Stunde noch nicht vergessen: Sonnabend Nachmittags, um 3/44 Uhr!
Warum lächeltest Du nur immer so sonnig, Marie Elschen? Du warst daran schuld, wenn ich immer mehr wollte und mehr wagte. Ich brachte Dir Veilchen, mitten im Winter, von meinem Taschengelde theuer erstanden. Und als ich es gemerkt, daß Du meine Vorliebe theiltest — sie war's auch wirklich werth, denn die Drops beim Theehändler an der Ecke oben am Meßplatz und, erst seine Eisbonbons waren unvergleichlich — da gingen wir fast stets, ehe wir die Richtung zur Wolsschlucht einschlugrn, zu diesem guten, alten Mann mit der türkischen Mütze auf dem Kopfe und dem bunten Schlafrock, den er zu allen Jahres« und Tages« zeiten trug. Dann bliebst Du im Hausgang stehen und lugtest nur verstohlen durch die Glasscheiben der Thür, ich aber, ich ging stolz in das Heilige seines Reviers und unter« handelte mit ihm: „Für zehn Pfennige Drops und für zehn Pfennige Eisbonbons!"
Selige, glückliche Zeit, wo ich sie aß, Du eins, ich eins, Du eins, immer in gleichem Tempo, wo ich so unschuldig und kindlich bis über die Ohren verliebt war und Dich so glühend verehrte und Du wie eine kleine, schöne Königin meine Huldigungen annahmest und mir fle königlich lohntest durch Dein liebe», sonniges Lachen, durch manches liebe, sonnige Wort und durch königliche Gnaden . . .
Du hast es gewiß vergesien, ich aber weiß es noch. Im Hausgang des Theehändlers war es. Ich hatte tüchtig eingekauft und hielt Dir beide Düten offen hin, und Du untersuchtest ihren Inhalt, ob er auch gerade so gut sei wie da» vorherige Mal. Dabei meintest Du, es wäre eigentlich zu viel von mir, und Du hättest gar nichts für mich, und das Stück Torte von Eurer letzten Gesellschaft, das Du mit mir hättest theilen wollen, habe das lange Aufheben absolut nicht vertragen. Gerade zu rechten Zeit hättest Du es ge« geflen.
„Bist Du nicht böse, wenn ich mir etwas von Dir nehme?" fragte ich geheimnißvoll und naiv. Verstandest Du wirklich nicht, was ich meinte? Du lachtest nur, und mich dünkte es, etwas fchmelmifch, und versichertest mir eifrig, „Gewiß nicht würdest Du böse sein!" — Und ich küßte Dir die Hand, gerade da, wo sie eben noch außerhalb der Düte zu erhaschen war! — Da schlugest Du nach mir, aber lachend — und thatest doch dann, als ob Du zürntest. Dies alles war jedoch so — so das Gegentheil von dem hervorlockend, was man anscheinend verfolgte, so provozirend, so ermuthigend, so reizend, daß ich nun wie ein Löwe, der Blut geleckt, denn heiß war das meine von Jugend an — auf Dich eindrang und trotz all' Deiner Abwehr, all' Deines Sträubens Dich küßte; die Lippen konnte ich zwar nicht treffen, und mein Kuß kam Dir auf die linke Schläfe; ich hätte es aber ge« wiß nicht bei dem einen bewenden taffen — l’appetit vient en mangeant — aber Deine blonden, wunderbar weichen Härchen kitzelten mich so, daß ich doch Dich lassen mußte. Zum Glück warst Du auch jetzt noch nicht ernstlich bös, denn wenn Du auch minutenlang so thatest, aus den lachenden, strahlenden Augen Dein las ichs doch anders! Es war ja auch alles ganz heimlich hinter der Hausthür des Thes« Händlers geschehen, und als wir nun wieder ganz sittsam auf der Straße gingen, sah es uns doch auch Niemand mehr an . . . und darum wohl vergaßest Du so schnell Dein Zürnen, und in unbeschreiblicher, zutraulicher Kindlichkeit fragtest Du mich an der nächsten Ecke: „Bist Du auch schon fertig mit Deinem Bonbon?" (Schluß folgt.)
Madame Sans Göne.
ftemon «ach Bictorien Sardou und F. SRotreeiu Deutsch eew Adele Berger.
(Fortsetzung.)
