Ausgabe 
22.6.1895
 
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mit offenem, ernstem Ausdruck in den Augen und einem trüben Lächeln um den Mund.

Und haben Sie keine weiteren Befehle, keine andere Weisung für mich?" fragte er.

Nur daß ich glaube, Cora muß in dieser Gegend hier sein, da sie in kürzester Zeit zweimal hier gesehen worden ist," bemerkte sie,und vermuthlich durch irgend einen Zufall verhindert ist, ihre Flucht fortzusetzen. Ich wage nicht, in der Angelegenheit thätig zu erscheinen, doch stehe ich Ihnen mit Allem, was ich zur Flucht thun oder geben kann, gern bei wenn Sie nur einen Weg ausfindig machen können, sich mit mir in Verbindung zu setzen."

Vielleicht können Sie diese Straße in den nächsten Tagen wieder einmal bei Ihrem Spazierritt benützen," entgegnete er.Ich ... ich werde jedenfalls wieder hier sein, falls ich Ihnen etwas mitzutheilen habe. Dann aber muß ich diesen Ort und dieses Land verlassen und auf Reisen das hier Er­lebte zu vergessen suchen."

Er reichte ihr die Hand, um ihr beim Aufsteigen behilf­lich zu sein und im nächsten Augenblick saß ihre schlanke Ge­stalt sicher im Sattel.

Wem habe ich zu danken?" fragte sie.

Rupert Falkner heiße ich," antwortete er. «Leben Sie wohl, Lady Marian ... Sie sollen Ihr Vertrauen nicht zu bereuen haben."

Schnell ritt sie von dannen; in der Aufregung und Hast dieser Unterredung hatte sie ihr Unwohlsein vergessen.

Rupert schaute ihr nach, bis sie seinen Blicken entschwun­den war, dann kehrte er langsam in das Häuschen zurück, in dem er Wohnung und einen Verbündeten gefunden hatte.

XXXI.

Es ist keine Hoffnung, Cora. So lange ich an diesem Orts bleibe, wird es bei all' Ihrer Sorgfalt nicht besser," sagte Lord Belfort traurig. «Schade, daß ich nicht den Hals brach und Sie von Ihrer großherzigen Aufopferung befreite."

Sprechen Sie nicht fo l Auch dann wäre ich sehr tröst- los gewesen," entgegnete Cora.Es ist doch Etwas, das Be­wußtsein zu haben, für Jemand sorgen und ihm von Nutzen '«n ru können und zu glauben, daß ich Ihnen geholfen habe. Aber ich glaube, ich habe einen Ausweg aus dieser Höhle ae- funden," setzte sie dann heiter hinzu.

Er blickte sie ungläubig an.

Sagen Sie mir erst mehr," sprach er matt lächelnd, ehe ich auf etwas so Unwahrscheinliches zu hoffen wage."

Sehen Sie!" antwortete sie triumphirend.Ich glaube, d" Himmel hat dies nur zu Ihrer Hilfe geschickt. Ich fand es heute Morgen, als ich in dem Steinbruch nach einem be­quemen Ausweg für Sie suchte. Ein Steinbrecher, der hier gearbeitet hat, wird es liegen gelassen haben."

»ei diesen Worten zog sie einen langen, dicken Strick tftoÄ ^»?bdenfalls auch noch eine schwerere Last als Lord Belfort hätte tragen können.

,, «,/Zun hören Sie mich an," sprach sie weiter.Wenn ich diesen Strick an einen jener Bäume befestige, werden Sie sich, nun die Schmerzen etwas nachgelassen haben, daran empor­ziehen können. Was meinen Sie dazu? Wollen Sie es denn wagen?

r .'.'36/' sagte er,für uns Beide ist jedes Andere besser, als dieser langsame Tod. Aber bevor wir diesen gefahrvollen h?ren Sie mich an, geliebtes Mädchen. Ich Ihnen mehr, als Worte auszudrücken vermögen, nicht

2- s^ Mes das, was Sie um meiner Rettung willen ge- sondern auch für den Beweis, was ein Mädchen

sei» M^nd «ie der Mann sein sollte, um ihrer werth zu erinnern, Cora, wenn ich sterbe?

