Ausgabe 
25.4.1895
 
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Schutze. Sie werden Fräulein zur Steitsn sogleich Abbitte leisten oder morgen früh meinen Secundanten erwarten."

Ihre Nichte, Graf Wildenstein?" stieß der Prinz fast kläglich hervor.Aber meine Tante sagte mir nichts davon; nur, daß das Fräulein mich so gern heirathen wolle und und da dachte ich"

Sind Sie denn solch' ein Schooßhund der Fürstin, daß Sie nur thun und denken, wozu Sie animirt werden?"

Ein Schooßhund," schrie da Jener wüthend,das laffe ich mir nicht bieten! Wir müssen uns schlagen, ich werde Ihnen meine Secundanten schicken."

Vielleicht sollte ich mich mit einem Menschen, wie Sie sind, nicht schlagen, aber sei es d'rum! Fort, aus dem Wege, lassen Sie die Dame vorüber."

Hochaufgerichtet, aber noch immer bebend, schritt Nora am Arme des ernsten Mannes hinaus, der sie soeben als seine Nichte anerkannt, trotzdem sie ihm betheuert, daß sie ihn Haffen werde, ihm nie mehr begegnen wolle- Und nun schmiegte sie sich so dicht an ihn, als drohe ihr abermals Unheil, daß er das Zittern ihres Körpers fühlte.

Verständnißlos, erstaunt sah der seltsame rumänische Prinz ihnen nach; gleich darauf vernahm er das Rollen eines Wagens und athmete nun erleichtert auf.

Ah, er ist fort und sie mit ihm! Welche Angst ich hatte, dieser finstere Mann könne sogleich mit der Pistole aus mich losgehen! So ist's ganz gut, denn natürlich reife ich noch vor dem Duell ab. Tante Melanies Absicht mit der Heirath war ganz schön, aber doch zu schwer ausführbar, denn der Graf ist gleich da mit Drohungen und er wird sie auch aus» führen. Nein, nein, da gibt's anderweitig auch schöne, reiche Mädchen, die nicht so schwer zu erlangen find. Wäre mir dieser Herr Onkel nicht dazwischen gekommen, hahaha, dann hätte ich das Fräulein sogleich als Braut umarmt und der Tante vorgestellt. Sie war schuld an dem Plane, denn in meinem Kopfe wäre der wohl nicht entsprungen."

Noch immer heftig zitternd, lehnte Nora indeß in den Kiffen des Wagens, während Wildenstein neben ihr saß, ohne eine Silbe zu reden, starr hinaus in das Dunkel der Nacht blickend, aus dem schon hier und da einige Laternen der Stadt aufleuchteten.

Es war eine seltsame Situation, Seite an Seite mit dem schönen Mädchen, welches er sogar aus höchster Gefahr rettete, und doch im Herzen fern von ihr. Er fühlte sich stolz und glücklich, daß er es gewesen, der sie befreien durfte, er wartete sehnlichst auf ein Wort von ihren Lippen, und endlich kam es I Leise, zitternd, wie ein Hauch schlug ihre Stimme an sein Ohr:Ich bin Ihnen vielen, vielen Dank schuldig, Herr Graf."

Sein Herz bebte vor Entzücken, aber dennoch beherrschte er sich genug, um ruhig zu erwidern:Durchaus nicht, gnädiges Fräulein, es war Cavalterspflicht, die ich geübt und nur durchaus selbstverständlich."

Aber daß Sie gerade Derjenigen beigestanden haben, die die Ihnen so wehe gethan" Ihre Stimme stockte. Wie gern hätte Wildensteiu ihre kleine Hand ergriffen, um sie zu beruhigen, aber er beherrschte sich vollständig.

Ich kann verstehen und vergeben; Sie beurtheilen die Vergangenheit genau so schroff wie Ihr Herr Vater. Laffen wir das Thema fallen- Wir wollen einander völlig fremd fein wie Menschen, die sich zufällig zum ersten Male getroffen haben."

O doch nicht, Graf Wildenstein, ich schätze Sie mehr, als die anderen Herren, denn Sie sagten mir nie iade Com- pltmente und und mir thut es am meisten leid, daß ich Sie hassen soll."

Ein glückseliger Dankesblick des ernsten Mannes flog zum Himmel auf bei den naiven Worten; ein Licht, blendend und wundersam berauschend, märchenhaft, tauchte in weiter Ferne auf. Ob er eines Tages wohl ihm leuchten sollte!

Wenn ich also nicht Ihr Oheim wäre, Fräulein Nora, würden Sie mich ganz gern haben?" frug er dann plötzlich.

