Ausgabe 
23.5.1895
 
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Stimme verdächtig monoton klang, merkte Lord Marston nichts von diesem Wechsel.

Er sah eine Anzahl Briefe durch.

Hal" rief er plötzlich.Das ist des Herzogs von Dunbar Handschrift! Er ist jedenfalls ärgerlich, daß wir seine« Brief unbeantwortet ließen, in welchem er seine Absicht, uns zu be­suchen, mittheilt. Ich kann auch nicht begreifen, Marian, warum Du es so lange verschobst."

Es war doch keine Eile nöthig, Papa, da der Herzog sich selbst anmeldete," erwiderte Lady Marian.Ich hielt es für unnütz, unsere Pläne seinetwegen zu ändern."

Lord Marston war mit dem Durchlesen de» Briefes be­schäftigt und auf seinem Gesichte zeigte sich ein sehr wohl­gefälliges Lächeln.

Meine liebe Marian, ich gratulire Dir," sagte er und warf sich dabei in die Brust wie ein Pfau.Ich muß ge­stehen, ich hätte trotz all' Deiner Ansprüche keine befriedigendere Aussicht auf Deine Zukunft erwarten können."

Lady Martan sah verlegen und überrascht auf. Sie war jedenfalls auf diese Mittheilung vorbereitet, wenn sie ihr auch für den Augenblick etwas plötzlich kam.

Du hast vielleicht Recht, Papa ... nur möchte ich wissen, was mich so nahe anzugehen scheint. Darf ich fragen, wo und wie Du meinst, daß ich mein Zelt in dieser trüben Welt aufschlagen soll?" fügte sie ernst hinzu.

Meine Liebe, ich weiß, daß Du ziemlich excentrisch bist," sagte der Lord,und in Anbetracht Deiner ungewöhnlichen Talente bist Du ja auch dazu berechtigt. Aber hier treibst Du es doch wohl etwas zu weit. Du kannst mich kaum miß­verstehen. Der Herzog von Dunbar bietet Dir in diesem Briefe förmlich seine Hand und Krone an und wartet nur auf ein Wort von uns, um herbeizueilen und seine Werbung in Person zu wiederholen."

Lady Marian wechselte bei dieser Ankündigung leicht die Farbe, aber ihre Stimme verrieth doch nicht die geringste Er­regung, als sie zur Antwort gab:Du meinst doch wohl damit, daß der Herzog mir die Krone anbietet, um sie dem hinzuzusügen, was ich seiner Voraussetzung nach einst zu er­warten habe? Ich sollte mich von diesem Antrag wohl sehr geschmeichelt fühlen, aber weiter hinaus, fürchte ich, reicht die Dankbarkeit nicht."

Marian, ich muß gestehen, ich bin ganz verwundert, ja entrüstet über Dich, meine Tochter, daß Du Deiner Stellung in einer so wichtigen Angelegenheit so wenig Gerechtigkeit widerfahren läßt."

Gerade das thue ich, Papa! Ich zweifle gar nicht daran, daß der Herzog die Erbin von Marston wirklich für eine sehr

paffende Gemahlin für sich hält. Aber angenommen, ich sei wieder Marian Biddulph, die Tochter einer Gentlemans von beschränktem Einkommen und hoher Geburt . . . glaubst Du, er würde die geringste Zuneigung für mich empsinden, auch wenn ich dieselbe in Person und Character wäre? Das ließe sich ja auf die Probe stellen, Papa!" setzte sie bedeutungsvoll hinzu.

Marian, dieser Scherz kommt sehr zu unrechter Zeit," entgegnete der Lord mit finster zusammengezogenen Brauen.

Ich spreche aufrichtig, Papa," versetzte sie.Noch vor wenigen Jahren war ich in der Stellung, von der ich spreche. Und ich denke manchmal, ob ich vielleicht nicht wieder hinab­geschleudert werde von der schwindelnden Höhe."

Unsinn," entgegnete der Graf ärgerlich.Wie kannst Du so thöricht sein! Wie in aller Welt solltest Du Deinen jetzigen, Dir gesetzmätzig zukommenden Titel verlieren?"

O, einfach durch das Wiederauftauchen irgend eines verirrten Biddulph älterer Linie, Papa," erwiderte sie leicht­hin.Sieh' nicht so böse drein! Ich fürchte nicht ernstlich eine solche Erscheinung, nur kann ich mich nicht ganz damit zufrieden geben, daß der Brüder Geburten, Heirathen und Tod vollständig erwiesen seien. Die alte Frau Aston be­hauptet, von Philipps Tod habe sie nie genügende Beweise erhalten." (Fortsetzung folgt.)

