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gerade jetzt diese alte Geschichte hören zu wollen, wo Sie schwach und angegriffen sind! Lassen Sie das auf ein andermal I"
„Nein, Aston, ich will sie jetzt hören," erwiderte dar Mädchen bestimmt. „Man munkelt so Verschiedenes über die Sache, daß es mich verlangt, endlich einmal die Wahrheit zu erfahren. O, mein Gott, ich weiß nicht mehr, wohin ich mich wenden und wem ich vertrauen soll!" setzte sie verzweifelt hinzu.
„Nun, Mylady, von mir werden Sie die lautere Wahrheit hören," sagte die Haushälterin, „aber es hat ja Zeit mit dem Erzählen."
„Nein, nein! Ich will es wiffen und zwar sogleich!" unterbrach sie Lady Marian. „Aston, wenn ich auch nicht zur geraden Linie Ihrer geliebten Herrschaft gehöre, so hak ich doch ihr reines Blut in den Adern und als eine geboren« Biddulph verlange ich, die wahre Geschichte zu hören."
„Ja, ja, Sie haben dar blitzende Auge und die stolze Miene der Biddulphs," erwiderte die Haushälterin nachgebend, „und da ich einmal von der geraden Linie abgehen mußte, hätte ich nichts Besseres thun können, als zu Ihnen kommen, Lady Marian. Ja, Sie sind anders als Ihr Vater," fuhr sie sinnend fort. „Er besitzt wenig von dem heißen Blut und der Großmuth der Biddulphs."
„Fahren Sie fort, Aston. Erzählen Sie mir die ganze Geschichte vom Anfang bis zum Ende, die mich zu einer zweifelhaften Erbin der Hauptlinie machte," versetzte Maria» mit mattem Lächeln. „Nun fangen Sie rasch zu erzählen tm, bevor ich aus Aerger noch einmal ohnmächtig werde."
„Wenn Sie es durchaus verlangen, will ich Ihnen die Geschichte erzählen, so weit ich sie selbst kenne- ... Der alte Lord Marston, Ihres Vaters Vetter, hatte drei Söhne und keine Tochter. Sie waren sehr eigensinnig und ungestüm und geriethen in Streit miteinander . . . wenigstens der Arlichr und der Zweite, Sir Philipp. Der Jüngste war in fernen Landen, wo er, wie es hieß, infolge feines wüsten Lebens an der Auszehrung starb. Und je älter und gebrechlicher der alte Lord wurde, um so mehr wuchs die Zwietracht zwischen seinen beiden Söhnen und eines Morgens wurde der junge Lord verwundet und blutend heimgebracht und es wurde geflüstert, Sir Philipp, sein Bruder, sei dieser That schuldig."
„Aber er tödtete ihn nicht? Einen solchen Fluch luder doch nicht auf sein Haupt?" rief Lady Marian zitternd m.
„Nein! Das gerade nicht. Lord Biddulph lebte darnch noch viele Monate, ja, Jahre lang, aber meines Wissens ist er nie wieder ganz gesund geworden. Und Sir Philipp ist nach der That von seiner Heimath geflohen und niemalr wieder zurückgekehrt."
„Mein Vater sagt, er habe Beweise von seinem Tode, ja sogar von seiner Beerdigung," sagte das Mädchen zweifelnd.
„Das mag wohl sein. Ich weiß, daß man von Zeit zu Zeit von dem armen Philipp Nachricht hatte, obgleich man es so geheim hielt, daß auch ich es nur aus wenigen Worten weiß, die man hin und wieder fallen ließ. Ich hatte Philipp trotz seines Ungestüms und seiner Leidenschaftlichkeit lieber als alle die Anderen. Er war so hübsch und so großmüthtz wenn er nicht seine Launen hatte, daß man ihm meiner A' sicht nach nicht böse sein konnte."
„Und was hatte den unseligen Streit herbeigeführt? fragte Marian angstvoll.
Frau Aston zögerte mit der Antwort.
„Ich glaube, eine unglückliche Liebe trug die Schuld daran. Beide Brüder verliebten sich in eine junge Dame, und wie es auch den äußeren Anschein haben mochte, so steht doch fest, daß sie Sir Philipp lieber hatte, doch sprachen so« wohl ihr Stolz und ihre Freunde sür den jungen Lord, den erstgeborenen Erben der Grafschaft. Doch wenn dem so war, so blieb auch die Strafe dafür nicht aus, denn bevor dret Jahre vergangen waren, hatte sie alle Beide verloren."
