Ausgabe 
22.10.1895
 
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1895.

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,N»techaltungsblM jum Gießener Anzeiger (General-AMiger).

Trug-Glück.

Roman von Thekla Hempel.

(Fortsetzung.)

Trotz de« Bedürfnisses, auszuruhen, saßen die Drei noch lange beisammen. Elisabeth sehnte sich, alle ihre erregenden Erlebnisse mitzutheilen.Gott sei Dank, daß ich wieder bei Euch bin, nun erst weiß ich den Segen der Heimath zu wür­digen. Glühend sehnte ich mich in der Fremde nach Euch und nach ihr. Gewiß will ich streben, nun eine Andere zu werden." EM

Die Mutter geleitete ihr Kind in ihr kleines Stübchen. Die Einrichtung desselben stach grell ab gegen ihre sonstige Gewöhnung, allein an allem und jedem erkannte man die treue Hand der sorgenden Mutterliebe.

Noch einmal ließ Elisabeth alle Erlebnisse und alle Hoff­nungen an ihrem Geiste vorüberziehen. Gleich dem leichten Bau aus Kartenblättern, vom Kinde errichtet, um nur zu schnell zusammenzustürzen, waren auch ihre stolzen Luftschlösser in Trümmer zerfallen. Aber jeder überwundene Schmerz birgt ein Glück, ein ganzes, volles Glück der inneren Befrei­ung. Erfuhr sie dies nicht ebenfalls? Der goldene trügerische Glanz erlosch, aber sie fühlte sich geborgen in der Heimath, in der Liebe der Ihrigen; jetzt erst empfand sie klar, haß dies Glück mehr werth war, als aller Schimmer. Sehr ernst lag bie Zukunft vor Elisabeth, ste war doch nicht ganz ver­lassen; sie hoffte, daß Gott auch ihren Pfad ebnen werde und sanft schlief ste ein.

Kaum schien es möglich, daß ein Mensch sich so voll­ständig verwandeln konnte, wie es bei dem General von Kronau der Fall war. Vor wenigen Wochen noch ein frischer, blühen­der Mann, sah er jetzt wie ein Greis aus, mit weißem Haar und gelähmten Gliedern, nicht im Stande, seinem Liebling Elisabeth auch nur eine Hand zum Willkommen entgegen* Drecken. Weinend sank Elisabeth vor dem unglückseligen Vater in die Knies, sie streichelte die wachsgelben Hänoe,des- selben und bedeckte sie mit Küssen.

»Gott sei gelobt, Du lieber Vater, daß es Dir wieder

besser geht, ich will nun der Mutter recht helfen, Dich zu pflegen," rang sie dann mühsam hervor.

Schwere Stunden gab es noch für Elisabeth, Stunden, in denen sie meinte, sie habe zu viel zu ertragen. Die Eti- guette verlangte, daß sie der Landesherrin persönlich ihre Rückkehr melde. Gesenkten Hauptes schritt sie durch die Straßen, voll Furcht, Bekannten zu begegnen- Diese Furcht zeigte sich sehr unbegründet, denn Elisabeth mußte gar bald in Erfahrung bringen, daß man ihr auswich oder verlege« da» Gesicht abwendete und sie scheinbar nicht bemerkte. Sie, bis vor Kurzem da» verwöhnte Kind des Glücke», hatte noch nicht geahnt, wie schnell man vergessen wird im Unglück; wie wenig treue Freunde nur fest zu uns stehen, wenn wir herab* stürzen von der stolzen Höhe.

Zagend stieg Elisabeth, im Schlosse angekommen, die breiten, teppichbelegten Stufen empor zu den Gemächern der Fürstin. Eine Anzahl Damen, auch einige Herren harrten des Augenblickes, zur Audienz berufen zu werden. Schüchtern blickten die Neulinge in den glänzenden Räumen nach der Thür, durch welche Eines nach dem Andern verschwand, um mit mehr oder weniger befriedigter Miene zurückzukehren. Mit klopfendem Herzen berechneten sie, wie bald die Reihe an ihnen sei, vor der höchsten Frau des Landes zu erscheinen, überlegten immer von Neuem, was sie sagen und wie sie ihre Angelegenheiten am besten vertreten würden. Andere dagegen bewegten sich mjt großer Sicherheit auf dem fürstlichen Parket, begrüßten Bekannte, plauderten halblaut, musterten ihre Gs* führten und bemühten sich, zu erforschen, was Diese ober Jene hierherführe.

Elisabeth sah viele bekannte Gesichter. Vor Kurzem noch hätte sie sich mit großer Unbefangenheit unter ihnen bewegt; jetzt aber ward ihrem Gruß ein steifes, ablehnendes Neigen des Hauptes zu Theil. Nicht einmal die Herren wagten sich der sonst so gefeierten Schönheit am Hofe zu nahen und ihr Wiedererscheinen zu begrüßen. General von Kronau hatte plötzlich den Abschied genommen, wie es hieß au» Gesundheits­rücksichten, allein eine Menge von Gerüchten knüpfte sich an seinen Abschied. Nicht die geringste Auszeichnung sei dabei dem verdienten Offizier zu Theil geworden, seine Pension von den Gläubigern in Beschlag genommen und die Dienerschaft entlassen worden. Damit war er und seine Familie aus-