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So war denn der Bazar im Porscu'schen Hause mit schrillem Mißklang zu Ende gegangen; einsam saß Nora in ihrem Stübchen, heiß und unaufhaltsam rannen ihre Thränen und immer von neuem flüsterten ihre Lippen den Namen Des« jenigen, den sie heute so schwer gekränkt: „Rudolf, Graf Wildenflein."
„Er hat meine Mutter hinausgestoßen und ich will auch nicht» mit ihm zu schaffen haben," murmelte sie, aber es waren nur leere Worte, ihre Seele empfand unsäglichen Schmerz dabei.
Heute Abend hatte sie aufzutreten als Julia; sie meinte, all' die süßen Liebesworte vergessen zu haben, meinte, daß nur verzweifelnde Seufzer von ihren Lippen gleiten könnten.
Der Vater hatte genau nach Allem gefragt, ob der Gral dagewesen sei, ob sie ihn habe fühlen lassen, daß sie keinen Verkehr mit ihm haben könne, und als sie mit gesenkten Augen die ganze Scene erzählte, da lachte er spöttisch auf: „Recht fo, mein Kind, er wird einsehen, daß auch die Schauspielerin ihren Stolz hat und die hochgeborene Verwandtschaft nicht braucht. Es wird ihm gewiß nie einfallen, sich vor den Menschen Deinen Oheim zu nennen."
„Ich habe keinen Oheim, der Graf Wildenstein heißt," hatte sie abermals mit zuckenden Lippen und hochgehobenem Köpfchen gesagt, dann aber war sie hinübergeeilt in ihr Zimmer, um dem Vater die Thränen nicht zu zeigen, welche unaushalt« sam hervorströmten.
O, könnte sie doch fliehen vor seinem ernsten, liebevollen Blicke, vor seinem warmen Worte und dem Druck seiner Hand; heute hatte er nicht mehr wie neulich gesagt: „Auf Wiedersehen I" —
Am nächsten Tage reiste Baron von Hohenthal ab, Nora stand am Coups, die Augen voll Thränen. „Lebe wohl, Du lieber Onkel, komme bald wieder."
„Werweiß, Kind, jedenfalls rechne ich darauf, Dich und Deinen Vater im Frühjahr bei mir zu sehen. Gott sei mit Dir!"
Noch ein Grüßen und Winken hüben und drüben, dann pfiff die Locomotive und die Wagen rollten dahin in die schneebedeckte Landschaft hinaus; traurig wandte sich Nora dem Ausgange des Bahnhofes zu, ohne die hohe Gestalt des Grafen Wildenstein zu bemerken, welche ihr in einiger Ent« fernung folgte.
Unten am Bahnhof stand ein geschloffenes Coups, Nora kannte den galonirten Diener, der soeben höflich zu ihr trat, ganz gut, es war derjenige der Fürstin Porscu.
„Durchlaucht lassen das gnädige Fräulein bitten, im fürstlichen Wagen Platz zu nehmen," meldete der Mann mit freundlichem Grinsen.
Das schöne Mädchen überlegte nur einen Moment, dann stieg sie ein und der Wagen ging im Trabe fort; sie hatte heute Abend nicht zu spielen und es war vielleicht ganz gut, wenn sie die Gelegenheit ergriff, sich bei der Fürstin zu entschuldigen.
Wildenstein hatte Alles gesehen. Ohne sich zu besinnen, sprang er in eine offene Droschke und befahl, jener Equipage zu folgen; es hatte ihn eine sonderbare Unruhe erfaßt, als ob ein Geheimniß Nora entführte, als könne und müsse er sie behüten in dieser Stunde, da sie so allein und verlassen stand.
Weiter und weiter rollten die Wagen und richtig völlig entgegengesetzt der Porscu'schen Villa. Ein eisiger Schauder durchrieselte den starken Mann, er knirschte mit den Zähnen und verfolgte mit gespanntester Aufmerksamkeit den voranfahrenden Wagen. Endlich hielt derselbe vor einem Wein- Restaurant und auch Graf Wildenstein sprang aus seiner Droschke.
„Warten Sie hier auf mich!" rief er athemlos dem Kutscher zu, ihm einen Thaler reichend. „Sie erhalten da» Doppelte, wenn Sie mich nicht im Stich lassen."
„Ah gewiß, mein Herr!" schmunzelte der Mann und griff an den Hut. „Sie sind sehr gütig!"
Aber der Graf hörte es nicht mehr, hastig eilte er dem
erleuchteten Eingänge des Restaurants zu, in dem Nora soeben verschwunden war.
