Za Violette, ohne seine lange Gestalt um einen Zoll zu beugen, und Catherine, die Fäuste in die Hüften gestemmt, den koketten Hut mit der trikoloren Cocarde schief aufgesetzt und ihr trotzige» Lachen auf den Lippen.
In dem Augenblick, al» sie die Thür der Kapelle über» schritt, drehte sie sich um und sagte ironisch: „Auf Wieder« sehen! Ich werde noch vor Mittags mit Lefebvre und seinen Voltigeuren wieder zurück sein."
XIX.
Vor der Attacke.
Neipperg sah Catherine angstvoll nach.
Er fragte sich, ob er wirklich Blanche wiederfinden und seinen kleinen Henriot noch einmal sehen würde, so wie es die brave Marketenderin ihm angekündigt hatte.
Wie konnte eine junge Frau mit einem Kinde inmitten zweier schlachtbereiter Armeen sich ohne Gefahr den Durchgang erzwingen I
Trotzdem war er glücklich, daß die von Lowendaal und dem Marquis geplante Hochzeit nicht vollzogen war. Blanche blieb frei und konnte noch die Seine werden.
Er suchte mit den Augen Lowendaal und Lavaline — sie waren verschwunden.
Ein Unteroffizier, den er befragte, theilte ihm mit, daß der Baron und der Marquis in den angespannten Reisewagen, der sie erwartete, gestiegen seien und eilig die Straße nach Brüssel eingeschlagen hätten.
Neipperg stieß einen Seufzer der Erleichterung aus. Sein Rivale war nicht mehr da, um ihm Die, an der sein ganzes Herz hing, streitig zu machen. Die Hoffnung kehrte wieder, die Zukunft war nicht mehr ein dunkler Abgrund, in den er versank. Blanche und ihr Kind tauchten aus diesem Abgrunde wieder auf; er entriß sie der Nacht und sonnte sich mit ihnen in strahlendem Glücke.
Ein Schatten nur trübte diese glänzende Vision. Wie konnte er Blanche aufsuchen? Wo sein Kind wiederfinden?
Die Schlacht mußte bald beginnen. Er konnte nicht daran denken, die Linien zu überschreiten, nicht einmal als Parlamentär stch in's französische Lager zu begeben, zu einer Stunde, wo mit der über den Gipfeln der Hügel aufgehenden Sonne von Jemappes bis Mons die Flammen der Kanonen leuchten würden.
Er mußte also das Resultat des Tages abwarten. Ohne Zweifel würde der Sieg den alten, diseiplinirten Truppen der kaiserlichen Armee gehören. Die Sattler, Schneider und Krämer, welche die republikanischen Bataillone bildeten, konnten doch nicht hoffen, sich gegen die kriegsgeübten Soldaten des Herzogs von Sachsen zu halten! Die Kanonade von Valmy war nur eine Ueberraschung gewesen. Das Waffenglück mußte in Jemappes auf Seite der Zahl, der militärischen Kenntnisse und der tactischen Ordnung sein: Der Herzog von Sachsen- Teschen hatte bereit« einen Courier nach Wien gesandt, der die Niederlage der Sansculotten meldete.
Aber was würde in der unvermeidlichen Deroute der Franzosen aus Blanche und dem Kinde werden!
Die Angst Neippergs wuchs bei dem Gedanken an die Gefahren, welche der Niederlage und der Auflösung dieser improvistrten Armee folgen würden, die nicht im Stande war, einen Rückzug nach den Regeln der militärischen Kunst zu vollziehen.
So suchte er vergeblich nach einem Mittel, die ihm so theuren Wesen vor den schrecklichen Folgen des voraussichtlichen Zusammenbruches zu bewahren, als ein großer Lärm ihn bewog, rasch den großen Salon des Schlosses zu verlassen, der in ein Hauptquartier verwandelt worden war und wo die ihn begleitenden Offiziere nach feinem Dictat die Schlachtordres des Generals Clerfayt redigirten und den Estafetten die Schreiben an die verschiedenen Corpschefs Übergaben. Er erkundigte sich nach der Ursache dieses Lärmes.
Man theilte ihm mit, daß eine Frau mit zerrauftem Haar, zerrissenen, mit Schmutz bedeckten Kleidern und verstörten Zügen soeben beim Eintritt in den Park von den
39§ -
Wachen verhaftet worden war. Sie wollte in das Schloß dringen und gab vor, daß sie die Tochter des Marquis von Lavaline fei, der bei dem Baron Lowendaal wohne.