„Danke!" antwortete die Marketenderin einfach. „Aber La Violette?" fügte sie hinzu, indem sie auf den ^Kantinen«
gehilfen zeigte, der stolz seine lange Gestatt in die Höhe richtete, um sich dem feindlichen Offizier von der besten Sette zu zeigen.
„Dieser Mann ist Soldat, ist mit List hier elngedrungen; man kann ihm die für Spione bestimmte Behandlung nicht ersparen."
„Dann werden Sie mich mit ihm füsiliren lassen," sprach Catherine einfach. „Man soll später in unserem Lager nicht erzählen, daß Catherine Lefebvre, die Marketenderin vom Dreizehnten, einen braven Jungen im Stiche gelassen hat, der nur um ihretwillen sich von den Oesterretchern fangen ließ. Vorwärts, Oberst, geben Sie Ihre Befehle, und man soll schnell machen, denn ich könnte weich werden — es ist keine lustige Vorstellung, ein Dutzend Kugeln in die Haut zu be« kommen, wenn man noch so jung ist — und seinen Mann liebt! Armer Lefebvre, ich werde ihm abgehen; aber das ist einmal der Krieg!"
„Pardon, Herr Oberst," sagte La Violette mit seiner hohen Kinderfiimme, „wenn Sie nichts dagegen haben, mich allein zu füsiliren — denn ich hab'» verdient — Jeder für sich und wehe den Gefangenen — aber Madame Lefebvre hat nichts gethan. Auf Ehre, Herr Oberst, ich habe sie hierher gebracht."
„Du und warum? Was wollte sie mit Dir in diesem Schlosse?"
„Ich habe sie gezwungen, herzukommen, um das Kind zu tragen- Ich bin als Amme nicht besonders geübt."
„Was für ein Kind? O Gott!" rief Neipperg plötzlich, indem er sich zu Catherine herabbeugte. „Sie sollten ein Kind hierherbringen — dieses Kind . . ."
„Ist das Ihrige, .Herr Graf. Ich hatte Fräulein von Lavaline versprochen, Ihren Sohn hierher nach Jemappss zu bringen."
„Und Sie haben es gewagt, braves Herz? Wo ist mein Kind?"
„In Sicherheit, im französischen Lager bei seiner Mutter."
„Fräulein von Lavaline ist also nicht mehr hier? Was sagen Sie mir da?"
„Sie ist geflohen, gerade als ihr Vater sie zwingen wollte, den Baron von Lowendaal zu heirathen."
„O, so wäre ich also zu spät gekommen ohne Sie?"
„Ohne La Violette," sagte Catherine. „Er hat Alle- gemacht."
„Nun, ich sehe schon, daß ich auch La Violette freigeben muß," sagte Neipperg lächelnd. „Catherine, Sie sind frei! Und führen Sie auch Ihren Kameraden mit. Ich werde Ihnen zwei Mann mitgeben, die Sie bi» zu den Vorposten begleiten werden."
Dann, nachdem er die nothwendigen Befehle ertheilt hatte, sagte Neipperg zu Catherine: „Sie werden Blanche Wiedersehen. Sagen Sie ihr, daß ich sie noch immer liebe und erwarte. Nach der Schlacht werde ich sie auf der Straße nach Paris wiederfinden."
«Oder auf der Straße nach Brüssel, Herr Graf!" ant« «ortete Catherine keck.
Neipperg antwortete nicht. Er führte die Hand an den Hut und sagte: „Benutzen Sie die letzte Stunde der Nacht, um wieder in Ihr Lager zu gelangen, und glauben Sie, meine liebe Madame Lefebvre, daß ich meine Schuld noch nicht sür bezahlt erachte, ich bin Ihnen noch immer verpflichtet. Vielleicht werden die Zufälle des Krieges mir noch Gelegenheit geben, Ihnen zu beweisen, daß Graf Neipperg kein Undankbarer ist."
„Pah, wegen der Geschichte vom 10. August find wir quitt, Herr Graf, aber wegen dieses Jungen da bin ich Ihnen noch etwas schuldig," sagte Catherine, indem sie auf La Violette deutete. „Doch Sie haben Recht, wir sind Kriegsleute, und früher ober später werden wir quitt werden. Adieu, Herr Oberst, und Du, großer Lümmel, rechts geschwenkt und im Geschwindschritt vorwärts marsch 1" fügte sie hinzu, indem sie La Violette einen freundlichen Puff versetzte.
Beide gingen stolz an den österreichischen Soldaten vorüber,


