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„Ich scherze nicht," erwiderte er fest. „Mein Leben ist zu einsam und traurig für mich gewesen, als daß ich mir noch einen Funken Heiterkeit bewahrt haben könnte. Ich spreche im Ernst. Wähle, was Dir das Liebste tfll"
„Aber, Onkel, ich kann nicht begreifen, wie Du, selbst wenn ich einwillige, so etwas durchführen könntest. Hier ist es zu einsam und Du würdest doch sicherlich meiner Hochzeit wegen nicht nach London gehen wollen . .
„Du hast nichts weiter zu thun," unterbrach sie der Graf, „als zwischen einer Heirath und dem Kloster zu wählen, wenn Du mir über Dich selbst keine vernünftigere Erklärung geben kannst, als bisher. Wenn Du Dich einige Stunden bedenken willst, so habe ich nichts dagegen," setzte er mit strengem Blick hinzu.
„Aber, Onkel, weißt Du denn, wer er ist?' rief Netta. „Weißt Du denn sogar, daß er eine paffende Partie für Deine Nichte ist?"
„Wenn er gut zum Liebhaber ist, dann ist er auch gut zum Heirathen nach dem Urtheil jeder ehrbaren Frau und jedes ehrenwerthen Mannes," antwortete der Graf in barschem Ton. „Du wirst sehen, daß ich nicht mit mir scherzen lasse. Wünschest Du Bedenkzeit oder willst Du Dich gleich entscheiden?"
Netta überlegte einige Zeit.
„Onkel, ich bin bereit, Dir zu gehorchen," sagte sie zögernd. „Ich hatte mir wirklich nichts Unrechtes dabei gedacht. Rur möchte ich wissen, ob er nicht meinen Namen annehmen und Dein Erbe werden kann, Onkel, da Du ja keine Kinder hast?" Der Graf lachte spöttisch.
»Zügle Deine Zunge, wenn Du Dir nicht jedes Interesse verscherzen willst, das ich an dem Kinde meines Bruders nehme. Also Du willigst in die Heirath?"
Netta nickte stumm mit dem Kopfe-
,,®ut!" sagte er. „Hoffentlich wirst Du in Kurzem sehen, daß Du klug gehandelt hast. Nun bleibt mir nur noch übrig, mich von den Gefühlen und ehrbaren Gesinnungen des jungen Mannes zu überzeugen, um alsdann die nöthigen Vorbereitungen zu treffen."
Der Graf wurde durch ein Klopfen an der Thür unterbrochen.
Auf den Ruf: „Herein!" öffnete sie sich rasch und Lady Marian Biddulph erschien auf der Schwelle.
„Ich müßte eigentlich wegen meines unangemeldeten Ein- dringe; s um Entschuldigung bitten, doch, Mylord, Sie ließen mich rufen," sagte sie, indem sie sich halb wieder zurückzog. ,,Jch fürchtete, Sie wären krank," setzte sie zu Netta gewendet hinzu.
„Nicht körperlich, ■ Lady Marian," bemerkte der Graf spöttisch, „doch ist Ihre freundliche Gegenwart deshalb viel» iE nicht minder nöthig. - Netta, ich rathe Dir, Lady Marian zu vertrauen. Ich verlaffe Dich, damit Du ihr erzählen kannst, was geschehen ist. Lady Marian, Sie werden diesem unglücklichen Mädchen ihrer Jugend und ihrer elternlosen Lage halber verzeihen," setzte er mit ehrerbietigem Gruße hmzu, als er das Zimmer verließ.
Und im nächsten Augenblick waren die beiden Mädchen allein und sahen einander verwundert an-
„Ich verstehe nicht, was Ihr Onkel meint . . . Sie klären faate Lady Marian, indem sie sich mit ruhiger Entschlossenheit niedersetzts.
?estcht bedeckte sich mit einer tiefen Röthe; sie ^cüte Se^ämßnbeö in bem Geständniß lag, das r. ' Nun, es ist sonderbar ... es kommt so plötzlich," sagte und "Dnt.< $reoine duscht mich zu verheirathen und . . . so h j'U roeTjr WeLady Marian hastig. „Sie sind noch so lung . . so sehr jung und ich wüßte nicht, wer . . ." werden es auch nicht rathsn können, wen ich hei- rachen soll, unterbrach sie Netta, „aber wenn Sie ihn auch nicht kennen, muß ich doch sagen, daß er sehr hübsch ist und
! ich .... ich kann wohl sagen, daß ich ihn im Grunde sehr gern habe."
