Ausgabe 
23.5.1895
 
Einzelbild herunterladen

244

und her. So sehr sie Luft hatte, auf das Schlachtfeld zu» rückzukehren, wagte sie sich nicht zu entfernen, aus Furcht, daß Lefebvre in ihrer Abwesenheit kommen könne. Er würde erschrecken und nicht rotff en, roo er sie suchen solle. Das Beste war, zu warten. Wenn das Schloß genommen war, würde er sicherlich mit seinen Kameraden durch die Rue Royal-Saint-Roche zurückkehren.

Die Straße war wieder ruhig und einsam geworden, die Nachbarn hatten sich eingeschloffen. Eben läutete es Mittag. Ganz in der Nähe ertönten einzelne Flinten» schüfse.

Durch die halbangelehnte Thür sah sie in der Ferne, nächst der Rue Saint-Hvnoro fliehende Schatten von Be­waffneten verfolgt. Das waren die letzten Vertheidtger des Schlaffes, die man durch die Straßen jagte.

Plötzlich, nach zwei ober drei ganz nahen Schüssen, hörte sie in dem Zugang, der zu der Hinterthüre ihres Ladens nach der Rue Samt-Honor« führte, etwas wie das Geräusch eiliger Schritte.

Sie fuhr zusammen.

Es ist, als käme Jemand," murmelte sie,ja, es geht Jemand ... wer kann das sein?"

Und tapfer lief sie zur Hinterthüre, entfernte die Quer- stange und öffnete. Ein Mann erschien, bleich, schwach, ganz mit Blut bedeckt, die Hand auf die Brust gepreßt. Er hielt sich mit Mühe auifrecht.

Dieser Verwundete trug einen weißen Anzug, mit kurzem Beinkleid und Seidenstrümpfen. Das war kein Patriot; wenn er gekämpft hatte, so war dies sicherlich in den Reihen der Feinde des Volkes geschehen.

Wer sind Sie? Was wollen Sie?" sprach Catherine mit fester Stimme.

Ein Besieater ich bin verwundet ich werde ver­folgt . . . nehmen Sie mich auf retten Sie mich, um Gotteswillen, Madamei Ich bin der Graf von Neipperg österreichischer Offizier . ."

Er konnte nicht weiter.

Ein rother Schaum erschien auf seinen Lippen, eine erschreckende Blässe überzog sein Gesicht. Im nächsten Moment schlug er auf der Schwelle nieder.

Als Catherine diesen eleganten jungen Mann, dessen Jabot und Weste von Blut roth waren, zu Boden fallen sah, stieß sie einen Schrei des Mitleids und Erschreckens aus.

Ach, der Arme!" rief sie.Wie haben Sie ihn zu» gerichtet! Aber es ist ein Aristokrat hat auf das Volk geschossen ist nicht einmal ein Franzose ein Oester­reicher, wie er sagt aber das ist egal, ein Mensch ist ein Mensch!" L .

Und von jenem Instinkt der Güte bewegt, der sich tm Herzen aller, selbst der energischesten Frauen findet in jeder Marketenderin steckt eine sanfte, barmherzige Schwester beugte sich Catherine herab, betastete die Brust des Ver­wundeten, schob sacht die blutgetränkten Kleider. zurück und suchte sich zu vergewissern, ob er tobt sei.

Er athmet noch," sagte sie freudig.Also noch zu retten!"

Eilig lief sie an den Kessel, füllte einen Napf mit frischem Wasser und, nachdem sie die Vorsicht aeübt hatte, die Thür -sorgfältig zu schließen, indem sie die Querstange wieder vor» legte, kehrte sie zu dem Verwundeten zurück.

Sie machte einen Verband, indem sie das erste, beste Wäschestück zerriß, das ihr in die Hände fiel, und in ihrer Eile bemerkte sie nicht, daß sie ein Männerhemd in Stücke zerissen hatte.

n3la, das habe ich schön gemacht," sagte sie vor sich hm. Das Hemd eines Kunden!"

