Ausgabe 
23.5.1895
 
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UnterhaUungsblaU z«m Gießener Anzeiger (General-Anzeiger).

Die Tochter des Meeres.

Roman von A. Nicola.

(Fortsetzung.)

Es war eine unwiderstehliche Prüfung für ein so junges, verlassenes Geschöpf, zu sehen, wie dieser Mann sein ganzes Lebensglück von ihren Worten abhängig machte- Aber auch jetzt war es nur Mitleid, nicht Liebe, was ihre Seele erregte.

Es kommt zu plötzlich ... ich bin zu jung . . . haben Sie Erbarmen mit mir!" hauchte sie und schlug die Hände vor das Gesicht.

Cora, wollen Sie mir eine Bitte gewähren? ... Sie ist harmlos!" flüsterte Faro und ein Strahl der Freude glitt über sein Gesicht, als er ihre Aufregung sah.

Wenn ich kann! Sprechen Sie rasch!" sagte sie fast un- geduldig in ihrer fieberhaften Erregtheit.

Geben Sie mir das Versprechen, daß Sie in meiner Abwesenheit keinen Andern hetrathen wollen .... daß Sie mich nicht vergessen ... daß Sie sich bemühen wollen, freund­lich an einen Schwergeprüften zu denken?"

So gehen Sie auf lange fort?" fragte sie ausweichend.

Vielleicht ja. Jedenfalls werden Sie Nachricht von mir erhalten, so lange diese Hand Kraft hat, meine Gedanken niederzuschreiben," sagte er ernst.Wenn ich im Schweigen verharre, so seien Sie versichert, daß ich in den Armen des ewigen Schlafes ruhe, aus dem auch Sie, meine geliebte Cora, mich nicht erwecken können."

So will ich es versprechen... ja, es kann nicht un« recht sein," entgegnete sie.

Geben Sie mir ein Pfand, Cora, einen Trost in meiner Prüfungszeit," murmelte er.Cora, wenn Sie das geringste Mitleid mit mir, die geringste Achtung vor dem Unglücklichsten, den Sie kennen, haben, so lassen Sie mich Ihre Lippen be­rühren zum Zeichen des Gelübdes . . . lassen Sie sich einen kurzen Augenblick an die Brust drücken .... es wird mir manche düstere, sorgenvolle Stunde vergolden."

Ehe sie es ihm verweigern oder gewähren konnte, hatten seine Arme sie fest umschlungen und seine Lippen berührten die ihrigen.

Als er ihre zitternde Hand wieder frei ließ, da begeg­

neten Beider Augen einem spöttisch auf sie gerichteten Blick Lord Belfords und eine sarkastische Stimme sagte:Ich sollte wohl tausendmal um Entschuldigung bitten, daß ich ein so reizendes Stelldichein unterbreche, aber die Zeit drängt, Lord Faro. Jetzt sind wenigstens alle Zweifel aufgeklärt und jetzt kann ich begreifen, was mir bisher unverständlich war. Ich werde dementsprechend handeln."

Cora war wie ein Pfeil entflohen, bevor diese Worte zu Ende gesprochen wurden. Aber als sie sich wieder in ihrem eigenen Zimmer befand und über das eben Erlebte ruhiger nachdachte, mußte auch ihre Unerfahrenheit einen Schimmer der schrecklichen Bedeutung der Worte des Lord Belfort wahr­nehmen.

Und ihrer aufgeregten Phantasie schwebten immer Lord Faros und Lord Belforts Worte und Blicke vor, während die Zeit von ihr unbeachtet verstrich und erst ein wirrer, un­heimlicher Ton unter ihren Fenstern wie das Nahen vieler schwerer Tritte weckte sie aus ihren Gedanken.

X. *

Die Schritte kamen näher. Cora trat an's Fenster.

Einige Männer trugen eine Art Bahre auf ihren Schul­tern, auf welcher eine Person, mit einem Tuch bedeckt, lag, so daß Cora die Gesichtszüge nicht sehen konnte, ihr Gefühl sagte ihr aber, daß es einer der beiden Männer war, die sie vor Kurzem verlassen hatte.

Welcher von Beiden war er? Der Vater, der Wohl« thäter ihrer eigenen Jugend oder der schöne junge Lord?

Und eine noch schrecklichere Frage: Was und wer hatte diese entsetzliche That herbeigeführt?

Der traurige Zug entzog sich Coras Blick und bog nach dem andern Flügel des Hauses ei».

Sie sank in stummer Verzweiflung und Bangen vor dem nächsten Laut oder Schritt, der dieser entsetzlichen Ungewißheit ein Ende machen sollte.

Endlich näherte sich Coras Zimmer ein abgemessener Schritt und in der nächsten Minute trat Lady Emily ein.

Verächtliches Geschöpf!" rief sie mit einer vernichtenden Strenge in Ton und Blick.Weich' Verderben haben Sie über unser Haus gebracht? . . . Gestehen Sie, bevor e» zu.