„Aber wen... . wen wollen Sie heirathen?" drängte Lady Marian.
„Einen gewissen Herrn Falkner, den ich bereits in England kennen lernte," erwiderte das Mädchen.
„Herrn Falkner?" wiederholte Lady Marian erstaunt. „Herrn Falkner?"
„Ich kann wirklich nicht einsehen, war es so Erstaunliches dabei gibt," versetzte Netta, deren Muth bei der offenbaren Verlegenheit ihrer Freundin stieg. „Ich bin doch wohl nicht so häßlich, daß sich ein Mann nicht in mich verlieben sollte, und da der Onkel es wünscht, wüßte ich nicht, warum ich dagegen sein sollte. Sie sollen meine Brautjungfer sein und mir rathen, was ich tragen soll. Jedenfalls kann der Onkel doch nichts gegen ein schönes Brautkleid einzuwenden haben."
„Ich kann es Ihnen unter den obwaltenden Umständen nicht abschlagen," entgegnete Lady Marian in kaltem Ton, vergebens bemüht, den Aerger und das Gefühl der Einsamkeit, das ihre Seele bewegte, zu verbergen, „aber ich laffe meinen Vater jetzt so selten allein und seine Gesundheit ist so schwankend, daß ich das Versprechen nur bedingungsweise geben kann. Und nun ich gehört habe, weshalb ich gebeten wurde, herzukommen, muß ich Sie verlaffe», Netta. Sie lassen es mich jedenfalls wissen, wenn der Hochzeitstag bestimmt ist. Adieu!"
Und ohne eine weitere Antwort abzuwarten, rauschte sie stolz aus dem Zimmer.
Netta sah ihr etwas überrascht nach.
„Wie sonderbar!" sagte sie. „Aber vielleicht ist sie ärgerlich darüber, daß ich mich eher verheirathe, da ich doch bedeutend jünger bin als sie." (Fortsetzung folgt.)
Madame Sans (Seite.
Roman nach Bictorien Sardou und F. Morrra«.
Drutsch von »del« Btr|er.
(Fortsetzung.)
Marcel erklärte zuerst, daß die Sorten, der Revolution feindlich gesinnt, sich England übergeben wollten. Paoli, der Held der ersten Unabhängigkeitsjahre, hatte mit den Engländern unterhandelt und versuchte Bonaparte in seinen Abfall mit« hineinzuziehen. Die Unterstützung des Commandanten der Nationalgarde von Ajaccio war unbedingt nothwendig. Aber Bonaparte hatte sich mit Empörung geweigert, an dem Ver« rathe theilzunehmen. Dadurch gereizt hatte Paoli die Bevölkerung gegen ihn und die ©einigen aufgehetzt. Napoleon und seine Brüder Josef und Lucien waren genöthigt gewesen, in Verkleidung zu entfliehen.
Paoli wendete seine Wuth gegen die Mutter Bonapartes. Das Haus, in dem Lätitia Bonaparte mit ihren Töchtern Zuflucht gesucht hatte, wurde angegriffen, niederge- riffen und angezündet. Die muthige Frau mußte sich in der Nacht durch das Dickicht flüchten.
Es war eine schreckliche Flucht. Einige ergebene Freunde unter der Anführung eines energischen Winzers, Namens Bastelica, beschützten die Flüchtigen. Die Familie Bonapartes marschirte inmitten einer mit Karabinern bewaffneten Es- korde. Lätitia hielt die kleine Pauline, die künftige Generalin Leclerc, an der Hand; Elisa, das Fräulein von St. Cyr, die kaum aus dem Erziehungshause ausgetreten, nun in die Abenteuer einer Auswanderung durch die Berge gerieth, begleitete ihren Onkel, den Abbs Fesch, dessen Purpur noch sehr in der Ferne hing. Der junge Louis lief vor der Eolonne einher, sondirte das Dickicht und forderte beharrlich einen Karabiner. Der kleine Jerome wurde von Savaria, der ergebenen Dienerin, getragen.
Man vermied die Landstraßen und suchte die verstecktesten Fußwege auf. Es handelte sich darum, das Ufer zu gewinnen, ohne von den Paolisten bemerkt zu werden.
Die Sträucher und Wurzeln zerrissen beim Vor«


