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Hagenau, kaum sieben Wegstunden von hier entfernt, ist, begleiten 1"
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»Der Ritt würde Ihnen wohlthun, lieber Goethe," redete Salzmann zu, „Sie sehen in der That recht angegriffen null
»Welch' Wunder auch," machte sich hier ein niedliches Kerlchen im Schnürrock, der Livländer Lenz, bemerklich, „weich' Wunder bei der Lebensart! Den Nachmittag geht'« vom Fechtboden zur Tanzstunde, von dort in die Kneipe, wo man bis früh zecht, um später den Tag zur Nacht zu machen. Darauf kommt der Repetent, man geht in's Colleg und — die Herren beginnen denselben Rundtanz!"
„So schlimm ist er aber doch nicht!" rief hier Goethe aus. „Ich begreife nicht, Herr Lenz, welche Gründe Sie haben können, stets Alles von der schlimmsten Seite darzustellen.
Eines schickt sich nicht für Alle!
Jeder sehe, wie er's treibe; Jeder suche, wo er bleibe, Und wer steht, daß er nicht falle!"
Lenz schwieg ganz betroffen still, aber Leopold Wagner, gemeinhin da« „Kraftgenie" genannt, ein anderer Freund Goethes, meinte: „Tanzen und Fechten gehört zum guten Ton, Herr Lenz; beim Humpen kommen oft die besten Gedanken und schließlich hat der Tag doch nur vierundzwanzig Stunden I Könnt Ihr Herren aber auch retten, daß Euch die liebe Gassenjugend nicht als lateinischen Sonntagsreitern nach- jubelt?"
Goethe lachte herzlich. „Ich dächte wohl! Aber ich danke Ihnen, liebe Freunde, für Ihre herzliche Theilnahme I Geseg- nete Mahlzeit!" ö
Die Tischgesellschaft erhob sich und stob auseinander.
Der Actuar vom Pupillencollegium aber nahm vertrau« lich Goethes Arm unter den seinigen und zog ihn mit sich auf die Straße.
„Wird auch fleißig studirt?" fragte er väterlich.
Goethe lachte. „So leidlich, mein Sokrates, dank dem mir bestellten Repetenten!"
„Ich gönne der Jugend jede Erholung," fuhr Jener fort, „aber die Arbeit ist der Zweck des Lebens, die Pforte zur Glückseligkeit!"
„Gewiß!" versicherte Goethe. „Ich höre heute Nachmittag sogar noch ein Klinicum des jüngeren Ehrmann, obwohl mir diese anthropologischen Sachen fern liegen; aber sie interessiren mich!"
„Recht so!" nickte Salzmann. „Wie fanden Sie Herder heute?"
Goethe blieb stehen- „Professor Lobstein macht eine Meistercur an ihm; der Patient ist in der besten Stimmung! Ein vortrefflicher Mensch, der mich trotz alles Tadelns und | Scheltens doch herzlich liebt!"
„Ich sehe Sie gern in seiner Gesellschaft!"
„Und mit Recht! Sie sollen einmal Ihr blaue» Wunder I haben, mein lieber Secretär, welche Fortschritte ich im Eng» j ltschen gemacht! Ich werde Ihnen da» in unserer neuerlich l gestifteten gelehrten Uebungigesellschaft an einem Vortrage über I den genialen englischen Dichter William Shakespeare be- I weisen!"
Salzmänn drückte seinem Lieblinge die Hand und sagte z abschiednehmend: „Dort am Münster stehen die Freunde | wartend und ich muß in's Amt- Leben Sie wohl und stärken s Sie Ihren immerhin noch von der letzten Krankheit schwachen | Körper! Gott befohlen!"
Zwei Stunden später sehen wir Goethe und Weyland I mit einem Pferdeverleiher am Zwinger in Unterhandlung, wo sie Rosse entlehnen und besteigen, worauf sie den Weg über die Zeil nehmen und durch dar Brückenthor aus der Stadt eilen. Goethe saß vorzüglich zu Pferde und sah wie ein junger Liebesgott au», Weyland bildete dazu ein vortreffliches Pendant.
