Haltung und Miene drückten eint edle Entrüstung aus, als er entgegnete: „Wenn ich Ihnen mein Wort darauf gebe, so könnten alle Thüren offen und Ihre ganze Dienerschaft ab« wesend sein, ich würde doch bleiben. Graf Treville," sprach er in bittendem Ton weiter, «ich mag in einigen, vielleicht in vielen Dingen geirrt haben, doch würde ich lieber sterben, als daß ich mein Wort bräche oder mich durch feige Flucht der Gefahr entzöge."
Diese Worte besänftigten den Grafen einigermaßen.
„Vielleicht verdienen Sie ein solches Vertrauen," sagte er freundlicher, „aber in diesem Falle ist es doch wohl beffer, jeder Versuchung vorzubeugen, wo wichtigere Dinge, als Sie vielleicht ahnen, von dem Ausgange des Verhörs abhängen. Doch sollen Sie keine unnütze Härte erfahren Sie werden mehr meiner Lebensstellung als der Ihrigen angemeffen behandelt werden und wenn Sie Ihre Unschuld beweisen können, soll Ihnen volle Entschädigung für Ihre momentane Gefangenschaft zu Theil werden."
Rupert verneigte sich. Seine Neugier war vielleicht ebenso stark erregt, als er dankbar für die vermeintliche Barmherzigkeit war.
„So habe ich Ihr Wort, junger Mann?" fragte der Graf.
„Ja, Mylord ... für einige Zeit ... doch möchte ich wohl wissen, wie lange die fatale Gefangenschaft dauern soll?" entgegnete Rupert-
„Vielleicht eine Woche, vielleicht auch nicht so lange. Jetzt verlasse ich Sie, um Befehle wegen Ihres Hierbleibens zu geben. Inzwischen wird Miß Netta reichlich Gelegenheit haben, während Ihrer Gefangenschaft ein ihr passend erscheinendes Geständniß abzulegen. Ich habe soeben nach Jemand geschickt, der Helsen wird, sie zur Vernunft und Reue zu bringen."
LVI.
„Wo ist das Mädchen, das ich Eurer Obhut anvertraut habe? Wo ist Cora?" rief der alte Admiral Sir Fulke, indem er unangemeldet mit strenger Miene in das Zimmer trat, in welchem Frau Digby und Trissa in düsterem Schweigen beisammen saßen.
„Wirklich, Onkel, Du bist sehr ungerecht, wo es sich um das lästige Mädchen handelt. Ich wünschte, ich hätte sie nie gesehen und bin nur froh, daß sie uns von nun an kein Aergsrniß mehr bereiten kann. Lange wird es nicht mehr dauern, bis sie irgend eines groben Vergehens wegen hinter Schloß und Riegel sitzen wird. Es ist sehr gut, daß wir sie los sind. So viel mir scheint, hat sie wenigstens nicht gewagt, etwas von unseren Wertsachen mitzunehmen, doch kann ich es nicht mit Bestimmtheit sagen," erwiderte Frau Digby.
Sir Fulke hörte ihr mit bitterem, ungläubigem Lächeln zu.
„Wenn Ungerechtigkeit und Schlechtigkeit bei der Sache mit im Spiele ist, so gehen dieselben doch sicher nicht von Cora aus," sagte er. „Die Zeit wird noch kommen, wo Du staunen und Deine unbegreifliche Thorheit bitter bereuen wirst."
„Nie!" sagte die Lady in festem Tone und in fieberhafter Erregung über die strengen Worte ihres reichen Verwandten. „Allerdings, wenn ich mein eigenes und meines Kindes Interesse dabei zu Raths gezogen hätte, anstatt fest an Ehre und Princip zu halten, würde ich mich anders gezeigt haben, als ich empfand, würde ich dem unglücklichen Mädchen geschmeichelt und ihr Gelegenheit zu all' den schamlosen Liebeleien gegeben haben, die sie gern angezettelt hätte, ich würde zugegeben haben, daß mein Sohn ihr zum Opfer fiel und meine Tochter sich durch den Umgang mit ... mit .. . einer . . ."
„Einer Grafentochter und Erbin!" bemerkte der Admiral spöttisch, als seine Nichte stockte, um Athem zu holen-
Frau Digby rang nach Athem und Trissa lachte dazu spöttisch auf-
„Onkel, Du treibst Dein Spiel mit uns," brachte die Mutter endlich mühsam hervor. „So leichtgläubig sind wir doch nicht!" bemerkte die Lady.
