Ausgabe 
24.10.1895
 
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liegend, den Tag zu verleben; sie hatte sich schnell an die sorgsame Pflege ihrer jungen Gesellschafterin gewöhnt, diese las ihr vor, sang eines ihrer geliebten Volkslieder; manchmal faßen sie auch des Abends lange bei der Lampe, sie arbeiteten für die Armen und für die Kinder, deren Eltern ihnen kein Christgefchenk zu geben vermochten.

Herr Verend beschäftigte in seinen bedeutenden Fabrik­anlagen eine große Anzahl von Arbeitern, er war ihnen ein gütiger Herr und sorgte treulich für seine Leute; seine Frau fand trotz der besten Vorsätze wenig Zeit, für die Armen selbst thätig zu sein, so wendete er sich mit seinen Plänen gern an die Tante, sie lieh der Roth stets ein williges Ohr.

Trotz Elisabeths entschiedener Weigerung, in dem geselligen Kreise zu erscheinen, ließ Fräulein Lena sich doch die Mühe 1 nicht verdrießen, sie stets von Neuem aufzufordern, sie ver- | stand nicht, daß ein so hübsches, feines junges Mädchen wie | Fräulein Kronau freiwillig als Einsiedlerin leben könne. Eines l Tages ließ sie sich nicht abweisen.

Kommen Sie mir zu Gefallen," bat sie,mein Schwager gibl eine große Jagd, danach ist bei uns das Diner; die Damen kommen direct zu uns, ich hoffe, die Herren sind nicht allzu ermüdet, um zu tanzen."

Auch Fräulein Verend wendete alle Ueberredungsgabe an, bis Elisabeth versprach, zu kommen. Im dunklen, seidenen Kleide, eine zierliche rothe Schleife im braunen Haar, gereichte sie jeder Gesellschaft zur Zierde. Die Blicke der Anwesenden, besonders der Herren, richteten sich bewundernd auf die an- muthige Erscheinung.

Kaum hatte sie Frau Verend vorgestellt, so klang eine bekannte Stimme an ihr Ohr:Gnädiges Fräulein, welche Ueberraschung, Sie hier als Gast!"

Ich bin hier in untergeordneter Stellung, Graf Bretow, als Gesellschafterin!"

Verlegen blickte der Herr Graf zu Boden, einen Ausweg suchend, damit Niemand bemerkte, er sei mit der Dame be­kannt. Mit wahrer Hast stürzte er sich auf den Nächststehen­den, ihn mit dem größten Wortreichthum begrüßend. Elisabeth blickte ihm lächelnd nach, dies war die Freundschaft der Welt. Später am Abend, als er sicher war, unbemerkt zu sein, suchte er seine Unliebenswürdigkeit wieder gut zu mache«; er sprach von allzu großer Ueberraschung und dergleichen, fand aber keinen Anklang. Elisabeth war vollständig geheilt von einem Interesse, welches sie jetzt selbst nicht verstand, aber schmerzlich daran gemahnt, was sie in Leichtsinn und Uebermuth dahin- | gegeben, den Halt, das Glück ihres Lebens!

Am Eingang des Parkes war ein großer Teich, im z Sommer häufig zu Kahnfahrten benutzt; man setzte nach der ; kleinen, schattigen Insel inmitten desselben über, um dort die angenehme Kühle zu genießen. Im Winter ward ihm der nörhige Eisvorrath entnommen, der größte Theil aber ward zu Schlittschuhfahrten benutzt.

An einem sehr kalten Tage im Januar tummelte sich eine große Gesellschaft von Herren, Damen und Kindern auf der fpiegelglatten Fläche. Heitere Unterhaltung, fröhliches Lachen schlug an Elisabeths Ohr, welche sich soeben zu einem Ausgang rüstete; sie wollte im Auftrag ihrer Herrin, noch ehe es dunkelte, in der Stadt verschiedene Besorgungen aus­führen. Sie stand von fern, das fröhliche Treiben betrachtend. Seit ihrer Begegnung mit Bretow lebte sie noch weit zurück­gezogener als vorher.

»Ich gehöre nicht zu den Sorglosen, welchen das Leben nur Kränze flicht," flüsterte sie leise zu sich selbst,meine Zeit gehört ernsten Pflichten für Andere, vorüber ist die leichtlebige Jugend. Oft meine ich, ich wäre schon recht alt, und doch kann noch manches Jahr dahingehen, ehe mein Haar ergraut. Ob ich dann wohl einen bescheidenen Platz finden werde, wo ich ausruhen darf von Mühe und Arbeit, ohne Anderen zur Last zu sein? Ich darf nicht klagen, ich habe mir selbst mein Geschick erwählt, ich muß es tragen!"

