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Gesellschsst zu leisten, bis unsere arme Tante wieder in zu« gänzlicherer Stimmung einigen Verkehr wünscht."
Er mochte wohl den Mienen de» jungen Mädchen ent» nehmen, daß seine Eröffnungen ste mit einiger Sorge erfüllten. Deshalb fügte er hinzu: „Tante ist freundlich und dankbar für jeden geleisteten Dienst, nur lebt sie sehr zurückgezogen, Sie werden mit ihr ein stilles Leben zu führen genöthigt fein."
„Von Herzen gern, ich sehne mich nicht nach Vergnügungen," entgegnete Elisabeth lebhaft, „ich will Alles thun, damit der armen Dame meine Nähe nicht störend ist, vielleicht erreiche ich, daß sie mich ein wenig gern hat!"
„Aber bedenken Sie wohl, Ste werden oft nur auf sich angewiesen sein," fügte die Frau vom Hause hinzu; ihr mochte solch ein Leben Schrecken einflößen. „Wir leben sehr gesellig, reisen öfter. Die kurzen, trüben Wintertage, die langen Abende werden Ihnen hier in der Einsamkeit oder in Gesellschaft einer sehr ernsten Dame schwer zu ertragen sein, Ste haben in der Großstadt sicher ein ganz anderes angenehmes Leben geführt."
„Ich werde mich nicht danach sehnen, ich lernte die Schattenseiten kennen. Ueberdies bin ich darauf angewiesen, mich auf eigene Füße zu stellen, möge ich mir die Zufriedenheit verdienen."
Herr Verend warf einen mitleidigen Blick auf das junge Mädchen, so jung, dazu auffallend hübsch, dem Auftreten nach zu urtheilen gewöhnt, sich in den besten Kreisen zu bewegen, und nun auf sich selbst angewiesen.
„Haben Sie keine Eltern mehr?" frug seine Frau theil» nehmend. „Das ist ein traurige» Schicksal."
„Gott sei Dank, meine Eltern leben beide, aber der Vater ist leidend, ich will ihnen keine Last sein," entgegnete Elisabeth.
Die Tafel ward aufgehoben, der Herr fuhr, nachdem der Kaffee eingenommen, nach der Stadt, Elisabeth saß mit Frau Verend im Garten und erwarb sich deren Zufriedenheit durch allerhand Rathschläge über Toiletten-Angelegenheiten. Dann begleitete sie diese durch da» ganze Haus. Da» Erdgeschoß und der erste Stock ward von dem Ehepaar bewohnt und enthielt Gesellschaftsräume; der zweite gehörte der Tante Fräulein Verend.
„Die Tante ist die Besitzerin de» Hauses, Alles ist nach ihren Angaben gebaut, trotzdem überläßt sie uns die schönsten Räume, um nicht ganz allein zu wohnen," erzählte die junge Frau.
Mehrere Tage vergingen, ohne daß die neue Gesellschafterin ihre Gebieterin kennen lernte. Reffe und Richte statteten dieser täglich einen kurzen Besuch ab, kehrten aber stets mit der Nachricht zurück, Tante sei noch zu leidend, um Elisabeth zu begrüßen. Diese fand ihren Beruf sehr leicht. Sie begleitete die junge Frau auf ihren Fahrten, arbeitete an einer der zahlreichen Stickereien, welche längst der Vollendung harrten und bereitete den Thee, wenn, wie fast täglich geschah, gegen Abend sich Besuch einfand.
Frau Verend, stets gleich liebenswürdig, stellte sie ihren Gästen vor, allein der Zusatz „Gesellschafterin" genügte, sie vollständig unbeachtet zu lassen. Stumm saß sie inmitten der lebhaften Unterhaltung, ihr Stolz bäumte sich auf, sie hätte sich gern zurückgezogen, allein ihre Stellung erforderte, daß sie bliebe.
Eine» Tages fuhr die Herrschaft au», die Dienerschaft benutzte den freien Nachmittag in ihrem Nutzen; Elisabeth suchte ein verstecktes Plätzchen im Park auf, welches sie längst gelockt; leider vertrieb ste gegen Abend ein Gewitterregen von ihrem grünen Versteck. Jn's Haus zurückgekehrt, benutzte ste die Erlaubniß, den schönen Flügel zu versuchen. Nachdem ste einige große Tonstücke gespielt hatte, verfiel fie auf die Melodie eine» alten Volksliedes. Wenn Herr von Löwen mit ihrem Bruder zum Besuch in ihrem Elternhaus war, begleitete fie gern seine schöne Tenorstimme und diese» Lied gerade sang er oft auf ihre Bitte. S» war eine schöne Zeit gewesen, fie «kannte bitt damals nur nicht in ihrer Slückeszu verficht, fie
träumte von einer ganz besondere« märchenhaften Zukunft und e» blieben Schäume!