„Aengstige Dich nicht- Die Thatsache unterliegt keinem Zweisel und wird sehr bald ganz erwiesen sein," antwortete
der Admiral. „Dank Deinen eifrigen Bemühungen ist Miß Cora bereits auf dem-Wege zu der Stelle, wo ihr Verwandter sie erwartet. Aber es bekümmert mich, daß Ihr, die ich wie meine Kinder liebte, Euch so unedel, grausam und ungerecht gegen eine verlassene Waise gezeigt habt."
„Lieber, guter Onkel," brach es heftig von Frau Digbys Lippen. „Du mußt doch selbst einsehen, in welch' seltsamer Lage wir uns befanden."
„Ich sehe, daß ich Dich vergebens um weibliche Theil- nähme und mütterliche Dankbarkeit bat," unterbrach sie Sir Fulke ernst. „Jetzt fürchte ich, ist es zu spät, den falschen Schritt, den Du gethan hast, wieder gut zu machen. Du hättest Dir die freundliche Zuneigung einer sehr vornehmen und reichen Erbin gesichert, sie durch die Bande der Dankbarkeit und kindlichen Liebe an Dich gefesselt; jetzt wirst Du nur als kalte, mißtrauische Richterin, als die verrätherische Hüterin eines unschuldigen Mädchens genannt werden- Nun, ich denke die Strafe ist hart genug."
♦ »
Eine ähnliche Scene voll Aerger und Reue in Bezug auf die unglückliche, unschuldige Cora spielte sich an einem andere» Orte ab.
Frau Falkner befand sich in banger Unschlüsstgkeit, ob sie einer gebieterischen Aufforderung des Grafen Treville, nach Cannes zu kommen, Folge leisten solle oder nicht. Denn diese Frau, die in die Geheimnisse des Grafen noch mehr eingeweiht war, als dieser selbst, schmiedete seltsame Pläne der Habgier und der Rache. Da es ihr ganz unmöglich schien, sich mit Cora auszusöhnen, wollte sie deren Anerkennung als Tochter des Grasen hintertreiben.
LVII.
„Du kannst wirklich keine Auskunft über diese auffällige Sache geben, Netta?" frug Graf Treville.
Die Angeredete hatte das Gesicht abgewendet, ihre Augen waren düster zu Boden gesenkt und sie beobachtete ein hartnäckiges Schweigen.
„Netta, darf ich um eine Antwort bitten? Ich verlasse Dich nicht, ohne vorher eine Erklärung bekommen zu haben," Hub ihr Onkel in strengem Ton wieder an.
Wieder entstand eine Pause, aber das Mädchen wußte recht gut, daß ihr Onkel nicht mit sich spaflen ließ und unter halb schmollendem, halb reuigem Schluchzen fing sie an, seine Fragen zu beantworten.
„Nun, Onkel, Du weißt ja ... es war so unrecht von Papa ... und als das Mädchen seinen Tod verschuldet hatte und Jeder doch ihre Partei zu nehmen schien und Keiner an mich dachte, da ... da ... da war dieser Herr der Einzige, der sich sreundlich zeigte und als er hierher kam, da war ich ... das heißt, er . . ."
Graf Treville hatte diesem stotternden Geständniß mit kalter Miene zugehört, jetzt aber riß ihm die Geduld.
„Sei so gut und gib mir eine vernünftige Antwort. Ich habe nicht nach den Gründen und Jntriguen gefragt, die Deine Bekanntschaft mit diesem Herrn veranlaßt haben, sondern ich frage nach den Gründen, die Dich verführt haben können, seine heimlichen Besuche in Deinem Zimmer zu gestatten und auch, ob Du im Geheimen mit ihm verlobt bist."
„Ich, Onkel? O nein, gewiß nicht!"
„Es sollte Deine größte Sorge sein, Deinen guten Namen und Deine weibliche Würde zu wahren. Ich werde darauf bestehen, daß Du die Vergangenheit auf irgend eine Weise wieder gut zu machen suchst, bevor ich das ehrlose Betragen, dessen Du Dich schuldig gemacht hast, vergessen kann."
„Ich verstehe Dich nicht, Onkel," stammelte sie.
„Entweder Du gibst mir eine befriedigende Erklärung oder erklärst Dich bereit, diesen jungen Mann zu heirathen oder ... ich stelle Dich sofort unter die strenge Aussicht eines englischen Klosters, bis Du das von Deinem irregeleiteten Vater in seinem Testament bezeichnete Alter erreicht hast."
Das Mädchen stieß einen seltsamen Schrei aus.
„Onkel, Du treibst einen schändlichen, grausamen Scherz mit mir!" sagte sie schluchzend.