Ja gewiß. Ich habe Sie ganz anders beurtheilt, Herr

Graf. Nun ich weiß, wie adelsstolz Sie find fürchte ich mich vor Ihnen."

Er mußte lächeln, dann aber antwortete er ernst:Sie können nicht begreifen, Fräulein Nora, daß ein Character sich erst im Leben entwickelt. Damals, als meine theure Schwester, Ihre Mutter, Denjenigen fand, den sie liebte, da verstand ich noch nicht, was eben echte Liebe war. Heute denke ich anders und würde mich selig preisen, wenn ein paar süße, dunkle Augen mich liebevoll anblicken möchten, ohne auch nur an mein gräfliches Wappenschild zu denken."

Die arme Mama hat viel gelitten, als Sie dieselbe verstießen."

Wissen Sie denn aber, Nora, ob ich nicht auch sehr unglücklich darüber war?" suhr er auf..In den Wüsten­ländern Afrikas, in der öden Fremde quälten mich die bitter­sten Vorwürfe Tag und Nacht; ich kehrte heim mit dem festen Vorsatz, meine Härte und Engherzigkeit zu tilgen, meine Schwester aufzusuchen und sie von neuem in meine Arme zu schließen. Aber ich kam zu spät. Der Grabhügel wölbte sich schon über ihr und eine klare Kinderstimme rief mir ent­gegen: Ich habe keinen Onkel."

Sie schwiegen Beide in übermächtiger Bewegung. Der Wagen rasselte über das Pflaster der Straße, in welcher Stetten wohnte und plötzlich legte sich eine weiche, kleine Hand in die des Grafen.

Laffen Sie mich Ihnen wenigstens danken, Herr Graf," flüsterte Nora,ich werde Ihnen diese Stunden nie vergeffen. Aber noch eine Bitte, mir schnürt die Angst das Herz zu­sammen."

Sprechen Sie, Nora, für Sie thue ich, was in meinen Kräften steht."

Noras Herz pochte ungestüm bei diesen leidenschaftlich hervorgestoßenen Worten, eine süße, selige Ahnung drängte sich ihr auf, die aber dennoch nichts von demOheim" an ihrer Seite wissen wollte, und verwirrt stieß sie die Bitte heraus:Schlagen Sie sich nicht mit dem erbärmlichen Prinzen! Er ist es nicht werth, daß Sie um seinetwillen in Lebensgefahr kommen. Er ist in meinen Augen kein Ehren­mann und noch weniger ein Prinz, sondern ein entarteter rumänischer Bojarensohn."

Da beugte sich Wildenstein herab zu dem bebenden Mäd­chen, sein Blick ruhte tief forschend in ihrem Auge.

Würden Sie denn wirklich sich um mich ängstigen, Nora? Würden Sie um meine Rettung beten?"

Ja, o ja," hauchte sie halb schluchzend, und der Wagen hielt; hochauf athmete der Graf und öffnete den Wagenschlag, um hinauszuspringen und dem jungen Mädchen behilflich zu fein. Hastig warf er dem Kutscher den reichlichen Fuhrlohn zu und trat dann hinter Nora in's Haus; feine Lippen preßten sich fest übereinander, feine Stirn war zusammengezogen und der blendende Glücksstrahl im Auge erloschen.

Sie erlauben, mein gnädiges Fräulein, daß ich Sie selbst Ihrem Herrn Vater wieder zuführe und die Situation in einigen Worten erkläre."

Auf das Läuten Noras öffnete Stetten selbst, furchtbar aufgeregt, kreidebleich vor Angst; als er sein Kind aber vor sich sah, wohlbehalten und unversehrt, da breitete er glückselig beide Arme aus und rief:Nora, mein Liebling! Gott sei's gedankt, daß ich Dich wieder habe! Wo bist Du gewesen? Ich verging ja vor Angst!"

Erst jetzt fiel sein Blick auf den Grafen Wildenstein, befremdet trat er zurück, ein eistger Ausdruck prägte sich in seinem Gesicht, doch das junge Mädchen kam ihm zuvor. Papa," stammelte sie athemlos,ich war in einer entsetzlichen Gefahr und und wenn nicht Graf Wildenstein mich ge­rettet, wer weiß, wie Alles gekommen wäre. Wir müssen ihm herzlich danken."

Der ehemalige Sänger öffnete steif die Thür.

Ich hätte nie geglaubt, daß ich selbst dem Herrn Grasen meine Thür aufmachen würde."

Haben Sie keine Angst, Herr zur Stetten, ich werde wohl kaum ein zweites Mal Ihre Schwelle überschreiten,"