(Fortsetzung folgt)

Literarisches

Georg Ebers, dem Meister des historischen Romans, ist das deutsche Lesepublikum von jeher unwandelbar treu geblieben wie keinem andern seiner Lieblingsschriftsteller. Sich mehr als drei Jahrzehnte hin­durch die Gunst der deutschen Leserwelt zu erhalten, ist nur wenigen auserwählten Schriftstellern vergönnt. Und wenn wir die unerschöpf­liche Frische des Dichters am deutlichsten daran erkennen, daß jedes neue Werk aus seiner Feder von den Freunden deutscher Dichtung als freudiges Ereigniß begrüßt wird, so spricht für den unvergänglichen Reiz und die unvergleichliche Schönheit seiner früheren Schriften der Um­stand, daß eine ununterbrochene Nachfrage immer wieder neue Auflagen nöthig macht. Um aber auch den weitesten Kreisen die Werke des all­beliebten Dichters bequem zugänglich zu machen, hat sich die Deutsche Verlags-Anstalt in Stuttgart der ebenso dankenswerthen wie ehrenvollen Aufgabe unterzogen, eine wohlfeile Gesammtausgabe der poetische» Schriften von Georg Ebers zu veranstalten. Die uns vorliegenden ersten 50 Lieferungen mthalten vollständig die Romane:Eine ägyptische Königstochter",Uarda",Homo sum,Die Frau Bürgermeisterin", Die Schwestern",Ein Wort",Serapis", die auch in 11 eleganten Leinwandbänden ü 3 M. 50 Pfg. bezogen werden können. Gegenwärtig wird eine neue Subscription auf die 105 Lieferungen ä 60 Pfg. um­fassende Gesammtausgabe der Ebers'schen Romane eröffnet, um den Bücherfreunden, die nicht gleich fünfzig Lieferungen abnehmen wollen, die Erwerbung der Gesammtwerke des Meisters möglichst zu erleichtern. Wir können unseren Lesern den Beitritt zu dieser Subscription auf's Wärmste empfehlen. *

Auf ein lange vernachlässigtes Gebiet, dem sich neuerdings die schöpferische Kraft unserer Künstler wieder zuzuwenden beginnt, lenkt Paul Dobert im jüngsten (17.) Heft der illustrirten Halbmonatsschrift Vom Mels »um Wett' (Union Deutsche Verlagsgesellschast in Stuttgart. Preis des Heftes 75 Pfennig) unsere Aufmerksamkeit durch einen interessanten Aufsatz, der den TitelEx Libris" führt. Ex Libris" nannten unsere Vorfahren jene Bücherzeichen, die im Mittelalter einst in hoher Blrllhe standen und neben einer für den Rang oder Stand des Besitzers characteristischen Zeichnung vielfach diese Auf­schrift tragen. Der hochentwickelte Sammlertrieb unserer Zeit hat diese Kunstrichtung wieder in die Mode gebracht und direct an Albrecht Dürer'sche Vorbilder lehnt sich der Maler Joseph Sattler an, der unter den Neueren als ein bahnbrechendes Talent bezeichnet werden darf. Von dem Reichthum der Motive, der Kraft und Feinheit der Ausführung geben uns die dem Aussatz beigefügten, zum Theil farbigen Bilder über­raschende Proben, die für die Reproductionstechnik dieser Zeitschrift wieder das glänzendste Zeugniß ablegen. Letzteres gilt auch für die übrige illustrative Ausstattung des an anregenden und actuellen Artikeln (erwähnt seienNew York" von P. Hann,TeslaD Licht der Zukunft" von A. v. Fetting,Staatsbankerotte" von Dr. I. Leuthold) überaus reichen Heftes, und insbesondere für die größeren Kunstblätter:König ist der Hirtenknabe" von H. Lindenschmit,Maria begegnet einem Hnten- knaben" von I. Scheurenberg undToilette" von G. Simoni. Dch dabei die Bellestristtk nicht zu kurz kommt, beweist der neueste Roman von Marie Bernhard:Forstmeister Reichardt", der sich als dritter im Bund den bereits früher besprochenen von F. o Zobeltitz und C. Busse zugesellt und die Vorzüge der mit Recht so beliebten Erzählerin zur schönsten Geltung bringt.

Bitte der kleinen Thiere an die Kinder.

Was bin ich doch ein armer Wicht, So schwach, gering und kleinl Gieb' acht, gieb' acht, zertritt mich nicht, Laß' mich des Daseins freu'n.

So herrlich ist der Sonne Pracht, Wie schön sind Feld und Wald! Wohin ich schau, das Leben lacht, Es freut sich Jung und Alt.

Auch Du, mein Kind, mögst freuen Dich, Noch lange, lange Zeit, Doch bitte, laß' auch leben mich Und thu' mir nichts zu leid!

Der liebe Gott im Himmel gab Das Leben mir wie Dir, Er sendet Strafe dem herab, Der fühllos würgt ein Thier.

Doch freundlich neigt er sich dem Kind, Das mild uns Kleinen schont, Die wir so schwach und hilflos sind, Gar reichlich er's ihm lohnt!

«rimrtten: «. Echehda. - Druck und «erlag der Brühl'sch« Univechtäts-Buch. und Steindruckerei (Pietsch & Schema) in Sieb«.