„Von Herzen gern," erwiderte Goethe, ebenfalls die Hand ausstreckend, „ich werde diesen Tag als einen glücklichen preisen I"
Der Kranke nahm nun wieder auf dem Kanapee Platz und sagte: „Womit beschästigen Sie sich jetzt außer Ihren Studien?"
Wolfgang Goethe schaute sinnend auf das Muster der Decke des Tischchens vor sich und gab zurück: „Daß das trockene Rechtsstudium nicht ganz meine Seele füllt, haben Sie sehr richtig bemerkt. Ich fühle mich ost so unbefriedigt, das Herz so leer! Zwei Naturen ringen kämpfend in mir: ich möchte nach den Sternen greifen und hänge doch voll Lust an dieser schönen Erde, die ich fast noch nie so reizend sah, als hier an der Vogesenwand!"
„Sie sind eine Prometheusnatur, Goethe," lächelte auf diese Erklärung Herder, „aus manchen Ihrer hingeworfenen Bemerkungen schließe ich, daß Sie einst, wenn Sie sich selbst erkannt haben werden, Beruf fühlen dürfen, um die schönsten Kränze des Ruhmes zu ringen!"
Jetzt huschte auch ein Lächeln über Goethes schönes Gesicht, als er meinte: „Vorläufig ringe ich nach Ihrer Freundschaft!"
Herder nickte: „Die ich Ihnen anfänglich nur vorenthielt, weil ich glaubte, daß Sie als verwöhnter Sohn reicher Eltern nur spechtartig bei Wissenschaften und Musen anklopfen würden; ich habe mich gründlich geirrt! Also jetzt zu Ihren Sonderstudien, lieber Freund!"
Goethe blickte auf.
„Ein guter Keim, glaube ich, ist mütterlicherseits in mir gepflanzt," lautete seine Antwort. „Verwöhnt bin ich dank des Vaters Sorge nicht; ich werde mich auch bemühen, nicht wir ein Specht überall nur anzuklopfen, sondern streben, am Born der Wahrheit zu trinken! Vor Allem zieht mich die Poesie mächtig an, obwohl ich bisher kaum etwas Nennens- werthes geschaffen."
Herder meinte befriedigt: „Ich dachte es mir! Aber behalten Sie stets die volksthümliche Dichtung im Auge, wenn Sie Erfolg haben wollen! Es dichtet nämlich das ganze Volk an seinen Liedern; Dichtkunst ist nicht die Gabe eines Einzelnen, sondern Vieler. Treffen Sie diesen Ton der Gesammt- heit, so sind Sie einst der Mann des Tages!"
„Sie haben Recht!" gab Goethe sinnend zu. „Auf der anderen Seite schwärme ich für das Ritterthum; ich mache Studien zu einem Drama, dessen Mittelpunkt und Held der sehr ehrenwerthe Ritter Götz von Berlichingen mit der eisernen Hand werden soll!"
„Da haben wir'»!" lachte Herder. „Aber das Ziel fest in'r Auge gefaßt, Freund, und nicht auf halbem Wege ermatten! Was dar Drama nun angeht, so rathe ich Ihnen, sich in die Werke des großen Herzenskündigerr Wilhelm Shakespeare zu vertiefen! Niemand hat die menschliche Natur in ihrer höchsten Seelengröße und ganzen Abscheulichkeit so lebenswahr wie er geschildert! Dort liegt sein Julius Cäsar vor Ihnen!"
Wolfgang Goethe nahm das Buch vom Tische und darin hin und her blätternd, that er dar: „Shakespeares Sprache ist mir am ungelenksten! — Es gibt auch eine Sympathie, dünkt mich, in der Wahl des Sprachstudium»! Die Grieche« reden stets, sei es, daß sie uns ihre Helden kindlich fromm im Umgänge mit den Göttern schildern, sei es, daß sie uns in die Tiefe philosophischer Speculation führen, die Sprache der Anmuth! Ihre schmelzenden Laute haben mich deshalb stets angezogen! Die lateinische Sprache hat mich schon nicht mehr so entzückt. Ich bewundere sie, aber ich höre im Geiste dabei schon die Axtschläge der germanischen Kraft an dem römischen Thron! — Was soll ich sagen von der Sprache der Höfe und Höflinge, der französischen, die ich schon als Kind wie ein nothwendiges Nebel erlernen mußte? Man redet sie dort, wo es gilt, seine Gedanken zu verbergen! — Da lobe ich mir doch die Sprache unserer Helden, die deutsche Muttersprache! Wenn ich einen Wunsch hätte, so wäre es der, sie einst vollkommen schreiben zu können!"
