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Der eisige Ton machte Wildenstein stutzig; forschend blickte er in des Mädchens schönes Antlitz, welches mit einem Male sich glühend roth färbte, doch noch ehe er sie anreden konnte, hatte sie sich zu dem Prinzen mit einer gleichgiltigen Bemerkung gewandt. e „
„Wir haben uns lange nicht getroffen, gnädiges Fräu- lein," bemerkte nach einer Pause der Graf, „und ich fürchte fast, Sie zürnen mir über irgend etwas."
„Wie wäre das möglich," gab sie schroff zurück, „fremden Menschen könnte ich nie zürnen, weil mir jegliches Jntereffe dabei fehlte."
„Fräulein Nora," — er beugte sich bewegt etwas zu ihr und sprach gedämpft, - „ist es denn möglich, daß Sie mir eine solche Haltung zeigen können, nachdem Sie mir neulich aus freien Stücken zum Lebewohl die Hand gereicht?"
Jetzt warf sie die Maske ab, denn ihr Character war ein zu offener, um lange mit geschloffenem Visier kämpfen zu können; hochauf richtete sich die schlanke Gestalt, ihr Auge sprühte zornig und mit zitternder Stimme antwortete sie: „Damals kannte ich Sie noch nicht, Graf Wildenstein. Heute aber weiß ich genau, daß die Tochter Friedrich zur Stettens, des Sängers, den hochgeborenen Grafen von Wildenstein mit dem fleckenlosen Wappenschild nicht kennen darf. Und er ist vielleicht beffer so —"
Die Stimme versagte der Sprecherin, krampfhaft bebten die kleinen Hände, aber sie wagte nicht aufzusehen, denn Wildensteins Blick hing schmerzlich bewegt an ihrem Antlitz.
„Also sind meine Besürchiungen doch wahr geworden, man hat Ihre reine Seele mit Haß und Groll getränkt, Nora, um eine verjährte Schuld von neuem aufleben zu laffen — statt dieselbe in Liebe zu sühnen?" erwiderte der Graf Wilden»
stein traurig.
Seine Worte erschütterten sie mächtig, aber sie blieb kalt und ablehnend gegen ihn.
„Meinen Sie denn, Herr Graf, die bürgerliche Schauspielerin werde sogleich voll stolz triumphirender Freude die Hand ergreifen, welche einst der eigenen Mutter Namen als den einer Tobten im gräflichen Stammbuche durchstrich. Nein, nimmermehr I Unsere Wege gehen auseinander, Graf Wilden« stein, ersparen Sie uns Beiden jeden ferneren Schmerz I"
„Schmerz, Fräulein Nora? Empfinden Sie also wirklich Schmerz, mich so feindselig von sich fern halten zu müffen?"
Jetzt trafen sich ihre Augen in namenloser Qual, Thränen traten in die des Mädchens, aber sie schüttelte heftig den Kopf.
„Wozu noch länger reden? Wir kennen uns nicht mehr, Herr Graf, denn es war nicht recht von Ihnen, unter falscher Flagge zu segeln."
„Das that ich nicht, Fräulein Nora, Sie hörten meinen vollen Namen, als man uns bekannt machte."
„Aber ich meinte, einen Fremden zu sehen und — und dann —"
„War es Ihr alter Oheim," ergänzte er schwermüthig, „nein, Kind, Sie waren mir niemals fremd; auch da nicht, als Sie zuerst auf der Bühne vor mir standen und dann, als ich vernahm, Sie feien meiner Schwester Kind, gehörten Sie sogleich zu mir — und werden es bleiben, ob Sie auch die Scheidewand zwischen uns von Neuem aufrichten, die ich so gern für immer fallen laffen möchte."
„Laffen Sie die Tobte ruhen, Herr GrafI Haben Sie einst deren Hand nicht versöhnend ergreifen wollen, so sagt die Tochter heute von selbst: Nimmermehr I"
„Nora, Sie sind Theresens, meiner Schwester Kind und ich wiederhole Ihnen, daß ich Sie nicht aufgebe! Weshalb kamen Sie mir altem Manne so zutraulich und herzlich entgegen und nun er Ihnen näher rückt, stoßen Sie ihn haßerfüllt von sich."
„Es muß fein. Ich könnte vergessen und vergeben, wenn Sie mich beleidigt hätten, aber was Sie gegen meine Mutter begängen, bleibt drohend zwischen uns stehen."
„Wehe Denen, welche Ihnen die Rache einprägten," sagte Wildenstein tief erregt, „Ihnen zürne ich nicht, Kind, ich werde Sie lieb behalten — vielleicht noch mehr nach dieser Stunde.
