Ausgabe 
23.4.1895
 
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und kramte in allerlei alten Briefen; auch von Theresenr Hand waren einige darunter, wehmüthig preßte er sie an die Lippen.

Du Engel," flüsterte er seufzend,wärst Du am Leben, Du ließest mich nicht vergeblich um Versöhnung betteln; o, und Dein Kind ist so hold und lieblich! Fast könnte ich meine Jahre, meine Ansichten und die ganze Welt vergessen in Noras schönen Augen und es wird Zeit, daß ich alternder Mann oar mir selbst fliehe. Wenn sie nun erfährt, wer ich bin, wird sie mich auch Haffen!"

Am Abend, als die beiden Herren einige Minuten allein saßen, schaute zur Stetten unruhig auf und sagte zu Hohen- thal:Ich habe Nora heute Alles gesagt; sie weiß, wer Wildenstein ist und wie sie sich ihm gegenüber verhalten soll."

Friedrich!" rief Hohenthal zürnend au».So haben Sie den Keim zu neuer Feindseligkeit in dies Kinderherz ge- senkt? Glauben Sie denn, daß die» im Sinne der Tobten ist? Können Sie nicht vergeben und vergessen?"

Nein, ebensowenig wie der Graf."

Rudolf ist ein Anderer geworden," erklärte Hohenthal. Ich meine, unsere Nora hätte der Friedensengel werden sollen zwischen ihm und Ihnen und nun vernichtet Ihr Groll alle Pläne!"

Besser, sie erfuhr es durch mich, als durch Andere," entgegnete er düster,sie ist ja nicht allein das Kind de» Sängers, sondern selbst Schauspielerin ein Mitglied jener Menschenklasse, die für die Aristokraten nicht exlstirt."

Ruhig davon, Stetten," mahnte der Baron mißbilligend. Sie sollten nicht dasÄug' um Äug'" auf eine neue Generation verpflanzen.Die Rache ist mein," spricht unser Herrgott."

Das ist ein schweres Wort," sagte der Sänger,und ich glaube wohl, daß ich es nie zu befolgen lernen werde ; ich habe damals zu viel gelitten, als man mein theures Weib hinausstieß wie eine Verbrecherin."

Therese war nicht so hart," seufzte Hohenthal,noch auf dem Sterbebette sandte sie Rudolf einen Gruß und den Rest von Härte hätte Noras Liebreiz aus seiner Seele ge­nommen." ,,,

Ich will es nicht!" sagte Stetten und erhob sich zu seiner vollen Höhe.Rühren Sie nicht an diesem Punkt, lieber Freund, denn ich bin unerbittlich 1"

Gott helfe, ich kann es nicht," sprach der Baron seier- lich vor sich hin, al» er spät Abends heimkehrte,und doch ist mir nicht mehr so hoffnungsleer zu Muthe, als früher, vielleicht kommt Alles noch ganz anders, denn so wie Rudolf das Mädchen angeschaut, habe ich ihn nie zuvor ge­sehen, es lag eins ganze Welt in dem Blicke!"

Er wollte in den nächsten Tagen nach Hohenthal zurück- kehren, denn seine Geschäfte in der Residenz waren beendet, und doch begann ihn ein seltsames Gefühl zurückzuhalten. Er meinte, daß Therese ihm ihr Kind mit an's Herz gelegt; sollte Nora denn wirklich de» Vaters Groll in sich aufnehmen oder war es ihm noch möglich, mildere Gefühle in ihr zu er­wecken? , ,

Währenddem stand die junge Schauspielerin droben am offenen Fenster ihres Schlafzimmers; der rauhe Herbstwind zauste in ihren Haaren, einzelne Regentropfen netzten ihre Stirn, aber sie merkte es nicht, in ihrer Seele stritten und rangen zwei Mächte miteinander, eine gute und eine dunkle.

Er hat mein Mütterchen verstoßen! Er ist ein harter, unbeugsamer Mann und ich will ihn Haffen," flüsterte die letztere und dann wieder erwachte ein milderes Empfinden: Er sah so traurig und erschüttert aus, als er sagte, wie sehr er Mama geliebt habe. Rudolf heißt er? Welch' ein stolzer, schöner Name! O, wenn er doch nicht meiner Mutter Bruder wäre!"

Ohne daß sie es wollte, rann eine blitzende Thräne auf die schlanken Finger, die er heute geküßt. Ach, und sie sollte und wollte ihn ja Haffen!