So vertieft in die Vergangenheit, stützte ste den Kopf in die Hände und vermochte nicht, ihren Thränen zu gebieten. Sie bemerkte nicht, daß während ihres Spiels eine ältere Dame leise eingetreten war, eine schlanke Gestalt in einfachem, dunklem Anzug, da» schmale Gesicht zeigte noch Spuren einstiger Schönheit, daneben aber den Ausdruck schweren seelischen und körperlichen Leiden».
Erst eine Bewegung der Dame ließ das junge Mädchen erschrocken auffahren.
„Ich will Sie nicht stören," sagte die Dame mit milder, etwa» matter Stimme, „Sie sind unsere neue Hausgenossin und wollen mir Gesellschaft leisten. Ich freue mich, daß Sie Clavier spielen, ich höre gern Volkslieder, gerade dieses hat mir alte Erinnerungen geweckt- Aber Sie haben geweint, sehnen Sie sich nach der Heimath?"
„Nein, gewiß nicht, ich möchte Ihnen gern nützlich fein, ich bin gern hier."
„Nun, so führen Sie mich nach meinem Zimmer, da» Gehen wird mir schwer; und leisten Sie mir beim Thee Gesellschaft."
Elisabeth folgte der Aufforderung. Die Dame flößte ihr viel Thetlnahme ein; sie war so tief unglücklich bei allem Reichthurn. Welch' schwere» Leid mochte ihr Lebensglück gestört haben, daß es sich nie wieder vergessen ließ. Seit Jahren schon lebte sie einsam, weltfern- Elisabeth hegte nur den einen Wunsch, ihr etwas sein zu dürfen, in ihrem Schmerz den eigenen Kummer zu überwinden.
Mit großer Freude bemerkten ihre Verwandten, daß die Tante sich an Elisabeth schneller gewöhnte, al» fie dachten, und sie lieber um sich hatte, al» je eine ihrer Gesellschafterinnen.
Auch das junge Mädchen schien sich wohl zu fühlen in dem Stillleben, es zog sich mehr zurück als man verlangte, besonders jede Geselligkeit möglichst vermeidend. Monate schwanden schnell dahin, der warme Sommer machte dem Herbste Platz. Herr und Frau Verend lebten jetzt mehr denn je gesellig, verreisten auch auf viele Wochen. Elisabeth machte während ihre» einsamen Leben» immer größere Fortschritte in der Gunst des gnädigen Fräuleins; ste war hocherfreut, stet» gute Nachrichten nach Haufe geben zu können, empfing auch von dort die günstigsten Berichte. De» Vater» Befinde« besserte sich, da alle Gemüthsaufreeungen vorüber, feine Ehre in den Augen der Welt hergestellt war. Und die Mutter? Welch' leuchtendes Beispiel gab sie der Tochter al» ein Muster von aufopfernder Pflichttreue, von stiller Fügsamkeit in die so kleinen, bescheidenen Verhältnisse, wie dankbar erkannte jetzt Elisabeth den Segen, zu diesem Mutterherzen flüchten zu können in de» Leben» Leid und Freud.
Der Herbst hatte seinen Einzug gehalten mit vielen grauen Regentagen. Der Sturm wehte die Blätter herab von den Bäumen im Park und jagte sie raschelnd durcheinander. Der Gärtner hatte alle Hände voll Arbeit, die kostbaren Pflanzen zu bergen, ehe ein plötzlicher Nachtfrost ihnen Vernichtung drohte.
Verbot die Witterung den Aufenthalt im Freien, so herrschte dafür um so fröhlichere» Leben in den weiten, mit eleganter Behaglichkeit ausgestatteten Räumen von Verend« Wohnung. Sie brachten von ihrer Reise eine jüngere Schwester von Frau Berend aus der fernen Heimath mit. Die heitere junge Rheinländerin schaffte Leben in da» Haus. Oft glänzten bis spät in die Nacht die Fenster im hellen Kerzenschimmer, Musik ertönte, die Paare drehten sich im Tanz; ober e» wurden Lustspiele einstndirt, der stet» gefällige Schwager sorgte für Aufrichtung einer Bühne und alles sonst Röthigen, die Mittel gestatteten ja Alle».
Oben im zweiten Stock herrschte im Gegensatz zu dem geselligen Treiben unten ein stille» Leben. Oft gebot Fräulein Verend ihre schwankende Gesundheit, ruhig auf einem Sopha