Madame Sans Gtzne.

Roman nach Victorien Sardou und F. Morreau. Deutsch von Adele Berger.

(Fortsetzung.)

Die Mehrzahl der Schweizer wurde in den Gemächern, in den Gärten niedergemetzelt, bis in die Champs-Elisöes ver­folgte man sie. Mehrere dankten ihr Leben der Großmuth der Sieger, die sich bemühten, sie gegen die Volkswuth zu schützen.

Der König war ermahnt worden, die Schweizer das Feuer einstellen zu laffen. Er ertheilte Herrn d'Hervilly den Befehl dazu, aber dieser Anführer, der Ritter vom Dolche, behielt sich vor, ihn den Umständen gemäß zu benützen. Er theilte damals den Glauben der Königin, daß die Ver- theidiger des Schlosses die Oberhand behalten und da» Feuer der Schweizer mit dem, was er die Canaille nannte, ferttig werden würde. Als er seinen Jrrthum erkannte, war es zu spät. Das Schloß befand sich in der Gewalt des Volkes, und der König, ein Gefangener im Schoß der Nationalver­sammlung, sollte bald im Temple internirt sein. Catherine, die sich, nachdem sie in heftiger Erregung dem Beginn de» Kampfes gefolgt war, nicht mehr fürchtete und sich, da sie keine Schüsse mehr hörte, beruhigte, hatte sich bis zum Ca- rouffel hinausgewagt.

Sie wollte sehen, ob alles gut ginge und ihre Hochzeit beschleunigt werde, und dann dachte sie auch, daß sie vielleicht unter den Kämpfenden ihren Lefebvre entdecken könne.

Der Gedanke, daß sie sehen würde, wie er, von Pulver geschwärzt, in der ersten Reihe, vor der Mündung der Ka­nonen, sich wie ein Teufel schlug, flößte ihr nicht im ent- serntesten Furcht, sondern eher Muth ein. Sie hätte bei ihm sein mögen, um ihm die Patronen m reichen noch mehr, um selbst sein Gewehr zu halten, es zu laden, abzu­feuern I Alle Gefahren ihres Lefebvre hätte sie theilen mögen und auf den Ruhm, den er erringen würde, war sie zugleich stolz und auch ein wenig eifersüchtig.

Nicht ein einziges Mal kam ihr der Gedanke, daß er unter den Kugeln der Schweizer fallen könne. War ihnen nicht prophezeit worden, daß er Armeen befehligen und sie seine Frau werden würde? Nein, keiner von ihnen war bestimmt, an diesem Tage zu fallen.

Und der Gefahr trotzend, schritt sie neben den Kano­nieren und Marseillern immer weiter vor, Lefebvre suchend und den Tod verachtend.

Als jedoch das wüthende Feuer der Schweizer losbrach, entstand eine furchtbare Unordnung, und Catherine wurde von der flüchtenden Menge in die Rue St. Hanois gezogen. Sie kehrte in ihren Laden zurück, denn sie befürchtete, daß die Panik sich bis dahin ausbreiten und man in ihre Wohnung dringen könne. Noch hatte sie nicht alle Hoffnung verloren, aber sie begann zu fürchten, daß ihre Hochzeit hinausgeschoben sei.

Ach, diese Männer so herzlos zu sein zurück­zuweichen!" murrte sie, indem sie vor Wuth auf die Schwelle ihres Ladens stampfte.O, wenn ich ein Gewehr gehabt hätte, ich wäre geblieben! Wetten möchte ich, daß Lefebvre nicht davongelaufen ist!"

Und fieberhaft, ungeduldig horchte sie weiter auf den Sieg, den sie noch immer erwartete.

Als die Kanonen wieder mit Macht zu donnern begannen, tanzte sie vor Freude nnd rief:Das sind wir bravo Kanoniere!"

Dann begann sie wieder zu horchen.

Die Kanonenschüsse vervielfältigten sich, das Gswehr- feuer wurde fortgesetzt, wirres Geschrei drang zu ihr herüber. Gewiß, die Patrioten drangen vor. Sieg, Sieg!

Ach, wie sehnte sie sich, ihren Lefebvre heil und gesund wiederzusehen und den Sieger zu umarmen und zu ihm sagen zu können:Und jetzt können wir heirathen!"

Sie ging in fieberischer Erregung in ihrem Laden, dessen Läden sie der Vorsicht wegen geschlossen gelassen hatte, hin