Neipperg stieß einen Schrei der Ueberraschung und des Schreckens aus.
Blanche im Schlosse! Blanche hatte die Truppenaufstellung durchschritten! Was bedeutete diese plötzliche Rückkehr, nachdem Catherine ihm versichert hatte, daß sie im französischen Lager in Sicherheit sei? Was für ein unerwartetes Unheil bewirkte diese unverhoffte Rückkehr?
Er befahl, daß man ihm die Frau ohne Zögern zuführen folle.
Es war in der That Blanche von Lavaline mit gänzlich zerrissenen Kleidern. Sie war durch die Hecken und Moräste der aufgeweichten Ebene gelaufen.
Er stürzte auf sie zu und riß sie leidenschaftlich an stch. Unter Schluchzen und Lachen — denn die Freude durchkreuzte ihren Schmerz, wie ein Sonnenstrahl den Regen — erzählte Blanche von Lavaline ihrem Geliebten ihre Flucht, die ihm bereits bekannt war, und ihre Ankunft im republikanischen Lager, wohin die Soldaten des Capitäns Lefebvre sie escortirt hatten.
Nach den Andeutungen der guten Catherine hatte sie sich eilig zur Kantine des 13. Regiments begeben.
Dort fand sie in dem Karren der Marketenderin, auf einer Matratze und in Decken gehüllt, ein schlafendes Kind. Daneben befand sich eine andere Matratze, deren Decken jedoch zmückgeschoben waren.
Sie hatte sich zu dem schlafenden Kinde herabgebeugt und schon wollte sie ihren Mund auf die reine Stirn ihres Sohnes drücken und ihn durch diesen Kuß aus dem Schlafe wecken, als sie bei dem Licht einer Laterne, welche der sie begleitende Soldat trug, die Züge des kleinen schlafenden Wesens unterschied.
Es war ein kleines Mädchen, das, erwachend, sie mit entsetzten Augen anstarrte. Sie stieß einen lauten Schrei aus.
„Wo ist mein Kind, wo ist mein kleiner Henriot?" rief sie in Todesangst.
Das kleine Mädchen schaute neben sich und sagte: „Ei, Henriot ist nicht mehr dal Ist er denn zu den Kanonen gegangen? Der böse Bube, warum hat er mich nicht aufgeweckt?"
Ein Soldat erklärte nun, daß er einen Mann, einen Civilisten, bemerkt zu haben glaube, der sich in der Richtung von Maubeuge geflüchtet hatte und in seinen Armen ein schlafendes Kind trug. Als Blanche diese furchtbare Nachricht hörte, war sie in Ohnmacht gefallen. Man trug sie zum Sanitätsposten und ließ ihr alle Sorgfalt angedethen.
Als sie die Augen öffnete, verlangte sie sofort nach ihrem Kinde und wollte sich erheben, sich auf die Verfolgung machen. Der Assistenzarzt, der sie pflegte, hatte mit ihrem Schmerze Mitleid.
„Sie können nicht äuf dieser, mit Karren, Truppen und auch Flüchtlingen besetzten Straße durchkommen," sagte er zu ihr.
„Ich will mein Kind wiederfinden!" wiederholte die unglückliche Mutter hartnäckig und fügte hinzu, indem sie den Assistenzarzt anflehte, sie fortzulassen: „Wozu hat dieser Mann meinen Sohn genommen? Welches Verbrechen verbirgt sich hinter dieser Entführung? Wer hat diesen Elenden bezahlt?"
Der Assistenzarzt Marcel vermochte auf die hastigen Fragen der jungen Frau nicht zu antworten. Ein Sergeant, der in die Ambulanz des Assistenzarztes getreten war und ihm leise etwas in'« Ohr geflüstert hatte, sagte plötzlich mitleidig: „Madame, ich habe etwas erfahren, was Sie auf die Spur des Elenden bringen kann, der sich ohne Zweifel mit Hilfe von Verrath in's Lager einschlich."
„O, Sergeant, sagen Sie mir, was Sie wissen!" rief Blanche, wieder Hoffnung fassend.
„Sprich, Renoe," sagte der Assistenzarzt; „bei einer solchen Sache kann die geringste Andeutung helfen, den Schuldigen zu finden."
Und der hübsche Sergeant — denn e» war die junge Braut de« Philosophen Marcel — erzählte, daß sich in seiner


