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dein diejenigen des Manner, welcher Marie an dem Lage, wo Gertraud verschwunden war, nach dem Wege zu Ausbachr Haus gefragt hatte.
Ich erwachte mit dem Gefühl großer Erleichterung, ~ als ob eine Centnerlast von mir genommen wäre; doch in dem Mondlicht, welches zum Fenster hineinschien, glänzte etwas auf meinem Toilettentisch. Es war das Medaillon, welches Oscar am Abend dort hingelegt hatte-
Bei diesem Anblick befiel mich die Angst von Neuem und schaudernd verbarg ich das Gestcht in den Kiffen-
10. Capitel.
Am nächsten Tage kamen zwei Polizisten angeritten und untersuchten die Bucht. Fanny fragte nichts und wollte nichts hören. Früh am Morgen schon war Hugo Bergen da, wir zeigten ihm natürlich das Medaillon und erzählten ihm, wo es gefunden worden. Er nahm es in die Hand und drehte es mit ernster Miene von einer Seite zur andern.
„Sie haben es ihr geschenkt, nicht wahr, Herr Bergen?" wagte ich zu fragen, worauf er mich verwundert ansah und entgegnete: „Ich? Nein, ich sehe es heute zum ersten Male. Wie kommen Sie auf diese Idee, Fräulein Christa?"
„Sie sagte e« mir," antwortete ich zaghaft, während ich mir innerlich jedes Wort zurückrief, das Gertraud von dem Medaillon erwähnt hatte, als ich es sie zum ersten und letzten Male tragen sah.
Er machte ein ganz verdutztes Gesicht und schüttelte her Kopf-
„Da liegt ein Jrrthum vor," meinte er. „Ich habe er nie gewagt, Fräulein Gertraud ein so kostbares Geschenk an« zubieten und bezweifle, daß sie es von mir würde angenommen haben." „ ~ „
So wurde das Geheimniß immer größer, die Dunkelheit immer tiefer. , , „
Gegen Abend kam Oscar plötzlich in großer Hast nach Hause. Er nahm Fanny, mich, das Kind, Marie — Alle, wie wir waren, — steckte uns in Fannys Zimmer und schloß uns ein- Er selbst ging wieder. t u
Fanny und ich hielten uns todtenbleich an der Hand und wagten nicht zu athmsn, während Marie mit dem Kleinen auf dem Arm im Zimmer auf und nieder schritt-
Was ging draußen vor? ,
Die Aufregung brachte Fanny einer Ohnmacht nahe um Marie mußte das Kind niederlegen, um das Fenster zu öffnen. Da plötzlich drang leises Stimmengemurmel, aus dem sich hin und wieder eine befehlende Stimme lauter erhob, durch da« Fenster zu uns herein und bald darauf trat Oscar erregt in's Zimmer. ,, P . „
„Sie haben in der Bucht einen Leichnam gefunden, sagte er, und da Fanny bei seinen Worten einen Schrei aus- stieß, fügte er hinzu: „Nur ruhig, Fanny I Es ist ein Mann"
Wir atbmeten erleichtert auf und Oscar fuhr fort: „Er wurde soeben durch den Hof getragen und über die Brücke nach den Ställen. Ihr solltet es gar nicht sehen, deshalb schloß ich Euch hier ein." , , ~
„Der Leichnam eines Mannes?" wiederholte Fanriz schaudernd.
„Ja," gab Oscar zurück. „Und da» Seltsame bei der Sache ist, daß die Polizei sagt, es sei einer ihrer Leute, welcher kürzlich hier in-die Nachbarschaft geschickt und seitdem vermißt worden sei- Welches sein Auftrag gewesen, das natürlich verrathen sie nicht."
„War es ein großer, blonder Mann?" fragte ich.
„Ja," antwortete Oscar. „Er war neulich hier. Erinnerst Du Dich nicht? Ich sah ihn im Hofe und er frug nach dem Wege nach Fernyhurst."
So war es also das Gestcht meines Traumes: und der Mann, welcher mir, als ich ihn sah, zu denken gab, war ein verkleideter Polizist gewesen! Was konnte ein solcher in Arthur Ausbachs Hause zu thun haben? Und wie war er mit Ger' traud in Verbindung zu bringen, da doch deren Medaillon an derselben Stelle gefunden worden, wo er ertrunken «ar?
herauszuarbeiten. Erstaunt über seine Worte, folgte ich ihm daher ohne Zögern. „ „ .