Als das junge Mädchen ausstieg, trat ihr Prinz Gregor Porscu lächelnd und verlegen eutgegen.
„Ah, mein gnädiges Fräulein, freue mich sehr — haha — den Vorzug zu haben."
„Ist Ihre Frau Tante hier?" fragte Nora erstaunt, als sie den Wagen fortfahren sah. „Ich bin völlig unbekannt hier in den Räumen. Was soll ich hier?"
„O bitte, treten Sie nur ein, meine Gnädigste; Tante wird — hm — gewiß bald nachkommen."
Er war sehr verlegen, aber dabei streifte doch ein ziem- lich dreister Blick die schlanke Mädchengestalt und Noras Her; zog sich plötzlich fröstelnd zusammen.
Sie traten ein. Ein Kellner öffnete mit widerlichem Lächeln die Thür eines kleinen, hellerleuchteten Ge naches, in dessen Mitte ein für zwei Personen gedeckter Tisch stand. Schweigend trat dar junge Mädchen ein, ihr Begleiter warf den Mantel ab, hing den Hut auf und sagte dann grinsend „So, meine Gnädig ile, nun sind wir behaglich unter unr. Bitte, wollen Sie nicht ablegen?"
„Gewiß nicht, mein Prinz; Sie müssen mir erst erklären, was das Alles heißt und weshalb Ihre Frau Tante mich hierher beschied."
„Die Tante — ah — die hat damit weiter nichts zu thun," entgegnete Prinz Gregor sehr dreist, „ich dachte nur, es würde Ihnen ganz lieb sein, wenn — wenn wir uns einmal unter vier Augen kennen lernten und — und — da mir Tante Melanie auch zu diesem Rendezvous rieth —"
„So haben Sie sich nicht entblödet, mir eine solche Beleidigung anzuthun," stieß Nora zornbebend hervor. „Schäum Sie sich nicht, Prinz Porscu, über diese ehrlose Händler- weise?"
„Ehrlos, gnädiges Fräulein? Meinte Tante sagte mir, daß — daß Sie mich liebten und darauf warteten, mich zu heirathen — und — da dachte ich —"
„Was Sie dachten, mein Herr, ist mir völlig gleich. Jedenfalls sind Sie mir schuldig, mich sogleich und in aller Form aus dieser schrecklichen Lage zu erlösen."
„Aber, mein Fräulein, ich habe ein Souper bestellt für uns Beide —"
„Sie haben sich in Ihren Anschauungen über mich K täuscht, Prinz," erklärte Nora mit leuchtenden, zürnenden Blicken. „Ich sehe in Ihrem Benehmen nur eine empörende Beleidigung, für die ich Genugthuung bei der Fürstin nach- suchen werde."
„Tante meint," stammelte der kluge Jüngling, „daß dies Souper der beste Zwang sein werde, mir Ihre Hand zu verschaffen. Ach, Fräulein, ich — liebe Sie wirklich so sehr."
„Ich muß sehr bitten, Prinz, diese Situation zu enden," unterbrach die junge Schauspielerin ihn streng, „sonst würde ich gezwungen sein, nach Hilfe zu klingeln."
„O nein, Fräulein, Sie sind in meiner Gewalt."
Entschlossen trat Nora zurück. „Ich befehle Ihnen, zu entfernen, sonst rufe ich nach Hilfe."
Da flog die Thür auf, Graf Wildensteln stand in btt* selben und mit einem Schrei der Erlösung stürzte das junge Mädchen zu ihm hin; ein einziger heißer Blick seiner Augen traf sie. Er nahm die kleinen, bebenden Hände zärtlich in seine Rechte und wandte sich dann zu dem wie mit kaltem Wasser begossenen rumänischen Prinzen, seine Stirnader war furchtbar angeschwollen, seine Stimme klang unheimlich und drohend: „Wissen Sie, mein Herr, wer diese Dame ist, die Sie zu beleidigen wagten?"
„Ich — ich wollte die Dame nicht beleidigen, zudem ist dies meine Angelegenheit," stotterte Porscu, nicht wissend vor bebender Angst, ob er höflich oder keck sein solle. „Ich W dies Zimmer gemiethet."
„Und ich werde Sie aus demselben hinauswerfen, wenn Sie nicht sogleich gehen," donnerte jetzt der Graf mit Stentorstimme, daß der feige Rumäne erbleichte und sich duckte, „diele Dame ist — meine Nichte und steht unter meinem besonderen