Die Stimmen kamen näher, man folgte der Einladung, sich in den behaglich durchwärmten Räumen der Villa zu

neuen Vergnügungen zu stärken. Die Kinder konnten sich noch nicht von dem Eise trennen.

Elisabeth eilte, um bald zurückzukehren, denn Fräulein Verend fühlte stch heute nicht wohl, sie litt mehr als sonst an ihrem alten Herzleiden, sie sollte deshalb nicht viel allein sein.

Das junge Mädchen kehrte mit einbrechender Dämmerung zurück; noch immer klangen Kinderstimmen vom Eise her. Aber das war nicht Jubel. Nein, ein gellendes Durcheinander, Kreischen, Rufen und lautes Weinen. Man schien int Hause nichts zu hören.

Im schnellsten Lauf eilte Elisabeth nach dem Teich; lauter, verzweifelter klangen die Stimmen; die Kinder stürzten ihr jammernd entgegen. Nur mit Mühe entnahm sie ihrem ver­worrenen Bericht, daß eines von thren Gefährten im Eise eingebrochen sei. Alle bei Seite schieben, den Mantel von sich werfen und schnell wir der Blitz nach der llnglücksstelle eilen, war das Weik eines Augenblicks.

Trotz aller Vorsichtsmaßregeln an der Stelle, welcher man das Eis entnommen und trotz des strengsten Verbotes hatte ein kleines, achtjähriges Mädchen sich dennoch dahin gewagt. Das laute Geschrei verstummte, mehr und mehr ver­schwand der Körper unter dem Eise, nur die Aermchen streckten sich wie Hilse erflehend empor; krampfhaft faßten die Händ­chen nach dem Eis, immer auf's Neue brach es; Rettung schien vergebens.

Vorsichtig schob sich Elisabeth auf den Knieen vorwärts, unter ihr knackte es, sie mußte ein Stück zurück und doch war ein jeder Augenblick nur zu kostbar. Wieder wagte sie den Versuch, vergebens, das Eis brach, bis unter die Arme reichte das eisigkalte Wasser, sie war nahe dem Ufer, sie fühle Grund unter den Füßen, allein die Glieder erstarrten, die Sinne drohten ihr zu vergehen. Und sie mußte doch vor­wärts, mußte das junge Leben retten, schon verschwanden die Aermchen mehr und mehr.

Herr, erbarme Dich," bat sie in Todesangst. Da, wenige Schritte noch, sie erfaßt es und schleudert es weit hin auf festes Eis. Gerettet!

Sie hört mit den jammernden Kinderstimmen die von Erwachsenen stch mischen, Schritte hallen auf der Eisfläche. Das Werk ist gethan, noch einmal schlägt sie die Augen auf, über ihr leuchtet dec Abendstern, sie fallen zu, sie sinkt tiefer und tiefer. Mit nassen Armen umfängt sie der Tod.

Die Kinderstimmen dringen endlich bis in das Haus, man trennt stch von der Unterhaltung beim Kaffeegenuß. Einer der Herren eilt Allen voran, schon hält e? die Kleine im Arm, er gibt die tröstliche Versicherung, daß sie lebt.

Aber das Fräulein," ruft der Gärtner, er ist soeben von der andern Seite herbeigekommen,sie ist ohne Bestnnung, ich kann sie nicht allein halten!"

Man trägt das Kind in das Haus, Andere unterstützen den braven Mann bei seinen Bemühungen um Elisabeth; ihr Körper ist den kalten Fluthen entrissen, aber starr, leblos liegt sie in den Armen ihrer Retter. Schon beginnen die durchnäßten Kleidungsstücke zu gefrieren, mit dem einbrechen­den Abend nimmt die Kälte von Minute zu Minute zu.

Elisabeth ruht auf ihrem Lager, in warme Decken ge­hüllt, Frau und Fräulein Berend nehmen sich liebevoll ihrer an, sie unterstützen den Arzt in seinen Bemühungen um die Verunglückte, allem Anschein nach vergebens. Fest bleiben die Augen geschlossen, die Glieder starr und kalt. Die Lippen sind krampfhaft zufammengepreßt, man versucht, ihr einen er­wärmenden Trank einzuflößen.

Der Arzt zuckt die Schultern.

Es ist traurig, ich fürchte, Menschenhilfe kommt hier zu fpät, sie wird ihr edles Rettungswerk mit dem Leben be­zahlen," flüsterte der Arzt, selbst erschüttert, daß der Tod hier ein Opfer gefordert, so jung und so schön. Ein langes Lebe« hätte man ihr vor wenigen Stunden noch zugesichert nach Menschenberechnung. Sie trügt leider nur zu oft, wenn Gotte- Rath anders gebietet.

(Fortsetzung folgt.)