten Sie sich bereits als Eins mit diesem Manne, Cora?"
„Ja, denn ich bin verpflichtet, ihn zu retten," lautete die feste Antwort. „Und keine Macht auf Erden soll mich zwingen, ihn zu verlaflen, so lange er in Gefahr ist."
Lord Belfort ergriff ehrerbietig ihre Hand.
„Theures, edles Mädchen," sagte er. „Sie dürfen keine solche Verpflichtung auf sich nehmen- Der Himmel weiß, daß es für mich schlimmer wäre als der Tod, wenn ich Sie ver- lasten müßte, aber ich habe vielleicht ein wenig von Ihrer Großmuth gelernt und würde lieber sterben, als Sie in mein Unglück hineinziehen."
„Das ist Alles recht schön, Mylord," rief Rupert ungeduldig, „aber Thaten beweisen mehr al» Worte. Ich habe Jemandem, der die Sachlage besser kennt als Einer von uns, bereits versprochen, daß ich Sie unter gewissen Bedingungen retten werde, wenn es möglich ist. Sie «erden wohl einsehen, daß es Ihnen unmöglich ist, ohne andere Hilfe als den Beistand dieses Mädchens zu entfliehen. Und wenn sie es aufrichtig meint, wird sie die Bedingungen nicht zurückweisen, unter welchen ich meinen Beistand anbtete."
„Nennen Sie dieselben!" unterbrach ihn Cora rasch.
„Wenn Sie Lord Belforts Rettung mir anvertrauen wollen," erwiderte Rupert, „so habe ich mich bereits verpflichtet, ihn sicher über das Meer in ein Land zu bringen, wo das englische Gesetz ihn nicht erreichen kann. Wenn Sie sich aber weigern, fordere ich Sie auf, es ohne meine Hilfe zu versuchen, und wenn ich auch nichts gegen ihn unternehme, kann er doch sicher sein, daß er verhaftet wird. Wenn Sie ihn nicht lieben, können Sie nicht zögern."
„Und was soll ich dann thun, Rupert?" sragte Cora ruhig.
„Rach Hause zurückkehren ... zu meiner Mutter . . . oder unter Lady Marians Schutz," sagte er, unwillkürlich ihrem ernsten, fragenden Blick ausweichend.
„Das werde ich nie thun," versetzte sie fest. „Ich bitt frei und werde frei bleiben. Doch ehe ich Lord Belfort» Leben in Gefahr bringe, will ich lieber Ihre Bedingungen annehmen, Rupert- Nehmen Sie ihn unter Ihren Schutz . . . ich werde schon eine Heimath finden . . . aber bedenken Sie wohl, daß de» Himmels Fluch Sie treffen wird, wenn Sie Ihr Gelübde brechen und daß das Blut dessen, den Sie in Gefahr bringen, auf Ihr Haupt fallen wird."
„Beruhigen Sie sich," erwiderte Rupert. „Mein Wort bürgt Ihnen dafür, daß ich Lord Belfort in Sicherheit bringen werde."
Sie ergriff rasch des Lords Hand, und sie herzlich drückend, sagte sie: „Leben Sie wohl! Möge der Himmel Sie vor jedem serneren Unfall bewahren!"
Und ohne Rupert eines Blickes zu würdigen, eilte sie den schmalen Pfad empor und war bald den Augen der beiden jungen Männer entschwunden.
XXXII.
„Wünschen Sie einen Wagen, Miß?" fragte der höfliche Beamte auf dem Nordwestbahnhof, als der Zug gegen zehn Uhr Abends eintraf.
Cora war es, an welche diese Frage gerichtet wurde.
„Ja . . . nein . . . ich weiß es selbst kaum," erwiderte sie auf seine Frage mit einem Blick auf ihre Reisetasche, die ihr ganzes Vermögen enthielt, und erwog dabei den Inhalt ihrer Börse und ihre Lage zu so später Stunde in einer fremde« Stadt.
„Nehmen Sie lieber einen Wagen, Miß. Es ist für eine Dame wie Sie jetzt unsicher in den Straßen. Wo soll er Sie hinfahren?" fragte der Beamte weiter, während er einem Kutscher einen Wink gab.
Cora zögerte.
