Uiilerhaltungsblatt ?«m Gießener Anzeiger (General-Anzeiger).
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Trug-Glück.
Roman von Thekla Hempel.
(Fortsetzung.)
„Villa Glück." Allein das Glück scheint erloschen, wenn sein Glanz so geschwunden ist, als der der Buchstaben, er ist mir keine gute Vorbedeutung," flüsterte sie leise für sich, indem sie die Aufschrift des Hause» la», öffnete entschloffen die Thür und trat ein, um durch den Garten in die Villa zu gelangen.
An dem Eingang derselben stand ein junges Mädchen, anscheinend eine Dienerin, welche sie mit neugierigen Blicken musterte, um dann einige Worte an eine Person in der grün umwachsenen Veranda an der einen Seite de» .Hauses zu richten. Eine auffallend hübsche Dame, vielleicht am Ende der zwanziger Jahre stehend, im eleganten, hellen Sommerkleid von lustigem Stoff, reich mit gelblichen Spitzen besetzt, im goldblonden Haar eine dunkle Rose, trat Elisabeth entgegen.
„Sie find Fräulein Kronau?" frug ste und fuhr auf Elisabeths Zustimmung nicht ohne Verlegenheit fort: „Verzeihen Sie, daß ich Sie nicht mit unserem Wagen von der Bahn abholen ließ, mein Mann trug es mir dringend auf, ehe er heute Morgen in die Stadt in sein Geschäft ging; er war gewiß nicht böser Wille, allein eine Einladung — Sie sehen, ich war in Toilettenstudien vertieft, — zerstreute mich."
Bei den letzten Worten zeigte sie nach dem Innern der Veranda, wo ein großer Tisch völlig bedeckt war mit Modenzeitungen, Stoffproben, Besatz und Spitzen.
„Es thut mir sehr leid, Sie nicht mit dem Wagen abgeholt zu haben, noch dazu bei dem heißen Wetter. Meine Jungfer mag Ihnen Ihr Zimmer zeigen. Erholen Sie sich dort. Um drei Uhr bitte ich Sie zum Essen herunterzukommen, dann habe ich meine» Gatten Vorwürfe weg."
Sie winkte dem Mädchen, beauftragte e», die junge Dame zu begleiten und zog sich nach freundlichem: „Auf Wiedersehen!" zu ihrer wichtigen Angelegenheit zurück.
Elisabeth folgte dem Mädchen, ihr schwirrte e» im Kopfe, von Allem, war die redselige Dame ihr gesagt, ohne auch
nur mit einem Worte ihre Pflichten, die Leidende, welcher sie Gesellschaft leisten sollte, erwähnt zu haben. Da» Mädchen schien sehr geneigt, eine Unterhaltung anzuknüpfen, fand aber bei der neuen Hausbewohnerin dazu so wenig Bereitwilligkeit, daß sie nur eine Erfrischung servirte und als weitere Dienste abgelehnt wurden, das Zimmer verließ.
Das Elisabeth angewiesene Zimmer war ein, wenn auch einfach, so doch sehr behaglich eingerichteter Raum, Alle» sauber und nett, durch die geschloffenen Marquisen klang melodisch da» Rauschen der Bäume, feiner Blumenduft wehte herein. Elisabeth aß einige Bissen, trank einige Schlucke Wein und nahm zu kurzem Ausruhen Platz. Zum zweiten Male in der Fremde unter ganz anderen Verhältnissen, getrennt von allen ihren Lieben, war ste im Begriff, sehr ernste Pflichten zu übernehmen; ob ste ihnen gewachsen war, ob sie nicht mehr versprochen hatte, als ihr möglich war, zu leisten? Was fehlte der Dame? Warum ward sie nicht vor allen Dingen dieser, ihrer wirklichen Gebieterin, vorgestsllt? Die Herrin des Hause» gefiel ihr mit all' ihrer Lebhaftigkeit, fie schien harmlos und voll Herzensgüte und es war leicht, ihr ihre Rückstchtslosig- feit zu verzeihen.
Sie hörte Schritte auf dem Vorsaal; berief man ste vielleicht zu der Leidenden oder kam diese selbst, fie zu begrüßen? Richt» von alledem, es ward schnell wieder still. Elisabeth packte ihre Koffer au», machte Toilette und harrte de» Rufe» zum Diner. Punkt drei Uhr bat fie der Diener, nach dem Speisesaal zu kommen.
Der Saal lag im Erdgeschoß, auch hier herrschte Gediegenheit in der Ausstattung, wie auf der reich mit S ilber und Porzellan besetzten, mit Blumen geschmückten Tafel. Der Hausherr, ein stattlicher, blühender Mann, begrüßte Elisabeth mit feiner Höflichkeit. Entgegengesetzt von seiner Gemahlin sprach er zuerst von dem, was man von ihr beanspruchte, sobald man Platz genommen.
„Unsere Tante, die Schwester meine» verstorbenen Vater», ist viel leidend, seit in der schönsten Jugend ein herbe» Schicksal ste alle» Glücke» beraubte," sagte er. „Gerade jetzt durchlebt sie traurige Erinnerungstage, fie hat sich vollständig zurückgezogen und wünscht Niemand als eine alte, treue Dienerin um sich zu haben; meine Frau bittet Sie daher, ihr


