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Compagnie ein Mann befinde, der in Verdun die Ordonnanz des unglücklichen Commandanten Beaurepaire gewesen war-
Diese Ordonnanz hatte, als ste sich dem Karren der Marketenderin Lefebvre näherte, einen Mann erkannt, mit dem Li in der Nacht des Bombardements in Verdun gezecht hatte. Er erkannte ihn vollkommen, es war der Bediente des Barons Lowendaal und hieß Leonard.
„Leonard, der Bediente des Barons Lowendaal I" hatte Blanche gerufen, und sofort errathend, von wem der Streich ausging, begriff sie, daß Lowendaal ihr Kind entführen ließ, um sie zu beherrschen und sie zu der Hsirath zu zwingen, die sie durch ihre Flucht unmöglich gemacht zu haben glaubte. Der kleine Henriot wurde in den Händen des Barons eine Geisel.
Trotz der Warnungen des Assistenzarztes und Renses hatte sich Blanche sofort wieder auf den Weg gemacht und den bereits durchmeffenen gefährlichen Weg wieder zurückgelegt, zwischen den Hecken, dem Dickicht, den Wurzeln durchschlüpfend, Gräben überspringend, Bäche durchwatend, mit blutigen Füßen und zerrissenem Kleide war sie in's Schloß zurückgekehrt in der Hoffnung, dort Lowendaal und Leonard mit dem gestohlenen Kinde zu finden.
Sie wußte nicht, was sie thun, was ste sagen würde, um den Drohungen des Barons und den Bitten des Vaters zu widerstehen; aber sie fühlte sich stark, denn es handelte sich darum, ihr Kind den Händen des Räubers zu entreißen. In ihre Freude, Neipperg im Schlosse vorzufinden, mischte sich das Entsetzen über die Nachricht von der Abreise ihres Vaters und Lowendaals, ohne daß sich eine Spur von Leonard und dem Kinde zeigte.
Ohne Zweifel hatte der Elende sich an einem vorher bestimmten Orte dem Baron angeschloffen und ihm da» Kind übergeben.
Neipperg theilte Blanche mit, daß ihr Vater und der Baron die Straße nach Brüssel eingeschlagen.
„Wir werden ste dort morgen einholen," sagte er mit einer Sicherheit, welche Blanche ein wenig beruhigte.
„Warum machen wir uns nicht noch heute Nacht auf den Weg?" fragte ste ungeduldig. „Morgen würden wir in Brüssel sein."
„Morgen, theures Herz, theure Frau," sagte Neipperg lächelnd, „morgen muß ich mich schlagen. Erst wenn wir die Franzosen vertrieben haben, kann ich zurückkehren und die Elenden verfolgen, die uns unser Kind gestohlen. Der Soldat geht dem Vater voran."
Blanche stieß einen Seufzer aus und sagte: „Ich gehorche Ihnen und werde also warten. O, wie lang wird mir diese Nacht, dieser Tag erscheinen!"
Neipperg dachte lange nach.
„Blanche," sagte er plötzlich ernst, „was wird hier au» Ihnen werden, einer einzelnen Frau inmitten so vieler Kriegs» leute? Ich kann nicht ununterbrochen in Ihrer Nähe sein und mein Schutz kann nur beschränkt sein; ich habe keine Rechte, um Ihnen Respect zu verschaffen, um in Ihrem Namen die Hilfe, die Rücksichten und selbst die Unterstützung unserer Generale, unserer Soldaten zu verlangen. Blanche, verstehen Sie mich?"
Fräulein von Lavaline erröthete, senkte den Kops und antwortete nicht.
Neipperg fuhr fort: „Wenn wir nach der Schlacht mit Ihrem Vater und Lowendaal Zusammentreffen, werden ste nicht ihre Autorität über Sie mißbrauchen?"
„Ich werde widerstehen, werde mich vertheidigen."
„Sie werden Sie durch das Kind beherrschen und es behalten — welche Rechte hätte ich, um das Kind zu recla« miren, um ihnen zu befehlen, es zuriickzugeben? Blanche, haben Sie an diese Schwierigkeit gedacht, die nichts besiegen könnte — nichts als Ihr Wille?'
„Was soll ich thun? '
„Mir die Rechte geben, die mir erlauben würden, laut und fest in Ihrem und meinem Namen zu sprechen."
„Thun Sie, was Sie für Recht halten. Wissen Sie denn nicht, daß mein Schicksal mit dem Ihren verknüpft ist?"
„Nun denn, Blanche, wir müssen für immer vereint werden, Sie müssen meine Frau sein, willigen Sie ein?"
