Ausgabe 
25.5.1895
 
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sKast aufgelöst würbe. Meines Wissens erfuhr auch Niemand, wohin sie ging. Jetzt, da der Tod sie dahingerafft hat und sie in ihren Gräbern ruhen, kommt mir Alles wie ein wirrer

das Mädchen ?" fragte Marian leise.

Frau Aston zögerte.

Vielleicht ist es beffer, wenn ich ihren Namen auch fetzt verschweige," erwiderte sie endlich schüchtern.Es könnte einen Fluch auf die Unschuldige laden, wenn ich das traurige Ge- heimniß verriethe." ,, _ _

Lady Marian stand mit der ruhigen Miene entschloffener Würde auf.

Sehen Sie hier, Frau Aston," sagte sie und wies auf einen Siegelring, den sie an ihrer weißen Hand trug.Dieses Juwel fand ich in einem Toilettekasten, der, glaube ich, Jahre lang in dem unbenützten Zimmer im nördlichen Flügel gestan' den hat. Es ist ein Monogramm auf dem Ring . . . ver- muthlich ist ein verborgener Platz für eine Haarlocke darunter, obgleich ich noch keine Feder entdecken konnte. Sind das die Anfangsbuchstaben der verderblichen Schönheit?"

Es war nicht schwer zu bemerken, daß der Ning der Haushälterin nicht unbekannt war, denn ihre Augen ruhten mit mehr Trauer als Neugier auf demselben.

Wehe! Wehe, Lady Marian! Was konnte Sie verleiten, dieses unheilbringende Kleinod zu tragen?" sagte sie und er» bebte leicht, als sie es ihrer Herrinzurückgab.Ihre 93er* muthung ist richtig. Diesen Ring gab sie Sir Philipp und ich glaube, der Ring hat viel Unheil gestiftet. Er wollte ihn unverhohlen tragen und als der junge Lord ihn eines Tages bemerkte, wollte er ihn seinem Bruder vom Finger reißen, wie ich hörte, denn er konnte es nicht ertragen, wenn ihre Augen auf einen Anderen fielen, als auf ihn; und der Ge­danke brachte ihn von Sinnen, daß sie seinem Nebenbuhler ihr Haar und einen Ring gegeben hatte. Wenn sie es dennoch war, wurde sie dafür bestraft," versetzte die Haus­hälterin, die Nachsicht mit der Unglücklichen zu haben schien, welche so viel Kummer über die Familie gebracht hatte.Aber da Sie einmal so viel entdeckt haben, können Sie ebenso gut das Uebrige erfahren. Die Buchstaben bedeuten Ida Con­stanze Merrick und auch mit dem Haar haben Sie Recht .. l es ist unter der goldenen Platte verborgen, wenn der junge Lord es in feinem Zorne nicht herausgenommen hat."

Versuchen Sie, ob Sie die Feder nicht öffnen können," rief Marian eifrig.

Die Haushälterin gehorchte und obgleich ihre Finger zitterten, ehe sie die kleine, gutverborgene Feder finden konnte, gelang es ihr doch endlich, die kleine Platte zu öffnen und die glänzende Haarlocke bloß zu legen.

Marian blickte dieselbe mit einer gewissen Ehrfurcht an.

Das dunkle, glänzende Haar mußte einer Brünetten ge­hört haben," dachte sie in ihrer Unschuld.

Und sie stellte sich das blitzende, gefährliche Auge vor, das stolze Bewußtsein der Schönheit in den edlen Zügen mit dem anziehenden Zauber, daß sie unwiderstehlich sei.

Gibt es kein Bild von Miß Merrick?"

Gewiß! Eine Menge von Bildern waren von ihr da, aber die sind wohl alle fort. Ein Miniaturbild wurde mit dem jungen Lord begraben, und ein lebensgroßes Porträt von ihr wurde nach dem Vorfall aus der Gallerie entfernt. Wo das hingekommm ist, weiß ich nicht. Ich glaube, es wurde auf Befehl Lord Marstons, als derselbe über seinen verwundeten Sohn in höchster Verzweiflung war, in Stücke geschnitten. Sir Philipp hat jedenfalls auch eins gehabt. Doch werden Sie wohl kaum je eins von ihr zu sehen be­kommen, und das ist recht gut. Mir wird ganz elend zu Muths, wenn ich von dem unglücklichen, irregeleiteten Mädchen spreche," fuhr sie fort.Der Himmel weiß, daß es beffer ist, das einfachste Geschöpf zu sein, als wie sie ihrer Schön­heit wegen Blut auf dem Gewissen zu haben."

