Ausgabe 
24.8.1895
 
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1895

HnlrrhaUmgsblaN junt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger).

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Marie-Elschen.

Novelle von H. Förster.

(Schluß.)

Weihnachten kam. Ich hatte schon lange gespart und fimuliert.

Wie verrückt aber die Liebe solch' einen dummen Quar» tanerkopf machen kann, das glaubt man nicht, wenn man e» nicht selbst erlebt. Endlich war ich mit mir einig geworden über das Geschenk, welches ich würdig erachtet, Dir zu geben. Es war etwas ganz Neues, etwas, das in jenem Winter zuerst in den Conditorläden Cassels austauchte: ein hübsches Hüttchen von Pappe, über der Thür die sinnige Ueberschrift:Raum ist in der kleinsten Hütte für ein glücklich liebend Paar," und innen drinnen zwei dicke, marzipanerne Glücksschweinchen I Aber mir leuchtete ein guter Stern. Denn als ich im Laden stand, bereit, meine drei Mark zu opfern da war das sinnvolle Geschenk nicht mehr zu haben; schnell entschlossen kaufte ich an seiner Stelle einen hübschen, silberverzierten Marzipankuchen und ich glaube, das war bei weitem besser! Noch opferte ich fünfzig Pfennige, Euren langbärtigen Portier für die Uebermittlung meiner Weihnachts­gabe zu gewinnen und wahrhaftig, sie ist am heiligen Abend richtig in Deine Hände gekommen, und Du hast Dich unbändig darüber gefreut. Das hast Du mir nicht allein gesagt, sondern auch Deine Mutter, die mir wenige Tage später auf der Straße begegnete und vor der ich, als ich sie sah, im ersten Schreck in die Erde hätte sinken mögen, denn mich hatte doch eigentlich die Liebe kühner noch gemacht, denn Thispe von der Ovidius Naso also singt. Wie ich später erfuhr, hat man denn auch über uns und unser seliges Glück viel gelacht und gewitzelt und gespöttelt . . . doch das ist so Mütterart! Mich hat es nicht gestört, und Du kannst es glauben, Marie-Elschen, so ein Quartaner hat wirklich Muth, wenn er liebt!

Kaum hatte im neuen Jahr die Schule wieder begonnen, sollte ich es auch durch ein sichtbares Zeichen Deiner Liebe erfahren, ,wie sehr dieselbe durch die Aufmerksamkeit der meinen entflammt war. Abgesehen von den Heimwegen aus der Schule, war es besonders Nachmittags vor derselben,

daß ich Dich am Fenster im Hau« der Wolfsschlucht suchte und fast immer fand. Früh Morgens, wenn mich die Pflicht vorbeiführte, pflegte man dort wohl noch zu ruhen.

Eines Morgens nun aber, während ich wieder den ge­wohnten Weg pilgere, mir es recht eisig kalt um die Ohren pfeift, und ich mir in Gedanken noch einmal die unleidlichen, unregelmäßigen Vokabeln der 4. Conjugation aus dem Ostermann" überhöre, dabei doch nicht verfehle, als ich am bewußten Haus bin, sehnsüchtig die vorhangverhängten Fenster zu mustern da, Du meiner Treu, anfangs glaubte ich es kaum, da bewegt sich plötzlich an einem dieser Fenster der Vorhang, und wahrhaftig, rosig, lachend, strahlend, wie ein eben erwachter Frühlingsengel stehst Du da, Marie Elschen im weißen, spitzenbesetzten, schimmernden Kleidchen und grüßest und nickst . . . Und von dem Tage an war es jeden Morgen so. An jenem aber hatte ich alle un­regelmäßigen Verba, als wären sie mir aus dem Gedächtniß fortgeblasen, vergessen und ich kam statt um 12 Uhr erst eine halbe Stunde später aus der Schule.

O, Marie Elschen, ich möchte mich noch einmal so freuen, wie ich mich damals allmorgendlich gefreut, wenn ich Dich sah! Nie bist Du mir reizender und entzückender erschienen, al» in dieser Morgenfrühe, wo noch Niemandem sonst Deine Augen gelacht und wo Du noch im einfachen Kleidchen wärest, dem schönsten Kleid, das ich je Dich tragen gesehen, schöner auch, als jenes weiße Spitzenkleid mit den blauen Atlas- schleifen, in dem Dich Alle so bewunderten. Weißt Du noch? Es war im Sommer desselben Jahres. Mit ein paar Kameraden hatte ich die für unsere Jugend ganz respectable Fußtour von Cassel bis Münden gemacht, wo wir eine» Nachmittags die Eltern einiger von uns trafen, die mit der Bahn gefahren waren. Mit ihnen waren die Deinen ge­kommen - und auch Du, Marie Elschen! Nie hat es mir besser in dem hübschen Stäbchen gefallen, wo Fulda und Werra den Schwesterbund schließen, woAndreesberg" die liebliche Aussicht ins Weserthal bietet undTillys Schanze" trägt grausiger Zeiten liebliche Erinnerung. Einen ganzen langen Nachmittag waren wir da zusammen, und als wir aufTivoli" zu Nacht aßen, saßest Du neben mir, und als wir spät Abend» heimfuhren, im Eisenbahncoupe wiederum, und al» dann ein Gewitter den Zug umtoste, und Du so