Ausgabe 
23.5.1895
 
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spät ist, welch' schmachvolles Complot Sie geschmiedet und dadurch diese entsetzliche Katastrophe herbeigefiihrt haben!"

Bei diesem Ausbruch von Schmähungen war Cora einen Augenblick wie betäubt, aber ihr Ehrgefühl regte sich bei der Ungerechtigkeit solcher Worte.

Ich verstehe Sie nicht, Madame," sagte sie und richtete sich stolz vor der erregten Lady Emily auf.In meinem Benehmen bin ich so tadellos wie Sie selbst. Auch weiß ich überhaupt nicht, worauf Sie anspielen."

Freche Abenteurerin, die Sie sind I" rief die erzürnte Lady.Wagen Sie es, Ihr Verbrechen durch Leugnen noch zu verschlimmer»? Sie könnten zu behaupten sich erdreisten, daß Sie nicht listig genug gewesen seien, Ihre Netze über meinen unglücklichen Bruder zu werfen und seine Schwäche und sein Mitleid so zu benützen, daß er es jetzt wahrscheinlich mit dem Leben büßen muß?"

Cora wurde todtenbleich.

Lady Emily ... das ist eine grausame Verleumdung! Ich habe nichts, nichts von alledem gethan, dessen Sie mich beschuldigen, und wenn Lord Faro, mein gütiger Beschützer, Unglück gehabt hat, so weiß der Himmel, daß ich nicht Schuld daran trage!"

Nein, natürlich nicht!" sagte Lady Emily spöttisch. Natürlich haben Sie nichts gethan, um Beide, meinen Bruder sowohl als Lord Belfort, zu umstricken, bis Ihre Künste end­lich entdeckt wurden und zwischen den Zweien, die Sie betrogen haben, einen Streit hsrbeiführten. Und mein armer Bruder liegt im Sterben, von der Hand seines eigenen Neffen, des seinem einzigen Kinde bestimmten Gemahls verwundet! Ver- rätherin, die Sie sind! Das Blut komme über Ihr Haupt! Aber ich will nicht so schwach und mitleidig sein, wie Sie wohl erwarten! Sie werden das Haus sofort verlassen und es nie wieder betreten ... nie wieder! Und wen» Sie vor seinen Thoren Hungers sterben sollten!"

Cora beachtete kaum diese heftige Drohung. Die Nach­richt überwältigte sie derart, daß die Furcht keine Macht über sie erlangen konnte-

Wie, Lady Emily?" brachte sie mühsam hervor. «Ist es wirklich wahr? Ist Herr Lord Faro in Gefahr?"

Gewiß, elendes Mädchen! Und Sie tragen die Schuld daran! Der erste Fehler war freilich, daß er Sie aus Ihrer Heimath hierherbrachte," sagte die alte Dame heftig.Sind Sie nun zufrieden? Nieder auf die Kniee! Und bitten Sie um Verzeihung, wenn Sie nicht noch, bevor eine Stunde ver­gangen ist, aus dem Haufe gewiesen sein wollen!"

Ich brauche keine Verzeihung, denn ich habe nichts Un­rechtes gethan," entgegnete Cora stolzLady Emily, Sie können Ihre schändlichen Beschuldigungen nicht beweisen- Ich fordere einen Beweis für solche Verleumdung!"

Sie sind in Ihrer Schlechtigkeit verhärtet," sprach Lady Emily,aber ich will Sie bald zur Vernunft bringen. Ant­worten Sie! Wer war heute Morgen, als man glaubte, es schliefe noch Alles, in meines Bruders Zimmer? Wagen Sie das zu leugnen? Wagen Sie, mir zu erwidern, daß Sie es nicht waren? Und wagen Sie zu behaupten, daß mein Bruder nicht thörichte Worte der Liebe zu Ihnen sprach?"

Cora schwieg.

Und sehen Sie dort nach den Beweisen Ihrer Schmach I" fuhr Lady Emily fort und deutete auf das Ballkleid.Diese Beweise Ihrer Schlechtigkeit, die ein irregeleiteter junger Mann in einer vorübergehenden Laune Ihnen schickte, Ihre Ehrlosigkeit noch sichtbarer hervortreten zu lassen! Wagen Sie, dieser niederschmetternden Thatsache zu widersprechen?"

Coras Wangen färbten sich mit einem tiefen Roth.

Wie? Dieses Kleid ist von Lord Belfort?" stieß sie mühsam hervor.Lady Emily, so wahr ich vor meinem Schöpfer Gnade zu finden hoffe, so wahr ist es, daß ich keine Ahnung davon hatte, daß er es mir schickte I Lieber würde ich ein Kleid von glühendem Eisen getragen haben, als . . . als das Geschenk eines Fremden."