Lady Marian blieb still und gedankenvoll während dieser langen Rede.

Ihre Aufregung schien vorüber zu sein und einer seltsani unnatürlichen Ruhe Platz gemacht zu haben.

Ist das Alles, was Sie wissen ... was Sie mir sagen können, Frau Aston?" fragte sie zerstreut.

Ja, liebe Lady," lautete die Antwort,aber können Sie jetzt nicht ein wenig schlafen? Sie sehen so müde aus. Was nützt es, sich um Vergangenes zu sorgen? Was geschehen ist, läßt sich jetzt nicht mehr ändern."

(Fortsetzung folgt.)

Madame Saus GAe.

Roman nach Victorien Sardou und F. Morreau. Deutsch von Adele Berger.

(Fortsetzung.)

Catherine sah die Marke an.

Es gehört dem armen, kleinen Artilleriehauptmann Napoleon Bonaparte! Der arme Junge hat selbst nicht viel er ist mir sogar eine große Rechnung schuldig macht nichts, ich werde ihm ein neues Hemd zurückgeben. Ich werde eins kaufen und es ihm selbst in die Wohnung tragen und sagen, daß ich das seine mit dem Plätteisen ver­sengt habe. Wenn er es nur annimmt, er ist ja so stolz! Ach, das ist einer, der auf seine Wäsche nicht achtet und auf die Frauen auch nicht!" fügte sie mit einem leichten Seufzer hinzu.

Während Catherine so an den Kunden dachte, dessen Hemd sie zu Charpie machte, legte sie mit sanften Fingern die Compressen auf die Wunde des österreichischen Offiziers, dieses bei einer solchen Patriotin sehr unerwarteten Gaste». Der Anblick dieses jungen, vielleicht auf den Tod verwundeten bleichen und kraftlosen Mannes, dessen Energie und Lebens­kraft aus einer ungeheuren Wunde dahinströmten, hatte alle Gefühle Catherinens geändert.

Es war nicht mehr die Amazone im kurzen Rock, dis mit den Kämpfern vordrang, bei jedem Kanonenschuß vor Freude in die Höhe sprang und sich ein Gewehr wünschte, um an diesem Fest des Todes theilzunehmen; sie1 war der hilfreiche Engel geworden, der sich zu den menschlichen Leiden herabneigt, und auf ihren Lippen schwebte beinahe eine Ver­wünschung gegen den Krieg.

Ein Oesterreicher," murmelte sie.Was wollte er denn bei uns, der Weißrock? Madame Veto verthsidigen! Und doch, er sieht nicht böse aus!"

Sie betrachtete ihn aufmerksamer.

Noch ganz jung kaum dreiundzwänzig! Man könnte ihn für ein Mädchen halten."

Dann machte sie eine berufliche Bemerkung:Seine Wäsche ist sehr fein lauter Battist. Also ein Ari­stokrat."

Und sie seufzte, als ob sie sagen wollte:Wie schade!"

Unter dem wohlthätigen Einfluß des kalten Wassers und der Compressen, die al« Verband dienten und das Ausströmen des Blutes hinderten, begann der Verwundete wieder zu sich zu kommen. Er öffnete langsam die Augen, und seine matten Blicke schienen suchend umherzugehen.

Mit dem Bewußtsein de» Leben» kehrte ihm auch da» der Gefahr zurück.

Tödten Sie mich nicht!" murmelte er mit höchster instinktiver Anstrengung, indem er die Arme vorstreckte,| als wollte er sich gegen unsichtbare Feinde schützen. Dann raffte der Verwundete mit höchster Anspannung alle seine Kräfte zusammen und stammelte:Sie sind Catherine Upscher von Saint-Amarin? Fräulein von Lavaline schickt mich zu Ihnen. Sie sagte, daß Sie gut wären ... daß Sie mir helfen würden, mich zu verbergen . . . später werde ich Ihnen erklären . . ."

Fräulein Blanche von Lavaline?" sagte Catherine er­staunt.Die Tochter des Gutsherrn von Saint-Amarin meine Beschützerin? Die mich in Stand gesetzt hat, mich zu etabliren, dieses Geschäft zu kaufen! Sie kennen sie also?