Bald ließen die beiden Reiter die ansehnliche Stadt mit Thürmen und Thürmchen, überragt von dem schönen Münster, hinter sich und hielten auf der Höhe, von wo sie theils auf ;
das schöne Panorama der Stdat, theils in herrliche, herbstlichsonnige Landschaften hinabblickten, in denen reichgeschmückte, üppige Ebenen mit schattigen Thalgründen, durcheilt von glitzernden Bächen und besetzt mit freundlichen Dörfern, au« Nußbäumen und Nutzholz versteckt hervorlugend, abwechselten. Eine gute, baumbesetzte Landstraße führte nordwärts; e» war die Straße nach Hagenau. Den Rettern begegneten freundliche Landleute, die Frauen in kurzen bunten Röcken, in Mützen und Hauben mit großen Schleifen, die Männer in den wetten tuchenen Halbacker gekleidet; dort stießen sie auf landesübliches Fuhrwerk, artig begrüßt von den Führern; jetzt ritten sie durch Nußbaumalleen dahin, bald war der Weg von echten Kastanien und Obstbäumen bestanden; hier lagen große, saubere Dörfer, dort westlich erhob sich die dunkle Vogesenwand, deren zackige Formationen verschiedentlich alte Ruinen trugen; ostwärts sieht man den Rhein, Rebenhügel und waldreiche Landstrecken.
„Welch' herrliches Land!" rief Weyland bei diesem Anblick. „Ist es nicht ein Jammer, daß es Deutschland ent- riffen ist?"
Goethe nickte zustimmend und fügte dann bei: „Du hast Recht, Bruderherz; hundert Jahre fast gibt sich Frankreich bereits die erdenklichste Mühe, diesen Garten Europas zu französiziren, aber ohne Erfolg! Wahrlich, wenn drüben über'm Rhein mehr Einigkeit wäre, was könnte Deutschland sein! Aber ich habe kein Vertrauen zu dieser Zerrissenheit, die nicht viel mehr als einen geographischen Begriff auamacht! Vielleicht blüht unsere Hoffnung in späterer Zett einmal zur Wirklichkeit auf!"
So ritten sie im Trab gut drei Stunden lang ihren Weg, bis Weyland plötzlich nach Westen zeigte und bemerkte: „Siehe, das ist Drusenheim; nun haben wir nicht mehr weit nach Sesenheim, welches sich aus der nächsten Höhe unseren Blicken zeigen muß! Glaubst Du auch, daß der Name von dem tapferen Drusus herstammt?"
Goethe blickte sich leuchtenden Auges um. „Ja," sagte er warm, „hier ist'» fchön! Was nun Drusus betrifft, warum sollte er nicht Veranlassung zu dem Namen gegeben haben, da die Römer ja seit des Artooist Zetten im Besitz de» Rheines waren? Warum soll der bis zur Albis Vorgedrungene hier nicht geruht haben, so daß seine Legionen die Lagerstätte Drusenheim nannten?"
Weyland nickte und sagte: „Hab' mir's so ähnlich gedacht: — Aber nun muß ich Dir auch die Familie des Oheim» Johann Jacob Brion etwas beschreiben, damit Du nicht völlig unbekannt mit ihr dort eintrittst!"
„Laß hören!"
Sie gaben dabei den Pferden die Sporen und trabten weiter.
„Da ist zuerst das Haupt der Familie, der Pfarrherr, ein kleiner, gemüthlicher Herr mit der Seelengüte eines echten Landprediger», dessen gutmüthige Augen jeden Fremden willkommen heißen und jeden Gast ermuthigen, ihn um die erste beste Gefälligkeit zu bitten!"
„Hm!"
„Da ist ferner die Frau Pfarrer, Maria Magdalena, geborene Schöll! Sie ist aber keineswegs eine Magdalena- Natur, sondern eine sehr resolute Frau, größer als der Oheim und von hervorragender Schönheit!"
„Wohl gesagt!"
„Da sind ferner zwei erwachsene Töchter, die blondlockige, blauäugige Friederica, eine Verkörperung der Anmuth und Herzlichkeit, und die dunkeläugige, derbere Salomea, die der Mutter ähnelt! Ein jüngerer Bruder heißt Georg und die kleine Sophie, ein prächtiges Kind, beschließt den Reigen I Da hast Du die ganze Familie!"
Goethe lachte und bemerkte: „Deine Schilderung erinnert ja an den Landprediger von Wackefield, den ich gerade lese!"
„Ah, mit Herder?" „Jawohl!"
Weyland trieb da» Pferd an und Goethe folgte.


