Ausgabe 
23.4.1895
 
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äieniteg dm 23. April

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MnterhaltungsüLatt zum GießenerAnzeiger (Generul-Anzeiger).

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Unebenbürtig.

Roman von H. von Ziegler.

(Fortsetzung.)

Als Vater und Tochter bei Tisch saßen, erzählte letztere mit klopfendem Herzen, daß sie Graf Wtldenstein bet der Fürstin kennen gelernt; der ehemalige Sänger fuhr zurück und wieder blitzte es zornig in seinen Augen auf.

Graf Wildenstein! Und das sagst Du erst jetzt? Dann laffe ich Dich nie mehr zur Fürstin Porscu; dem Manne darf mein Kind nicht begegnen."

Aber, Vater, was hast Du? Du bist mit einem Male bleich geworden I Was that Dir der Graf? Er schien ja nicht einmal meinen Namen zu kennen."

Er schien," lachte zur Stetten höhnisch,glaube es wohl, daß er sich gut beherrschen kann; und doch wird ihm der Name zur Stetten wohl ebenso wenig fremd sein, wie mir der gräflich Wildenstein'sche."

kennst Du den Grafen, Papa? Es scheint, daß Du ihn nicht magst."

., "3ch Haffe ihn," stieß der erregte Mann hervor und sein Blick funkelte,er hat meinem armen Weibe das Leben und den Tod verbittert und nimmermehr darf er mein Kind kennen lernen der Fleck auf seinem Wappenschilds verdunkelt sich sonst von neuem."

.«Mir hat der Graf gut gefallen," erwiderte Nora ruhig, m* u ^^?em»dlich, sieht ungemein schwermüthig aus und r? « «e Hohenthal befreundet. Letzteres spricht sehr ju* ign.

Jawohl, einst kam er auch zu mir, um Frieden zu machen, aber da war ich hart wie er. - Meine arme Therese hatte ihm mehr als einmal die Hand reichen wollen."

Woher kennst Du Graf Wildenstein, Vater?" fraate letzt Nora ernst.Erkläre mir, wie Alles zusammenhängt, sonst kann ich Deine Erregung nicht begreifen-"

... "®8 ist auch vielleicht besser," grollte zur Stetten,Du Eßt wissen, um was es sich handelt.

Graf Wildenstein ist der Bruder Deiner Mutter."

Mein Oheim!"

Nein, Nora, er hat an dem Tage, als Deine Mutter mein Weib wurde, ihren Namen im Stammbaum der Wilden­stein gestrichen, damit kein Fleck auf das gräfliche Wappen­schild durch diese Mißheirath falle!"

Das zarte Mädchenantlitz ward glühend roth, die schönen, dunklen Augen flammten und mit bebender Stimme rief Nora:Jst's möglich, Papa? Das konnte ein Bruder thun! Gut, dann ist natürlich jede Bekanntschaft zwischen ihm und mir gestrichen, ich bin die Tochter des Sängers und er hat keine Nichte!"

So ist's recht, Kind," sagte zur Stetten finster,ich wußte es, daß Du nicht anders handeln werdest. Nein, wir wollen ihn nicht kennen, den adelsstolzen Mann mit dem harten Herzen."

Also deshalb sagte er, er habe Mama so sehr geliebt und liebe sie noch."

Ist das eine Liebe, welche mit unbarmherziger Hand alle Bande zerschneidet? Was hat er nun von seinem Starr­sinn? Er ist ein einsamer, verbitterter Junggeselle geworden!"

Ich wünsche, ich träfe ihn nie wieder," rief Nora glühend vor Empörung;ist es möglich, daß man sich so täuschen kann? Ich meinte, er sei ein gemüthvoller Mann."

Das mag er sein, ich nehm's ihm nicht, ich weiß von Deiner Mutter, wie hoch sie ihn hielt; aber hat er einmal die Kluft zwischen uns befestigt, so mag sie bestehen bleiben für immer und alle Zeiten. Auch der Sänger hat seinen Stolz und ergreift nicht die Hand des Grafen, welcher nach Jahren Reue spürt."

Ich kenne ihn nicht mehr, Vater. Aber komm', wozu uns erregen über diese längstvergangenen Sachen. Mein Mütterchen war ja glücklich mit Dir und hat sicherlich nie ihre Grafenkrone zurückersehnt."

Nein. Als ihr Vater starb, versöhnte sie sich mit ihm, und damals warst auch Du mit auf dem Wildenstein."

Ich weiß es nicht mehr. Nur an Mama im Sargs erinnere ich mich. Sie trug ihr Brautkleid und sah so lieb­lich aus. Onkel Hohenthal stand daneben und eine Thräne nach der anderen rollte aus seinen Augen."

Er hat sie unendlich geliebt und konnte doch sehen, wie glücklich sie mit mir geworden. Nora, das ist ein echter Edel­mann und treuer Freund."