— Gott helfe mir einsamem alten Junggesellen auch fernerhin, durch'« dunkle, lichtlose Leben zu wandern!"
Sich tief verbeugend, trat er zurück und ging davon. Einen Moment war's dem jungen Mädchen, als müsse sie emporspringen und ihn zurückholen, ihm sagen, daß er ja gar nicht wahr sei mit dem Hab, daß ihr Herz blute bei dem Gedanken, ihn nie mehr sehen zu sollen, aber sie blieb wie gelähmt auf ihrem Stuhl und blickte scheu, angstvoll in die bunte, lachende Menge, die sich hin und her schob. Vor ihr lagen des Grafen Goldstücke, sie schauderte, als sie dieselben empornahm, um sie in die Kasse zu legen, ihr war's, als höre sie noch einmal seine trauernden Abschiedrworte, wie ein Dolchstich hatten sie ihr Herz getroffen und verwundet- Immer neue Käufer traten zu ihr, sie mußte jetzt lächeln, reden und danken, aber sie kam sich vor wie eine Nachtwandelnde.
Drüben sah sie Wildensteins hohe Figur vor der lächelnden Fürstin Melanie stehen; kokett berührte die Fürstin seinen Arm mit dem Fächer und schien ihm etwas in's Ohr zu flüstern. Vor Noras Augen dunkelte es, eine marternde Eifersucht erwachte in ihr; sie hätte mit ihren eigenen Händen die Gastgeberin bei Seite drängen mögen, damit sie den Grafen nicht so anblicke. Aber vielleicht interesstrte er sich für die stattliche Dame, er war ja ihr Jugendfreund, hatte sie längst gekannt, ehe er von Nora gewußt — und, nun sie ihm erklärt, daß sie ihn hasse, würde er vielleicht seine Gunst der Fürstin zuwenden.
Das junge Mädchen preßte die Hand auf's Herz, sie hätte laut aufschluchzen mögen und mußte doch da« Lächeln festhalten ; jetzt sah sie Baron Hohenthal kommen und zum Grafen Wildenstein hintreten. Sie schüttelten sich herzlich die Hände.
„Nun, Rudolf, schon fertig mit Deinen Einkäufen?" frug Hohenthal.
„So," sagte Wildenstein düster, „ich bin fertig mit allem — auch mit der Hoffnung auf eine freundlichere Zukunft."
„Was soll da» heißen? Wie siehst Du aus, alter Junge?" „Wie Einer, dem man soeben versichert hat, das Tischtuch sei zerschnitten zwischen ihm — und seinem schönsten Traum."
Hohenthal verstand sogleich den Sinn dieser bitteren Worte.
„Du hast Nora gesprochen?"
„Ja, sie weiß Alles und hat mir Haß und Groll entgegengeschleudert — um der Tobten willen."
„Ihr Vater trägt die Schuld," erklärte der Baron erregt, „er hat ihr Alles enthüllt und in den grellsten Farben! Habs Geduld, Rudolf, und gib nicht alle Hoffnung auf."
„Ich reife in den nächsten Tagen ab."
„Das thust Du nicht, mein Freund. Ich selbst muß schon morgen nach Hause, aber Du bleibst noch hier, versprich es mir!"
„Weshalb?" fragte der Graf finster. „Soll ich mich nochmals von einem jungen Mädchen zurückstoßen laffen?"
„Rudolf," sagte Hohenthal ernst, ihm die Hand auf die Schultern legend, „ich kenne Dich seit zwanzig Jahren und in dieser Stunde vielleicht beffer, als Du Dich. Ich habe jenen Blick gesehen, mit dem Du neulich von Nora Abschied nahmst. Seitdem erfüllt mich eine freudige Hoffnung, nein, eine unumstößliche Gewißheit; aller Groll und Haß wird vielleicht eines Tages begraben werden — in Liebe, nur das Wappenschild der Wildensteiner wird einen Flecken erhalten."
Voll und offen blickte der Graf dem Freund in's Auge. „So träumte ich auch — bis vor einer Stunde, ich alter Thor! Aber der Fleck, von dem Du sprichst, er wäre durch heiße, unendliche Liebe getilgt worden und ich meine, all' die ernsten Ahnenbilder auf dem Wildenstein hätten freundlich genickt, wenn ich ihnen eine liebreizende Frauengestalt zugeführt l)ätte — doch lassen wir das Träumen von unmöglichen Hoffnungen! Es ist vorüber, das Leben hat für mich keine Blüthen mehr!"
Er wandte stch dem Ausgang zu und Hohenthal schritt weiter, dem Tischchen zu, an dem Nora bleich und traurig saß.
„Durch Kämpf zum Sieg," murmelte er ernst, „sie wer-