Wer sollte es Ihnen denn geschickt haben?" fragte Lady Emily spöttisch.

Wieder bemerkte Cora, in welchem Netz sie sich gefangen hatte. Wenn sie die Wahrheit sagte, so verurtheilte sie sich selbst und ihren Wohlthäter obendrein.

Ich hatte keinen Grund, danach zu forschen, von wem es kam," erwiderte sie ruhig.Vielleicht habe ich meine Ver« muthung gehabt . . . aber mehr brauche ich nicht zu sagen," fügte sie mit plötzlicher Heftigkeit hinzu.Ich wiederhole Ihnen, daß ich völlig unschuldig bin. Und wenn Sie mich dafür büßen lassen wollen, so wird das mir angethane Unrecht auf Sie selbst zmückfallen."

Lady Emily wurde dunkelroth.

Sind Sie von Sinnen?" rief sie.Oder wollen Sie wie eine Diebin aus dem Hause gewiesen werden? Was sicher­lich geschehen wird, wenn Sie nicht etwas vernünftiger in Ihrem Reden und Handeln sind."

Nein!" sagte Cora bestimmt.Nur weil ich meine Sinne zu sehr beisammen habe, kenne ich das Unglück um mich herum nur zu gut und bleibe ich da, wohin ich aus freien Stücken nie gekommen wäre, wo mich nur Gefahr und Kum­mer bedroht haben, feit ich den Fuß über die Schwelle fetzte. Aber Lord Faro nahm mich von meinem natürlichen Beschützer und ohne dessen Erlaubniß habe ich kein Recht, das Hau» zu verlassen. Und so lange Lord Faros Leben in Gefahr schwebt, kann mich nur Gewalt hier forttreiben. Das aber, glaube ich, wagen Sie um Ihrer selbst willen nicht," setzte fte bedeutungsvoll hinzu.

Ihre Gegnerin war ganz bestürzt über diesen unerwaM festen und bestimmten Ton. Sie hatte Thränen, Bitte», Klagen erwartet, aber dieser ruhige Widerstand entriß ihr jede Waffe-

So beabsichtigen Sie, wie mir scheint, in Ihrer Dreistig­keit meinen unglücklichen Bruder mit Ihren schlauen Künsten zu umstricken, wenn er von seinen gefährlichen Wunden geheilt werden sollte?" fragte sie zitternd.

Die dunkle Röthe auf dem zarten Gesicht und das Feuer in den Augen gaben eine beredtere Erwiderung, als Worte. .

Mit solcher erbärmlichen Verleumdung erniedrigen Sie sich mehr al» mich, Lady Emily," lautete die leise Antwort. Ich habe Ihnen nichts mehr zu sagen."

Lady Emily verließ das Zimmer mit bett Worten:Sie werden hier bleiben, bi» ich Ihnen meins Wünsche mitgethM Habs."

Sie verschloß dis Thür hinter sich.

Hätte sie das krampfhafte Schluchzen und die Thränen sehen können, durch welche Cora ihren zurückgedrängten Empfindungen Luft machte, würde sie ein gewisses Gefühl der Befriedigung empfunden haben.

Er darf nicht sterben!" rief Cora weinend.Er muß gerettet werden 1 . . . Und dann fliehe ich . . . ja, dann ver­berge ich mich vor diesem vernichtenden Spott und Vorwurf!"

Sie kühlte ihr Gesicht mit frischem Wasser, glättete ihr Haar und warf das verhaßte Ballkleid wie einen abgetragenen Lumpen in die Ecke.

Darauf öffnete sie das Fenster, das nicht hoch vom Erd­boden war, trat auf da» Fensterbrett und sprang hinunter auf den grünen Rasenplatz. Rasch glitt sie um die Ecke bet Hause», bi» sie das Zimmer erreichte, in welchem sie vor wenigen Stunden Lord Faros verhängnißvollen Worten der Liebe und Verzweiflung gelauscht hatte.

XI.

Lady Marian erfüllte die Pflichten, die sie übernommen hatte.

Sie präsidirte stets am Frühstückstisch ihres Vaters, be­reitete ihm seinen Kaffee und erfreute sein Herz mit ihrer frohen Gegenwart, und oftmals verbrachte sie ganze Stunden lang damit, daß sie ihm die Briefe und Zeitungen vorlas, welche der Postbote regelmäßig jeden Morgen nach Biddulph- park brachte.

Und obgleich ihre schönen Augen an dem Tage, von dem wir sprechen, zerstreut über die Zeitung hinglitten und ihre