Herder nickte beifällig.
„Das nenne ich gut gesprochen l Ich lasse es gelten, daß Sie unserer Muttersprache den Vorzug geben, aber das Englische empfehle ich Ihnen doch! Es ist nicht nur die Sprache Shakespeares, sondern auch diejenige der freiesten Volkes der Erde!"
Goethe entgegnete: „Nun gut, Ihnen zu lieb will ich sie erlernen, wenn Sie mich dabei unterstützen wollen; meine Vorkenntnifle sind geringe!"
Herder bejahte und setzte hinzu: „Dort liegt Goldsmithr kleine englische Erzählung „Vicar of Wakefield"; versuchen wir es damit!"
Die vorgenommene Probe ergab, daß der Schüler der Lehrers würdig war, denn Goethe förderte eine so gute deutsche Uebersetzung zu Tage, daß Herder verwundert horchte.
Beim Klange der Münsterglocken schlug aber Goethe da» Buch zu und sagte: „Ich muß jetzt zu Tische zu den Jungfern Lauth! Sie speisen wohl zu Hause? Prosit die Mahlzeit!"
Er griff zum Hute, drückte Herder die Hand und lächelte: „Hoffen wir, daß wir bei Ihrer baldigen Genesung einen Kapaun speisen können, war viel besser ist, al» einen Hahn dem Aeskulap zu opfern! Leben Sie wohl bi» morgen! Ade!" Und schnell war er hinaus.
Herder aber murmelte: „Es freut mich, daß dieser Mensch mit dem tiefen Blick meine Erwartungen nicht getäuscht hat! Dieser spatzenhafte Monsieur besitzt Kopf und Herz! Er ist mir lieb geworden! Es lebe die Freundschaft!"
Und er ließ die Magd ein, die den Tisch bestellen wollte.
II.
Ein Ritt durch den Herbst.
Sei mir gegrüßt, mein Elsaß, du lieblichstes Fleckchen der Erde;
Jubelnd begrüße ich euch, Berge und liebliches Thal!
Der Herbst von 1770 hatte Einkehr gehalten, aber so milde, wie lange Jahre hindurch nicht. Die Ferien der Uni» versität hatten begonnen und die Tischgesellschaft der Jungfern Lauth war daher sehr zusammengeschmolzen. Nur die Naivetät jener Zeit konnte solche engen, mit so wenig Comfort aus- gestatteten Räume passabel genug finden, eine zahlreiche Gesell- schäft junger studirender, hervorragender Herren zu fesseln.
Den Vorsitz nahm ein nahezu vierzig Jahre alter Junggeselle ein, dessen zugeknöpfte Kleidung sofort den Bureaumenschen, dessen helles Auge und regelmäßige Gesichtsbildung aber viel Geist verrieth. Das war „Papa Salzmann", ein sehr wohlmeinender und edler, wenn auch etwas sürsichtiger und pedantischer Herr. Ihm nahe saß Goethe, auf dessen alcibiadischer Schönheit seine Blicke oft sinnend ruhten, denn Jener war sein erklärter Liebling.
„Wir schmilzen ja zusammen wie die letzten der Spartaner vor der Speerwolke der Perser!" lächelte Goethe und lehnte sich gegen die steife Lehne seines Stuhles zurück.
„Jungfer Barbare Lauth in der Küche wird froh sein, wenn auch der Letzte unseres Stammes dahin ist! Schon sinkt die sonst so opulente Mahlzeit auf eine sehr wenig nährende Stachelbeerwein-Suppe, eine sehr zweifelhafte Art von Forellen und ein Härchen herab, welche» wahrscheinlich niemals von dem dabei folgenden Rothkohl gespeist hat und^gewiß mit mehr Recht, würdig des rothen Tischweine«, in die Gattung der Katzen gezählt werden dürfte, so viel die servirende Jungfer Doris das Alles auch als olympische Gaben anpretst!"
Der Jurist Engelbach meinte, als das Gelächter ringsum verstummt war, mit Vorsicht: „Daß es nur die Schwestern nicht hören, die leicht zankenden, welche zusammen nur einen Zahn, aber zwei Zungen wie zweischneidige Schwerter und zwanzig scharfe Nägel besitzen!"
„Nicht ausarten!" warf Salzmann ein, obwohl er selbst herzlich lachte.
Hier ergriff Weyland, Goethes intimer Freund, da» Wort: „So ist es und so schlage ich Dir, lieber Wolfgang, vor, mich auf einem Ritt zu meinem Oheim, welcher Pfarrer s zu Sesenheim, einem Dörfchen zwischen Bischweiler und