Statt der Antwort warf sich Fräulein von. Lavaline in die Arme Desjenigen, der ihr Gatte werden sollte.
„Es ist hier Alles zu einer Trauung vorbereitet," sagte Neipperg. „Der Priester steht vor dem Altar, der Notar schlummert mit seinen Papieren in einem der Säle des Schlosses, wir brauchen ihn nur aufzuwecke«. Er wird den Namen des Bräutigams ändern und der Geistliche uns seinen Segen geben. Kommen Sie, Blanche, machen Sie mich zum glücklichsten aller Menschen!"
Eine Stunde später wurde Blanche von Lavaline in der« selben Kapelle, wo Catherine Lefebvre einen Augenblick Braut gespielt hatte, Gräfin Neipperg.
Kaum hatten die Worte des Priesters die Gatten ver« eint, so brach in dem Thals zu Füßen der Kapelle eine heftige Füstlade los. Trompeten und Trommeln gaben das Signal zum Kampfe.
„Meine Herren," sagte Neipperg, indem er Blanche zu einer Gruppe von Offizieren führte, „ich stelle Ihnen die Gräfin Neipperg, meine Frau, vor."
Alle verbeugten sich und beglückwünschten den Bund, der an einem so schönen Schlachtenmorgen vollzogen worden war, am Tage eines großen Siege», in einer zu einer Redoute verwandelten Kapelle, wo die furchtbaren Salven der Kanonen das Halleluja der Glocken ersetzten.
(Fortsetzung folgt.)
Literarisches
Unter das Straßenpflaster der Weltstadt führt uns ein eigenartiges farbenprächtiges Bild in der neuesten Nummer (3) der Familienzeitschrift „Für Ave Wett" (Deutsches Verlagshaus Bong & Go., Berlin W. 57. Preis des Vierzehntagsheftes 40 Pfg.) Es stellt einen Querschnitt durch den Grund der Straßen einer modernen Weltstadt dar. Schon die Eanalisation, welche die Abfälle und Abwässer aufnimmt und hinausführt auf die Rieselfelder, flößt uns Respect vor den Meistern der Tiefbaukunst ein, da sie so angelegt ist, daß man bei irgend welchen Beschädigungen oder Stockungen nicht erst das Pflaster aufreißen und die Erdschicht durchgraben muß. Durch Einsteigeschachte gehen die Arbeiter in die unterirdischen Kanäle, welche hoch und weit genug sind, um alle Bewegungen darin zu gestatten und auch reine Luft hinein zu lassen. Dann findet man überall elctrische Kabel für Beleuchtungszwecke, andere wieder für electrische Kraftübertragung; die Wasserleitungsröhren, die Gasleitungen und die Leitung der pneumatischen Rohrpost. Da haben wir die Erklärung der Ordnung, Reinlichkeit und.Bequemlichkeit, welche uns oben am Tageslicht umgiebt, und das Zeugniß der Erfolge des nimmer ruhenden Menschengeistes. Roch interessanter vielleicht ist ein Artikel in demselben Hefte von „Für Alle Welt" über „Leuchtbojen und Feuerschiffe," der reich illustrirt ist und uns den Feuersignal- und Sicherheitsdienst zur See in verständlichster Weise vor Augen führt. Außerdem enthält dieses Heft neben den beiden lausenden Romanen „Die tolle Gräfin," von Paul Oscar Höcker und „Frauenherzen" von Hans Richter und der reizenden Humoreske „Der falsche Jakob" von Hans Gehlhar eine große Anzahl von Abhandlungen aus allen Gebieten der Belehrung und Unterhaltung, aus denen wir nur den „Gletschergarten" in Luzern, den „Eisenbart- Automat" und „Münchener Postillone" hervorheben wollen. Mit dem Jllustrationsschmuck in „Für alle Welt", der mit jedem Heft reichhaltig« wird, kann so leicht kein Journal concurriren. Das Heft 3 enthält wieder außer einer vierfarbigen Extrakunstbeilage „Graf Moltke erhält das Eiserne Kreuz I. Klasse" nicht weniger als 40 Illustrationen in Schwarz- und Buntdruck, von denen viele den Raum von einer ganzen oder gar von zwei Vollseiten einnehmen. Die Fülle des Gebotenen ist um so erstaunlicher, als der Preis des Vierzehntagsheftes, wie oben schon erwähnt, nur 40 Psg beträgt. Kein Wunder, daß man diesem wirklich „Für Alle Welt" geschaffenen Journal schon fast in jeder Familie begegnet.
Redaction: A. Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl'schen UniversitatS-Buch- und Stciudriickcr?i (Pietsch & Scheydq) in Gießen,