WollenSe an die treue Liebe glauben, die ich für Sie hege, eine Andere so geliebt habe, noch lieben kann? ^mGedächtniß behalten und vergessen, wieviel ich Ihnen kostete, theure Cora?"

n- j"'. ^er Sie sollen, Sie dürfen nicht sterben!" rief sie erregt aus.Es bedarf nur einiger Vorsicht! Um meinet­

willen werden Sie nicht ermatten. Ich könnte es mir nie vergeben, wenn ich schuld an Ihrem Tode wäre."

Nicht doch! Es wäre meine eigene Schuld!" entgegnete er ruhig.Cora, nehmen Sie diesen Ring und bewahren Sie ihn zum Andenken an mich, wenn ich sterben sollte, und versprechen Sie mir, daß Sie sich, so lange Sie leben, nie von demselben trennen wollen."

Ich verspreche es," sprach sie und verbarg den Ring in ihrem Kleide.Ob Sie leben oder sterben, Lord Belfort, er soll mich nicht verlassen. Ich glaube und vertraue Ihnen jetzt und werde stets an Sie als einen treuen werthen Freund denken, was auch zwischen uns treten möge."

So besiegle ein einziger Kuß dieses Gelübde, Theuerste!" sagte er.Es ist nur eine Zärtlichkeit, wie man sie einem Sterbenden wohl gewähren darf."

Er zog sie sanft an sich und drückte mit einer Ehrerbie­tung, wie er sie einer Fürstin gegenüber gezeigt haben würde, einen Kuß auf ihre Lippen.

Eine Liebkosung in solcher Weise und zu solcher Stunde konnte Cora nicht bereuen. Es war mehr der Kuß eines Bruders oder eines scheidenden Freundes, als der einer Ge- liebten.

Jetzt war auch keine Zeit, weiter darüber nachzudenken.

Doch bevor sie sich von der Stelle gerührt hatten, gab es einen Krach von herabfallenden Steinen, hastige Schritte schreckten sie aus ihrer Ruhe auf und die strengen, barschen Worte drangen an ihr Ohr:Schurke! Mörder! Wüstling! Habe ich Dich endlich gefunden?"

Rupert Falkner stand vor ihnen und sein Gesicht kämpfte buchstäblich mit der düsteren, drohenden Leidenschaft, die jeder seiner Züge ausdrückte. (Fortsetzung folgt.)

Madame Sans Gdne.

Roman nach Victorie» Sardou und F. Morr«»«.

Deutsch von Adel« Berger.

(Fortsetzung.)

Mit Hilfe seines Oheims, des Pfarrers, ward es Marcel möglich, bei einem alten Arzte, einem Freund des Priester«, einige Anatomiestunden zu nehmen, und mit eifrigen Studien und Geduld hatte er sich zu den ersten Prüfungen vorbe­reitet, die er in Rennes ablegte.

Er wollte also Arzt werden und in den Zukunfts­plänen, die er am Rande des geschwätzigen Baches mit Rense entwarf, die seinetwegen die Jagd entschieden vernachlässtgte und die Flinte nur mehr als Entschuldigung ihres langen Ausbleibens mitnahm, sah er sich zuerst in Rennes, dann aber in Paris, dem einzigen Orte, wo die Wissenschaft und zugleich Berühmtheit und Vermögen zu erwerben war, jene schöne Kunst des Heilens ausübend, die die Alten zu einem göttlichen Attribut machten.

Marcel, friedlich und sentimental angelegt, besaß die Seele eines Philosophen und hatte die Schriften Rousseau« mit Leidenschaft gelesen. Er betete die Natur an und sein Glaubensbekenntniß war das des favoyardischen Vikars. Seine Gedanken, den beschränkten Kreis der Dinge und Wesen, die ihn umgaben, erweiternd, umfaßten die gesammte Menschheit. Er träumte sich als Bürger der Welt und ver- kündete, daß die Erdkugel das Vaterland aller menschlichen Wesen sei. Es waren ihm mehrere Schriften von Anacharsi« Clootz, bekannt unter dem Namen des Philosophen Anax- agoras, in die Hände gefallen, und er hatte sich seine Lehre von der Unioersalrepublik zu Eigen gemacht.

In diesen Zukunftsträumen ging der junge kosmo­politische Arzt nicht allein nach Paris und dem Ruhm ent­gegen Rense begleitete ihn, Reuse, seine Frau. Denn die jungen Leute liebten sich, ohne es einander je klar gesagt zu haben, und hatten sich im Herzen geschworen, einander nie zu verlassen.

Ihr Alter paßte, sie gefielen einander und da ihre Vermögensverhältnifle so ziemlich die gleichen waren, schien