Sine kurze Strecke von dem Hause blieb er stehen und ich trat an seine Seite. Ueber den Bergen lag noch das letzte Abendroth, so daß die Brust und das wallende Haar des Riesenmädchens wie in Blut getaucht erschien. Der Speicher zu unserer Rechten hob sich in scharfen Linien von dem dunkelnden Himmel ab.
„Ich bin unten an der Bucht gewesen, Fräulem Christa, sprach er mit gedämpftzr Stimme, «und habe dies hier gefunden." , , , _
Dabei reichte er mir etwas, was bei dem ersten Buck aussah wie ein schmutziger Lumpen, an dem etwas Glänzendes hing. Ein zweiter Blick darauf überzeugte mich aber, daß es das grüne Band war, welches Gertraud um den Hals getragen hatte, als ich sie das letzte Mal gesehen, und auch das Medaillon hing daran.
Ja, kein Zweifel, es war dasselbe; das Band naß und beschmutzt und das Medaillon zerkratzt und verbogen; man hatte jedensalls darauf getreten, denn auch eine der Perlen, welche den Buchstaben G bildeten, war herausgebrochen und verschwunden. , , „
Ich sah Thorpe an, — gewiß mit weit aufgerrffenen, entsetzten Augen, — während mir langsam klar wurde, was seine Entdeckung zu bedeuten hatte. , , r,
„Sie fanden es an der Bucht?" fragte ich, so heftig zitternd, daß ich mich kaum aufrecht zu halten vermochte.
„Ja, im Schlamm am Rande der Bucht, fast im Waffer, antwortete er; „und ich brachte es Ihnen, weil ich glaubte, es würde das Räthfel lösen; und da Frau Leonhard nicht allzu kräftig ist, ist es vielleicht bester, wenn sie es nicht sieht I"
Es war nicht zu verkennen, welche Schlußfolgerung der Mann aus feinem Funde zog; und zu welch' anderer Ueber- zeugung hätte ich kommen sollen, obgleich ich mit aller Gewalt versuchte, mich noch an die Hoffnung anzuklammern?
Ich dankte ihm für seine Vorsicht und sagte ihm, daß er recht vermuthet habe, — das Medaillon gehörte meiner Schwester Gertraud.
Dann wendete ich mich dem Hause zu und tastete mich an der Hecke entlang wie Jemand, der im Finstern geht. Die kühle Abendluft, welche mir die Stirn umfächelte, belebte mich wieder ein wenig, sie machte meine Sinne klarer und gab mir frische Kraft-
Die Hoffnung erwachte von Neuem in meiner Brust und gewann immer mehr Raum. Was ließ sich von dem Band und von dem Medaillon schließen, mit dem der Zufall sein Spiel getrieben haben mochte? Mein Herz lehnte sich gegen die kalte Verzweiflung auf, die es erstarrt hatte; der Gedanke war zu furchtbar, als daß er wahr sein konnte.
Ich sah Oscar in den Hof hineinreiten und winkte ihn zu mir heran. Als er das Medaillon sah und hörte, wo es sich gesunden hatte, sagte er: „Erwähne gegen Fanny nichts davon. Morgen früh, sobald es Tag wird, werde ich die Polizei in Kenntniß setzen."
In der Nacht hatte ich einen lebhaften Traum. Ich war von der Angst und Anstrengung der vorhergehenden Nacht so erschöpft, daß ich einschlief, fobald ich mich niedergelegt hatte, und da träumte mir Folgendes: Ich befand mich mitten in einem Gehölz. Ganz etgenthümliche, mir fremde Bäume und Sträucher standen um mich herum und dicht zu meinen Füßen lag ein klarer Teich. Die Mondstrahlen fielen durch die Zweige der Bäume auf das Wasser und beleuchteten geisterhaft eine bleiche, regungslose Gestalt, welche dort ruhte, deren Gesicht ich aber nicht sehen konnte-
Ich glaubte in der Gestalt Gertraud zu erkennen, und „Ertrunken! Ertrunken!" tönte es von allen Seiten an mein Ohr. Ich ging am Rande des Teiches entlang, immer schien der Mond auf das Waffer und immer trieb die Gestalt mit dem verborgenen Gesicht an meiner Seite hin-
Plötzlich rief ich händeringend: „Gertraud! Gertraud!" Da richtete sich die Gestalt langsam im Waffer auf. Jetzt sah ich da» Gesicht. Es waren nicht Gertrauds Züge, son-