„Und was wurde aus ihr?" fragte Marian in leisem, gedämpftem Tone. ....
„Das kann ich Ihnen nicht sagen, Mylady. Ich hör« nichts weiter, als daß sie ihren Vater verlor und die Mmy
Faro dem Tode verfallen ist?" Hub er nach einer Pause wieder an. ~ t _
„Das ist thörichtes Geschwätz!" sagte der Lord. „Was in aller Welt könnte eine so unwahrscheinliche Katastrophe herbeigesührt haben?"
„Bitte um Entschuldigung, Mylord, aber es ist nur zu wahr," erklärte der Diener. „Es waren zwei Aerzte in der Villa Faro, und man scheint wenig Hoffnung zu haben. Es waren auf den Schuß zwei Wildhüter herbeigeeilt, aber sie sind doch zu spät gekommen. Lord Faro lag auf der Erde und ein junger Arzt, wie es scheint der Einzige, der bei dem Duell zugegen gewesen, war um ihn beschäftigt. Wo Lord Belfort hin ist, weiß Niemand. Er wird wohl geflohen sein, doch wenn man ihn bekommt und Lord Faro stirbt, wird er als Mörder verurtheilt."
Lady Marian hatte still und regungslos zugehört, aber sie war halb bewußtlos auf einen Seffel dicht am Fenster niedergeiunken.
„Und war gibt man als Grund der That an, da Sie so viel zu wissen scheinen, Tomkins?" fragte der Lord, der in der Aufregung seine Würde zu vergessen schien-
Tomkins zögerte ein wenig.
„Nun, Mylord, man sagt, die junge Person, die Lord Faro in'r Haus gebracht hat, sei an dem Allen schuld. Ich glaube, Lord Faro war eifersüchtig auf den jungen Lord."
Da vernahm man einen schweren Seufzer, das Rauschen eines Kleides und Lady Marian sank bewußtlos zu Boden.
Der Lord saß bei diesem ungewohnten Schauspiel starr und regungslos da.
Aber Tomkins sprang rasch hinzu, hob Lady Marian auf und legte sie auf das Sopha.
„Es ist nur eine Ohnmacht, Mylord!" sagte er tröstend. „Mylady wird bald wieder zu sich kommen Dis Sonne wird ihr zu sehr in's Gesicht geschienen haben."
Und ohne weitere Befehle abzuwarten, rief Tomkins Marians Jungfer und die Haushälterin herbei.
„Jetzt geht es Ihnen ja schon wieder besser, Mylady, sagte Frau Aston schmeichelnd, als Marian nach kurzer Zeit die Augen wieder aufschlug. „Bleiben Sie noch eine kleine Weile ruhig liegen . . - oder wollen Sie sich lieber in Ihrem Zimmer ein wenig hinlegen?"
Lady Marian fuhr sich mit der Hand über die Augen und schaute verwirrt um sich. Aber als sie ihres Vaters strengem, bekümmertem Blick begegnete und Tomkins noch in der halboffenen Thür stehen sah, da kehrte die ganze Scene wieder in ihr Gedächtniß zurück und schaudernd bedeckte sie ihr Gesicht mit den Händen.
„Ja, ich will gehen!" sagte sie dann langsam. „Aston, Sie können mich begleiten. In einer halben Stunde wird mir wieder wohl sein- Papa, Du brauchst Dich nicht zu ängstigen," fügte sie mit erzwungener Ruhe hinzu. „Der Sonnenschein ist schuld daran ... ich hatte schon heute Morgen, als ich aufstand, Kopfschmerzen."
Der Lord blickte erleichtert auf.
„Es wird wohl so sein!" sagte er mit zustimmendem Nicken. „Tomkins hat dieselbe Idee gehabt... die Sonne hat Dir zu heiß auf den Kopf gebrannt."
XII.
Kaum lag Lady Marian mit Hilfe der mütterlichen Fürsorge ihrer treuen alten Haushälterin in ihrem Toilettenzimmer auf dem Sopha, so sprang sie auch schon wieder mit einer Krast auf, der man nichts von Krankheit anmerkte, empor.
„Aston, liebste Aston, kommen Sie her!" rief sie erregt. „Hierher, ganz dicht zu mir! Setzen Sie sich auf diesen Stuhl und erzählen Sie mir die traurige Geschichte, auf welche Sie schon oft angespielt haben."
Frau Aston machte ein Gesicht, als meine sie, ihre Herrin rede irr.
„Meine liebe junge Lady, welch' seltsame Idee von Ihnen,