Ja, wenn sie ihn beim Bazar der Fürstin treffen würde, dann wollte sie ihn nicht kennen, ihn so schroff behandeln, wie der Vater es wollte, denn er hatte ja die Mutter beschimpft und beleidigt!

Das war vor vielen Jahren; wenn er aber noch heute so dächte, würde er ihr dann wohl die Hand geküßt, ihr so warm und offen für ihr Spiel gedankt haben?

Rudolf," flüsterte fie abermals voll schmerzlicher Ver­zweiflung,warum ist er es gerade! Ich dachte schon, da» wäre der einzige Mensch außer Onkel Eduard und Papa, der mir gefallen könnte!"

Und der Graf? Gr faß bei der Lampe im Hotelzimmer

Der Bazar der Fürstin Porscu fand in ihren schönen Gesellschaftsräumen statt; es waren Tische und Buden mit sehr vielen, sehr kostbaren Sachen ausgestellt und die jüngsten, schönsten Damen der vornehmen Gesellschaft zu Verkäuferinnen ausgewählt. Eine der lieblichsten von allen war Nora zur Stetten in einer eleganten hellblauseidenen Toilette, ein gleiches Band durch die dunkelblonden Flechten geschlungen.

Die Fürstin Melanie hatte ihr einen Tisch mit Kunst­sachen angewiesen, Gegenstände, die sich schwer verkauften, aber die junge Schauspielerin ging kühn an's Werk und war auch sehr bald von Herren umringt, die sich beeilten, ihr Allerlei abzunehmen.

Sie besaß eine frische, heitere Weise, zu plaudern und zu lachen, ebenso fern von Koketterie als blöder Befangenheit; dabei hatte sie eine ganz eigene Art, aufdringliche Schmeichler mit einem erstaunten, vornehmen Blicke abzuhalten, der den Betreffenden fataler berührte, als irgend ein scharfes Wort.

Fürstin Melanie, welche eine kostbare schwarze Sammt- robe und sehr schöne Brillanten trug, war ganz selig, dem Graf Wildenstein hatte sich soeben eingefunden und der * liebte" Neffe Gregor war angelangt. Es war ein lang«, uneleganter junger Mann, ganz hübsch, aber verzweifelt geist­los aussehend, überall mit seinen und anderer Leute Glied­maßen collidirend und dabei lachend; zu reden war ihm etwas mühevoll und angreifend und di« anderen Menschen besorgten es ja schon ganz genügend.

Siehst Du die Dame dort am Tisch, Gregor?" flüsterte die Fürstin ihrem Neffen zu.Es ist eine sehr reiche, hübsche, liebenswürdige Schauspielerin, der Du Dich nähern sollst. Vielleicht verliebst Du Dich in sie und heirathest sie, wie?'

O ja, ja, warum nicht, hahaha!" lachte der Fürsten« sproß geistreich.Ich will einmal hingehen und ihr etwas abkaufen."

Was Du ihr dann schenken könntest. Nun sei klug, mein Junge, und versuche Dein Glück."

Derkluge Junge" nickte ganz einverstanden und ging hinüber zu der ihm bezeichneten Bude, um mit der Zukünftigen ein geistreiches Gespräch anzuknüpfen.

Sie verkaufen hier, Fräulein?" begann er.

Jawohl, mein Prinz, und wenn irgend etwas Sie lockt, dann kaufen Sie es. Der erste Eindruck ist der richtige. Ich bin auch ganz solide in den Preisen."

Ist es nicht sehr heiß hier, Fräulein?" begann er.

O nein. Wie wär's mit diesem Apollokopfe? Om vielleicht dieser Kupferstich? Haben Sie schon den Guido Re» gesehen?"

Nein, wer ist das, Fräulein?"

Nora blickte erstaunt den prinzlichen Frager an, der dabei so harmlos lächelte, daß es einen Stein hätte rühren können.

O, heilige Einfalt!" murmelte sie vor sich hin, ward aber im selben Momente dunkelroth, als eine tiefe Männer­stimme freundlich fragte:Haben Sie mir schon Kunstsachen zurückgelegt, gnädiges Fräulein? Sie wiffen, ich merkte hundert Mark dafür vor." . ,

Nora» soeben noch lachende» Gesicht ward starr und kau, sie wandte ihm kaum da» Köpfchen zu.Noch nicht, Herr Graf, vergeben Sie mir." L

Aber ich bitte, gnädige» Fräulein. So werden Sie mir vielleicht gestatten, Ihre Schätze zu mustern."

Gewiß, e» darf ein Jeder die Sachen ansehen.