„Ich weiß es nicht .... ich bin noch nicht entschlossen
. . . ich werde wohl in ein Hotel gehen, bi» ich eine Wohnung gefunden habe," versetzte sie erröthend.
„So ist Niemand hier, der Sie erwartet?" fragte der Beamte.
„Nein, ich bin fremd hier .... ich bin hergekomme», mir eine Stellung zu suchen."
„Armes Mädchen! Und ohne Empfehlung, wie mir scheint!" dachte der mitleidige Beamte-
„Wenn ich Zeit hätte, Miß, glaube ich, könnte ich Ihnen behilflich sein," sagte er darauf laut. „Leider fahre ich morgen mit dem ersten Zuge fort. Doch wenn es Ihnen recht ist, will ich Ihnen die Adresse einer Verwandten meiner Frau geben, die eine Privatschule hat und auch Zimmer vermiethet. Dieselbe wird Sie mir zu Gefallen aufnehmen und kann Ihnen vielleicht auch für später von einigem Nutzen sein."
Der gute Mann schrieb einige Zeilen auf ein Blatt Papier, reichte es Cora und verabschiedete sich dann rasch, da ihn seine Pflicht abrief.
Nach einer Fahrt von kaum einer halben Stunde hielt der Wagen, den Cora gemiethet, vor einem kleinen, aber sauber gehaltenen Hause, das mitten in einem Gärtchen stand und aus dessen einem Fenster ein Licht schimmerte ... ein Beweis, daß die Bewohner noch wach waren.
Der Kutscher zog die Klingel und eine Frau öffnete bald darauf die Thür.
„Wer ist da?" fragte sie etwas verwundert.
Der Kutscher war inzwischen bezahlt worden und weit«- gefahren, und Cora stand im Gaslicht allein vor Miß Ä chins kaltem, forschendem Blick.
„Mit wem habe ich das Vergnügen, zu sprechen?" fragte diese.
„Ich habe Ihnen dieses Blatt zu überbringen." Mit diesen Worten reichte ihr Cora den Brief des Beamten.
„Ah! Sie suchen Wohnung?" versetzte die Angeredete tu einem Tone, der zwischen Mißtrauen und Höflichkeit schwankte. „Allerdings nehme ich ungern Jemand zu so später ©tunte aus, doch bin ich Jedem, den Herr Dakins mir schickt, M gefällig und kann Ihnen auch eine Stube einräumen."
„So darf ich bleiben?" warf Cora rasch ein-
„Ja .... das heißt vorläufig für diese Nacht. Ihr längeres Bleiben wird von unserem Uebereinkommen abhängen. Kommen Sie hier herein," fügte ste, auf eine Thür am Ende des Corridors deutend, hinzu.
Cora trat ein und hatte, während Miß Minchin die Hausthür schloß, volle Muße, sich im Zimmer umzusehen.
Es war klein, aber außerordentlich schmuck und sauber, allerdings auffallend verschieden von den eleganten Räumen in Villa Faro und Schloß Biddulph.
Aber Cora gedachte des Aufenthalts in dem Steinbruch und ihrer einsamen Lage, und sie war dankbar für den Zufluchtsort und bevor Miß Minchin eintrat, war sie bereit, jede Frage derselben mit lobenswerthsr Geduld und Bescheidenheit zu beantworten.
„Kennen Sie Herrn Dakins?" Hub diese an.
„Nein, gar nicht," lautete die Antwort-
„So waren Sie wohl seiner Obhut anvertraut?" spm l die Dame weiter und ihr Blick fiel auf den eleganten SN I und Schnitt von Cora» Kleid.
„Nein ... er war auf der Fahrt sehr gütig gegen mich und schickte mich dann hierher," war die offenherzige Antwort.
„Und Sie haben keine Freunde, keine Verwandten w London? Weshalb find Sie hierher gekommen?" fragte Miß Minchin.
„Ich kenne hier Niemanden. Ich will hier eine Stellung suchen."
„Welcher Art?"
„Gleichviel ... ich bin zu Allem bereit, was ich leisten kann." £ ...
„Können Sie in irgend etwas unterrichten?" fragte die Dame zweifelnd.
„O doch! Ich bin erst vor mehreren Monaten aus DeuM land gekommen. Da ich eine gute Erziehung genossen yao.,


